TV-Duell: Clinton negativ, Trump negativer

10. Oktober 2016, 14:51
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Ein großer Teil der US-Bürger lehnt beide Präsidentschaftskandidaten ab – Verschwörungstheorien blühen nach Sexismusskandal

Donald Trumps Umfragewerte haben durch die Affäre um elf Jahre zurückliegende sexistische Aussagen eine Delle davongetragen, in Umfragen liegt er mittlerweile mehr als fünf Prozentpunkte hinter seiner demokratischen Konkurrentin Hillary Clinton. Das TV-Duell der US-Präsidentschaftskandidaten in der Nacht auf Montag hat allerdings kaum Einfluss auf den weiteren Wahlkampf.

Zuschauer sehen beide Kontrahenten negativ

Eine Blitzumfrage des Nachrichtensenders CNN im Anschluss an die Debatte zeigte zwar, dass 57 Prozent der Zuschauer Clinton als Siegerin sahen, nur 34 Prozent hielten Trump für den Gewinner. Die auf Social Media spezialisierte Monitoringfirma Brandwatch erhob jedoch, dass beide Kandidaten zum überwiegenden Teil negativ wahrgenommen wurden. So waren 66,9 Prozent der in Twitter-Postings abgegebenen Meinungen zu Trumps Auftritt negativ, während Clintons Aussagen von immer noch 57,8 Prozent negativ bewertet wurden.

An Trumps Auftreten wurde insbesondere seine Körpersprache kritisiert: Er stand hinter seiner demokratischen Gegnerin und zog Grimassen, während sie redete, oder er wackelte sichtlich gelangweilt hinter seiner Sessellehne hin und her. Twitter-Nutzer bezeichneten sein Verhalten als "Stalken". Clinton wurde vorgeworfen, zu passiv agiert zu haben, sie wirke nicht hungrig genug, meinte ein Nutzer.

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Trumps schwindende Unterstützung der Partei

In den vergangenen Tagen distanzierten sich infolge des veröffentlichten Skandalvideos aus dem Jahr 2005 immer mehr Republikaner von ihrem Kandidaten. Auch der Vorsitzende im Abgeordnetenhaus, Paul Ryan, und Senator John McCain haben sich klar gegen Trump positioniert.

Vizepräsidentschaftskandidat Mike Pence hatte sich am Wochenende zwar von Trumps Aussagen in den umstrittenen Aufnahmen distanziert und sich als persönlich gekränkt bezeichnet. Nach dem TV-Duell gratulierte er seinem Chef jedoch zu einem "großen Sieg". Auch die republikanische Anti-Establishment-Fraktion bietet ihm noch Rückhalt.

Seit der Veröffentlichung des viralen Videos am Freitag hat das republikanische Bundeskomitee keine Empfehlung dazu gegeben, wie die Parteifunktionäre mit dem Debakel umgehen sollen. Einige Republikaner fordern sogar Trumps Rücktritt von der Kandidatur. Damit ist jedoch nicht zu rechnen – erstens ist es zu spät, um einen neuen Kandidaten zu nominieren, zweitens hat Trump bereits erklärt, er würde keinesfalls aufgeben. Dass die Republikanische Partei Trump als eigenen Kandidaten noch verhindern könnte, ist unrealistisch. Schließlich findet die Präsidentschaftswahl bereits in vier Wochen statt, und die Stimmabgabe hat bereits Ende September begonnen. Am Montag wollten sich die republikanischen Abgeordneten des Repräsentantenhauses treffen, um über die weitere Vorgangsweise zu beraten.

Verschwörungstheorien blühen

Die Veröffentlichung der kompromittierenden Aufnahmen gerade in der heißesten Wahlkampfphase sorgt naturgemäß für Verschwörungstheorien. Unter Verdacht steht das Establishment der Grand Old Party, schließlich ist Trump innerparteilich umstritten wie noch kein republikanischer Kandidat zuvor. Das aufgezeichnete Gespräch hatte Trump im Jahr 2005 jedenfalls mit Billy Bush, einem Cousin von Ex-Präsident George W. Bush und seinem Bruder Jeb Bush, geführt. Die beiden Bushs hatten schon zuvor Trump die Gefolgschaft verweigert.

Aber auch ein Ablenkungsmanöver der Demokraten wird thematisiert: Die Empörung über Trump überlagert in den Medien die Debatte über Clintons E-Mail-Affäre völlig. Die von der Aufdeckerplattform Wikileaks veröffentlichten E-Mails aus der Zeit Clintons als Außenministerin sind das Damoklesschwert über der Kampagne der demokratischen Kandidatin. Dass die Medien ihren Fokus auf Trump richten, nützt Clinton im Wahlkampf zwischen den beiden unbeliebtesten Kandidaten aller bisherigen Präsidentschaftswahlen.

"Gegen" statt "für" jemanden stimmen

Die Unbeliebtheit Trumps und Clintons hat ein historisches Niveau erreicht. Einer Analyse des "Guardian" zufolge werden am 8. November viele Wähler ihre Stimme einem der Kandidaten geben, um den anderen zu verhindern. Bei der sogenannten Zurückweisungsstrategie seien die Wähler entschlossener und liefen nicht so sehr Gefahr, manipuliert werden zu können, sagen Verhaltensforscher. Die Schwächen und Fehler des Gegenkandidaten helfen dabei dem "kleineren Übel", die Wahlentscheidung wird nicht aufgrund positiver Eigenschaften eines Kandidaten getroffen. (Anja Malenšek, Michael Vosatka, 10.10.2016)

  • Trump stand während der Debatte hinter Clinton und zog Grimassen, während sie redete, oder wackelte gelangweilt hinter seinem Sessel hin und her.
    foto: apa/afp/richards

    Trump stand während der Debatte hinter Clinton und zog Grimassen, während sie redete, oder wackelte gelangweilt hinter seinem Sessel hin und her.

  • Trump-Anhänger in Manhattan.
    foto: reuters/kelly

    Trump-Anhänger in Manhattan.

  • Ein Clinton-Anhänger in Mexiko-Stadt.
    foto: apa/afp/pardo

    Ein Clinton-Anhänger in Mexiko-Stadt.

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