"Das goldene Vlies": Die Latexhaut der Mächtigen

10. Oktober 2016, 07:46
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Meisterwerk der Aussparung: Alia Luque inszeniert Grillparzers Stück am Landestheater in St. Pölten

St. Pölten – Die dramaturgische Disposition ist verblüffend: Franz Grillparzers Triptychon Das goldene Vlies – bestehend aus Der Gastfreund, Die Argonauten und Medea – benötigt unter den Händen von Regisseurin Alia Luque am Landestheater Niederösterreich nicht einmal zwei Stunden, um seine Tentakelarme zerstörerischer Gewalt auszubreiten. Und das obwohl Luque weitere Texte in das dreiteilige "dramatische Gedicht" einbaut: jene von Christa Wolf, Heiner Müller, Jean Anouilh sowie aus der Kindertragödie von Suzanne Osten/Per Lysander (Dramaturgie: Julia Engelmayer).

Die Länge eines Abends ist gewiss kein Anhaltspunkt für die Qualität desselben, doch es bleibt bemerkenswert, wie intensiv die vergleichsweise kurze Aufführung ihre Anliegen vorzubringen weiß. Kaum sind die ersten Blicke gewechselt, hat man sich den Nagel der Schuld auch schon eingetreten. Phryxus, der Vlies-Träger, wird seines Machtinsigniums wegen von Medeas Vater getötet.

Für diese erste, der eigenen Machterweiterung dienende Tat, wird das Kolcher Geschlecht lange büßen. Medea, die an der Seite Jasons ihre blutbefleckte Familie flieht, aber auf allen Inseln Griechenlands verstoßen wird, schließlich auch vom eigenen Ehemann, wird eines der größten Opfer sein wie auch – durch den Mord an ihren Kindern, sowie an ihrer vermeintlichen Nachfolgerin Kreusa – zur Täterin werden.

Es sind keine Menschen (also solche mit Fußpilz oder die Kastanien klauben), die in den griechischen Tragödien agieren, vielmehr Prinzipien in humanoider Gestalt. An diesem Grat operiert Luque; sie spart runter auf abstrakte Sprechakte, in denen die Spieler in präziser Dynamik – wie einander auflauernde Löwen im Käfig – mit Sätzen aufeinander losgehen. In diesem choreografischen Spannungsfeld bewegt sich auch das Vlies mit (als Tänzer anwesend: Milan Loviska).

Luque kleidet das Figurenpersonal in Latex (Bühne, Kostüme: Christoph Rufer, Ellen Hofmann), das weniger wie Gewand, denn wie eine zweite Haut die Körper überzieht. Alle halten sie sich Gemütsregungen vom Leib. Allen voran Medea (toll: Silja Bächli), die ihren Körper mit voller Wucht auf den verräterischen Jason (Tobias Artner) wirft, sodass die Häute schmerzhaft quietschen.

Die Doppelbesetzungen – z. B. Bettina Kerl einerseits als Medeas Bruder sowie als Kreusa (Medeas Feindin) – zeichnen die Fortsetzung der angehäuften Schuld nach. Ein kluger, präziser, spannender und sogar junges Publikum ansprechender Abend. (Margarete Affenzeller, 10.10.2016)

  • Medea (Silja Bächli) und Absyrtus (Bettina Kerl, stehend).
    foto: alexi pelekanos

    Medea (Silja Bächli) und Absyrtus (Bettina Kerl, stehend).

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