Grazer Musikprotokoll: Moderne im Sofa der Tradition

10. Oktober 2016, 07:26
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Reiches Angebot an bunter Musikmoderne am Samstag in der Helmut-List-Halle in Graz

Graz – Ferne Musiktradition, verehrt und skeptisch beäugt zugleich, fungierte lange als Objekt der Abgrenzung. Im Sinne der innovativen Selbstfindung übte sich die Moderne gerne in Distanz. Es birgt allerdings durchaus Reize, wird einmal komponierend die Nähe zum Monument gesucht, zu jenen in altehrwürdigen Werken aufbewahrten Erfahrungen, wie sie etwa Schuberts Winterreise in sich trägt.

Gleich zweimal betritt das Zeitgenössische beim Grazer Musikprotokoll (in der List-Halle) diesen Liedkosmos der existenziellen Grenzerfahrungen: In Monadologie XXXII The Cold Trip pt.1 für Stimme und vier Gitarren lässt Bernhard Lang das Original zwar für Sekunden durchschimmern. Tendenziell jedoch deutet er Teile des Zyklus aus jener stilistischen Haltung des Repetitiven heraus, die für ihn mitunter typisch ist. Da steigen aus dem (mit unkonventionell gestimmten Gitarren erbauten) atmosphärisch starken Klangnebel gewissermaßen maschinell-puppenhaft anmutende ariose Linien auf.

Der Eindruck entsteht durch beharrliche Wiederholung von Phrasen, die Sopranistin Daisy Press über die delikaten Beiträge des Aleph Gitarrenquartetts legt. In der zweiten Auseinandersetzung mit der Winterreise geht Gerhard E. Winkler vom Finale aus, also vom Leiermann. Dabei schimmern in Anamorph IX (Frostblues zur Winterreise) für Gitarrenquartett und Sopran melancholische Jazzreminiszenzen an US-Sängerin Billie Holiday (Good Morning Heartache) durch, wie auch bluesige Farben die subtile Auseinandersetzung würzen.

Da Vielfalt beim Musikprotokoll immer wesentlich ist, blieb es nicht bei intimen, kammermusikalischen Statements. Zwar gab es da auch witzig-pointierte "Kleinigkeiten" wie Quiet, please für drei Blechbläser-Mundstücke von Vito Zuraj. Die effektvoll inszenierte Kommunikation ging verspielt einer großen Begegnungen voraus: In der List-Halle trafen das RSO-Wien und das Klangforum Wien aufeinander.

Und bei Changeover für Instrumentalgruppen und Orchester bewies Zuraj, dass er auch bei üppigen Orchestermassen befähigt ist, das mitunter auch perkussive Gestenrepertoire der Moderne im Sinne einer tragfähigen Werkdramaturgie einzusetzen. Der eher Richtung Subtilität tendierende Großbeitrag Verbinden und Abwenden von Zeynep Gedizlioglu tat sich da etwas schwerer, die RSO/Klangforum-Besetzung als zwingend notwendig erscheinen zu lassen. Mehr Kompaktheit hatte Gedizlioglus Jetzt mit meiner linken Hand, das vom Klangforum unter dem souveränen Dirigenten des Abends, Johannes Kalitzke, stringent umgesetzt wurde. (Ljubisa Tosic, 10.10.2016)

  • Setzten beim Musikprotokoll zwei kompositorische Auseinandersetzungen mit Schuberts "Winterreise" delikat um – das Aleph Quartett.
    foto: brehmer

    Setzten beim Musikprotokoll zwei kompositorische Auseinandersetzungen mit Schuberts "Winterreise" delikat um – das Aleph Quartett.

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