Defensives Delirium im Übermaß

10. Oktober 2016, 00:52
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Österreich hätte in Serbiens Hauptstadt durchaus Zählbares erreichen können – eine Einzelspielerkritik

Ramazan Özcan: Erstmals in einem Bewerbsspiel von Beginn an die Nummer eins, Almers beleidigter Wade sei Dank. Dafür, dass er zweimal die Kugel aus dem Netz bergen durfte, ohne davor einen einzigen haltbaren Ball vorgesetzt zu bekommen, wird sich der Reserve-Leverkusener eher nicht bedankt haben. Die Partie ließ sich über eine Stunde Zeit, ehe sie Österreichs Schlussmann doch noch Gelegenheit zur Bewährung gab: Ein abgefälschter Versuch von Tadic fand da auch seinen tadellosen Meister. Beim dritten Gegentreffer ebenso ohne Möglichkeit wie bei dessen Vorläufern.

Florian Klein: Mittige Feuerwehr vor dem 0:1, die Löschaktion gegen Tadic und dessen Assist war jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Leitete den Ausgleich zumindest indirekt ein, seine Hereingabe wurde von Mitrovic gütigst in eine Idealvorlage für Sabitzer umgewandelt. Im Kopfballduell mit dem anderen Mitrovic beim 1:2 dann wieder nicht mehr als Staffage. Auf seiner eigentlichen Position vielleicht noch der solideste einer ansonsten windigen ÖFB-Viererkette. Beste Offensivaktion: eine Flanke, die in der Nachspielzeit Schöpf fand und so noch eine letzte Großgelegenheit zum Ausgleich provozierte.

Aleksandar Dragovic: Rückte vor dem ersten Gegentor, dem nach links herausrochierenden Kostic folgend, weit auf die Flanke hinaus, hatte jedoch Verspätung und konnte das Unheil ebenso wenig verhindern wie die durcheinandergewürfelten Kameraden. Stetig unsicher, was womöglich auch mangelnder Spielpraxis geschuldet ist. Legte mit einem harakiriartigen Klärungsversuch kurz vor der Pause beinahe ein drittes serbisches Goal auf. 20 Minuten vor Schluss verletzt out.

Martin Hinteregger: Bekam mit Stoßstürmer Mitrovic mehr als genug Probleme, Erinnerungen an den ungut ausgegangenen Fall Szalai aus unseligen Euro-Tagen wurden wach. Das begann bei einem falsch eingeschätzten hohen Ball in der Frühzeit, der, den Augsburger überhoppelnd, vom Serben lässig abgeholt werden konnte. Das setzte sich bei beiden Gegentoren fort, als er, im Niemandsland postiert, durch Abwesenheit glänzte.

Kevin Wimmer: Schwieriger Start, der sich zum Dauerbrenner auswuchs. Die Serben bevorzugten bei ihren schnellen Vorstößen wohl nicht zufällig die Seite des gelernten Zentralverteidigers, der sich beim 0:1 nach Noten ausmanövrieren ließ. Auch danach zittrig und mit groben Orientierungsproblemen. Ging, aufgerückt, seines Mannes Tadic auch beim zweiten serbischen Goal verlustig. Beim entscheidenden dritten Gegentreffer befand er sich mit der serbischen Nummer 10 zwar näher auf Tuchfühlung, wurde vom besten Mann auf dem Platz jedoch erneut übertölpelt – mochte dessen Trick in Wahrheit auch gar keiner gewesen sein.

Julian Baumgartlinger: Ballgewinner, Ballverteiler. Kraftzentrum. Energetischer Raumzusteller. Trübte eine ansonsten ordentliche Vorstellung durch eine Vertändelung des Spielgeräts, die im zweiten serbischen Treffer münden sollte. Mehrfach grob genommen, was den Neu-Leverkusener selbstverständlich nicht anfocht. Zunächst. Denn schlussendlich musste er doch angeschlagen aus dem Spiel genommen werden.

David Alaba: Ein Baumgartlinger mit dem Schuss Eleganz. Konnte sein Offensivimpulsniveau aus der Wales-Partie nicht halten. Dafür war die Präzisionsrate zu gering, eventuell auch die Entschlossenheit. Stellte in einer Szene angesichts des blessiert am Boden liegenden Sechserkollegen das Spiel auf offener Szene ein, die Serben nutzten den Aussetzer skrupellos zu einem weiteren ihrer nervenzerfetzenden Vorstöße. Abstimmungsdefizite mit dem Abwehrverbund trugen zu mangelnder Kompaktheit der österreichischen Formation bei, welche dem Gegner weite Räume zwischen den eigenen Reihen eröffnete – ein an diesem Abend beharrlich über dem ÖFB schwebendes Damoklesschwert.

Marcel Sabitzer: Engagierter Beginn, der den Erfolg in Form seines so cool wie gedankenschnell exekutierten Ausgleichstreffers beinahe schon zwang. Die Mentalität stimmte beim in Leipzig immer öfter lobenswert aufgeigenden Offensivmann zwar weiterhin, doch nahm die Effektivität auch in dieser Partie in Nationalmannschaftsumgebung wieder zunehmend ab. Entscheidendes gelang nicht mehr, es gebrach wohl auch etwas an Durchschlagskraft.

Zlatko Junuzovic: Schwer greifbarer Auftritt, mühte sich formlos. Vieles blieb Stückwerk, es fehlte die Bindung. Hatte immerhin beim etwas undurchschaubaren Anlauf zu Österreichs zweitem Ausgleich seine Beine im Spiel, ehe er für Schöpf wich.

Marko Arnautovic: Bulldozerte gleich einmal durch halb Serbien (10.), auch ein eigentlich zu weit vorgelegter Ball konnte ihn dabei nicht aufhalten – im folgenden Schuss steckte dann aber ein Übermaß Wille. Hatte gegen Serbiens Kapitän Ivanovic aufgrund eklatanten Geschwindigkeitsüberschusses quasi ein Freispiel. Wiederholte nämliche Aktion kurz vor der Pause, diesmal kanonierte er flach daneben. Hinterkopfstangentreffer nach dem Wechsel, dem ein falsches Abseits folgte. Raste dazwischen als Lückenbüßer für den Kollegen Wimmer, mit dem er eine phasenweise höchst rätselhafte Arbeitsteilung pflegte, auf und ab – nicht immer effektiv. Löffelte in der Endphase in erneut aussichtsreicher Position unter den Ball, was diesem so gar nicht behagte.

Marc Janko: Befreite sich erstmals nach 20 Minuten mit cleverem Laufweg, sandte daraufhin einen abgescherzelten Kopfball jedoch am langen Eck vorbei. Am Ausgleich allein durch seine Anwesenheit mitentscheidend beteiligt, da sie Mitrovic zur unbeabsichtigten Vorlage auf Sabitzer nötigte. Danach bis zum 2:2 nicht mehr wirklich sichtbar, als er, von der Vorarbeit Arnautovics profitierend zur Stelle war, als es zählte. So ist das bei ihm. Für den Treffer selbst galt das strenggenommen übrigens nicht, da sich zwischenzeitlich eine Abseitsstellung eingeschlichen hatte. Im Finish herrliches Weiterschnippen auf den Stoker Kollegen, welcher die Vorlage jedoch nicht nützen konnte. Kam mit Zeitverlauf immer besser zur Geltung und ist mit insgesamt 28 Goals nun schon die Nummer vier der ÖFB-Rekordschützenliste.

Stefan Ilsanker (ab 58.): Ersetzte Baumgartlinger und riskierte bald darauf nach einem erneuten defensiven Kollektivkuddelmuddel gegen Mitrovic alles – gewann mit der rutschenden Rettungstat mitten im Sechzehner aber ebenso viel (72.). Seine Giftigkeit bekam hernach auch Fejsa zu spüren, eine Verwarnung war die Folge, denn diesmal war der Ball nur ansatzweise das Ziel. Doch auch Übersicht war vorhanden, die mehrere klug und gefühlvoll vollstreckte Passes abwarf.

Alessandro Schöpf (ab 64.): Stellte mehr als einmal glänzendes Ballbehandlungspotenzial unter Höchsttempobedingungen unter Beweis. Zweifelsfrei ein Neuzugang mit Wirkkraft. Eine Hereingabe Richtung Sabitzer am Ende geschmackvollen Solierens ging nicht ganz auf. Riesengelegenheit in der Nachspielzeit, doch eine zugegeben diffizile Direktabnahme aus kurzer Distanz landete satt in Keeper Stojkovics Armen.

Sebastian Prödl (ab 71.): Kam für den angeschlagenen Dragovic, versuchte sich in der diesmal hochgradig koordinationsarmen Viererkette zurechtzufinden. Das gelang leidlich. (Michael Robausch, 9.10. 2016)

  • Antonio Rukavina entfleucht Kevin Wimmer.
    foto: apa/jäger

    Antonio Rukavina entfleucht Kevin Wimmer.

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