Verrottende Wurzeln

Einserkastl9. Oktober 2016, 18:15
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Bürokratie vor humanitären Überlegungen

Wer einmal ein schwerkrankes Kind betreut hat, weiß, wie entsetzlich diese Situation für Eltern, Kind und Geschwister ist. Die tägliche Angst. Die tägliche Sorge. Die Vorwürfe, man hätte vielleicht dieses oder jenes anders machen sollen. Die Gefühle, die hochkommen, wenn das Kind endlich eingeschlafen ist und die Panik in der entstandenen Stille über einen selbst hereinbricht. Die Gefühle die hochkommen, wenn man das leidende Kind tröstet und dabei zuversichtlich wirken muss, aber selbst innerlich verzweifelt.

Jede Unterstützung hilft, in diesem dunklen Strom nicht unterzugehen. Umso schwerer wird alles schon ohnehin Schwere, wenn die aus Tschetschenien stammende Familie dabei auch noch auseinandergerissen wird. Wenn der Vater nach Polen abgeschoben wird, die Mutter untertaucht, damit eine kranke Dreijährige nicht elf Tage nach der Operation ins Ungewisse transportiert wird. In ein Land, in dem die Krebsbehandlung nicht garantiert sein wird. Ins noch Fremdere. Weg von den Ärzten, die man schon kennt. Weg von den Betreuenden, die der Familie Hoffnung geben.

Die Bürokratie hat offenbar schwerer gewogen als alle humanitären Überlegungen. Ein dreijähriges gelähmtes Mädchen bezahlt dafür. Das Innenministerium wird derzeit von einer Partei besetzt, die sich christlich nennt. Ihre ideologischen Wurzeln sind nicht nur abgeschnitten, sie verrotten. (Julya Rabinowich, 10.10.2016)

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    foto: robert newald
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