Blinde müssen Hundstrümmerln nicht entfernen

10. Oktober 2016, 06:12
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Von Pflicht ausgenommen, weil "rechtswidriges Verhalten" nicht erkennbar sei

Potsdam/Wien – Eine blinde Frau im deutschen Potsdam wurde von Passanten beschimpft, weil sie den Kot ihres Blindenführhundes nicht entfernte. Sie beantragte deshalb eine Ausnahmegenehmigung, die ihr die Stadt zunächst verweigerte und erst einlenkte, als der Fall öffentliche Aufmerksamkeit bekam – berichteten mehrere deutsche Medien. Die Begründung des Potsdamer Rathauses: Blinde könnten "mit der Hand den Rücken des Hundes entlangfahren, sodass sie merken, wo der Kot liegt". Die Behindertenvertreter, die die Frau unterstützten, sahen das "Ertasten" als "unzumutbar".

Ähnlich sieht man das auch hierzulande. Für Michael Fink, Leiter der Wiener Stelle zur Bekämpfung von Diskriminierungen, wäre es "grotesk" von Blinden zu verlangen, ein Hundstrümmerl wegzuräumen. Ob es Streitigkeiten wie jene in Potsdam auch in Österreich bereits gab, wollte Fink nicht kommentieren.

"Nicht zu erkennen"

In Wien, wo die Stadt Hundehalter mit 36 Euro straft, wenn Trümmerl liegenbleiben, müssen Blinde nicht zahlen: Denn das "rechtswidrige Verhalten" sei für sie nicht "zu erkennen", erklärt eine Sprecherin der MA 48 für Straßenreinigung. Auch wem es körperlich nicht möglich ist, das Trümmerl wegzuräumen – etwa weil er sich nicht bücken kann -, ist von der Pflicht ausgenommen.

Auch für Assistenzhunde gibt es Ausnahmen, etwa was Maulkorb- und Leinenpflicht betrifft. Die Kotproblematik ist im Bundesbehindertengesetz aber nicht eigens erwähnt. "Unser Prinzip ist Rücksicht, solange es technisch möglich ist", sagt Gloria Petrovics vom Verein Freunde der Assistenzhunde Europas. Wenn ein blinder Mensch merke, wo das Begleittier einen Haufen macht, solle er es wegräumen. Im Führgeschirr würde das aber kaum passieren: Die Tiere werden so trainiert, dass sie "nicht irgendwo, irgendwann hinmachen". Das sei für sie ein "Pausengeschäft" – und dann könne ein blinder Mensch das nicht bemerken. (cmi, 10.10.2016)

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