Putin-Besuch in Istanbul: Erdoğan setzt auf die russische Karte

Analyse10. Oktober 2016, 07:00
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Der russische Staatschef kommt erstmals seit der Normalisierung der Beziehungen zwischen der Türkei und Russland nach Istanbul. Erdoğan braucht ihn für den Syrien-Feldzug

Istanbul/Athen – Washington hält ihn hin und hat Fethullah Gülen, den Prediger und angeblichen Organisator des Putschversuchs vom 15. Juli, immer noch nicht ausgeliefert. Die Europäer schalten auf stur und wollen seinem Land nicht die Visafreiheit geben, die sie versprochen hatten. Doch einen neuen alten Partner in der internationalen Politik hat der türkische Präsident Tayyip Erdoğan: Wladimir Putin. Vier Monate nach Erdoğans Entschuldigung für den Abschuss eines russischen Kampfjets im türkisch-syrischen Grenzgebiet kommt Russlands Präsident an den Bosporus. Erdoğan setzt auf die russische Karte.

Putin wird am Montag kurz als Redner beim Weltenergiekongress in Istanbul auftreten; Erdoğan spricht nach ihm. Russland ist der wichtigste Öl- und Gaslieferant der Türkei. Schon daran lässt sich ermessen, welchen Schaden der Abschuss des russischen Jets im November 2015 und die folgenden Sanktionen Russlands gegen die Türkei angerichtet haben. Putin lockert auch nach Erdoğans Entschuldigung nur allmählich seine Strafen – das Embargo gegen den Türkei-Tourismus, das Einfuhrverbot von Obst und Gemüse, gestoppte Energieprojekte wie den Bau des ersten türkischen Atomkraftwerks und der kostspieligen Turk-Stream-Gasleitung, die das gescheiterte South-Stream-Projekt ersetzen soll.

Gazprom führt mittlerweile wieder Studien im türkischen Abschnitt der Pipeline im Schwarzen Meer durch. 900 Kilometer lang soll die Leitung auf dem Meeresgrund werden und dann Erdgas in die Türkei und von dort nach Griechenland und Italien bringen.

Treffen und Telefonate

Putin und Erdoğan treffen sich zum dritten Mal innerhalb von zwei Monaten. Dreimal haben die beiden Führer allein seit September miteinander telefoniert. Dabei ging es um die Normalisierung der bilateralen Beziehungen, vor allem aber um den Krieg: Erdoğan brauchte die Verständigung mit Russland, um im Krieg in Syrien eingreifen zu können. Den Siegeszug der Kurden auf syrischer Seite will die türkische Führung beenden und auch die Terrormiliz "Islamischer Staat" zurückdrängen.

Seit bald zwei Monaten steht die türkische Armee deshalb im Grenzgebiet auf syrischem Boden. Die türkisch-kurdische Untergrundarmee PKK hat Ankara augenscheinlich damit aber nicht schwächen können. Mindestens zehn Soldaten und acht Zivilisten wurden am Sonntag bei einem der schwersten Anschläge der PKK in der südöstlichen Grenzprovinz Hakkari getötet. Ankara sieht die PKK und die syrischen Kurden der PYD als gleiche Organisation an – anders als Russland und die USA.

Dass Putin den Einmarsch der Türkei in Syrien toleriert, hat für Erdoğan jedoch einen Preis: Russlands Rolle in Syrien kritisiert der türkische Präsident plötzlich nicht mehr. Zur Bombardierung der Zivilbevölkerung in Ost-Aleppo durch russisches Militär sagt Erdoğan nicht viel. Ob er nun sein Schweigen beim Treffen mit Putin in Istanbul durchhält, wird mit Interesse verfolgt. (Markus Bernath, 10.10.2016)

  • Machtmenschen unter sich:  Der autoritär regierende türkische Präsident Erdoğan und der russische Staatschef Putin reden wieder miteinander. Ohne Putins Tolerierung konnte die Türkei nicht in Syrien einmarschieren.
    foto: reuters / damir sagolj

    Machtmenschen unter sich: Der autoritär regierende türkische Präsident Erdoğan und der russische Staatschef Putin reden wieder miteinander. Ohne Putins Tolerierung konnte die Türkei nicht in Syrien einmarschieren.

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