Ungarische Zeitung eingestellt: "Angriff auf Pressefreiheit"

9. Oktober 2016, 17:12
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Mitarbeiter sprechen von "Putsch". Das Blatt hatte zuletzt kritisch über den Kabinettschef von Premier Viktor Orbán berichtet

Die "Népszabadság", Ungarns wichtigste regierungskritische Tageszeitung, ist überraschend eingestellt worden. Der in österreichischem Besitz befindliche Eigentümer, die Mediaworks AG, schaltete am Samstag auf der Web-seite des Blattes eine Mitteilung, derzufolge die Zeitung in ihrer Print- und Onlineversion wegen ihrer Verluste "bis zur Vorlage eines neuen Geschäftsmodells" eingestellt wird.

Die Printausgabe der "Népszabadság" war am Samstagmorgen noch ordnungsgemäß ausgeliefert worden. Die Onlineversion verschwand am selben Vormittag plötzlich aus dem Netz, bald darauf trat die Mediaworks-Mitteilung an ihre Stelle. Die Redakteure hätten am Samstag in neue Räumlichkeiten umziehen sollen. Stattdessen standen sie vor verschlossenen Türen. Die meisten von ihnen hatten schon in den Morgenstunden per Kurierdienst Briefe erhalten, die sie von ihrer Suspendierung vom Dienst verständigten. Auch auf ihre E-Mail-Accounts konnten die Mitarbeiter plötzlich nicht mehr zugreifen.

Begleitumstände und Abruptheit der Schließung deuten darauf hin, dass es sich um keine rein unternehmerische Entscheidung handelte. Die Mediaworks gehört zur Beteiligungsgesellschaft Vienna Capital Partners (VCP) des österreichischen Investment-Bankers Heinrich Pecina. Die Ungarn-Tochter Mediaworks besitzt nicht nur die "Népszabadság", sondern ein breitaufgestelltes Portfolio von Printmedien, darunter zwölf Regionalzeitungen.

In Budapest zweifelt kaum jemand daran, dass Pecina dem rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán einen enormen Gefallen getan hat. Die oppositionelle "Népszabadság" hätte sich für eine "Gleichschaltung" auf Regierungslinie nicht geeignet. Wohl deshalb musste sie sterben, vermuten Mitarbeiter und Medienexperten. Mit ihren gründlich recherchierten Geschichten über die Affären und Luxusexzesse in Orbáns Umfeld war die "Népszabadság" dem Regierungschef schon lange ein Dorn im Auge. Im Visier haben dürfte aber Orbán vor allem Pecinas Regionalzeitungen mit ihrer lokalen Meinungsmacht.

Es wird damit gerechnet, dass die Mediaworks-Besitzungen bald in den Besitz eines Orbán-Günstlings fallen werden. Gerüchte sprechen von Lorinc Mészáros, dem Bürgermeister von Orbáns Heimatort Felcsút, der in nur wenigen Jahren dank großzügiger Regierungsaufträge vom einfachen Gasinstallateur zu einem der reichsten Männer Ungarns aufgestiegen ist. (Gregor Mayer aus Budapest, 10.10.2016)

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