Kameramann Wolf Suschitzky gestorben

8. Oktober 2016, 11:48
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Der gebürtiger Wiener emigrierte 1934 nach Großbritannien, seine bekannteste Arbeit ist "Get Carter" mit Michael Caine

London/Wien – Die Wahl seiner Sujets legt die Spuren. Als Wolf Suschitzky 1934 aus Österreich flüchtete und nach einem Zwischenstop in Amsterdam in London ankam, zählten Bergarbeiter aus Wales und die für ihre Buchläden bekannte Charing Cross Road zu seinen ersten Motiven als Fotograf. Arbeitende Menschen, die mit ihrer Beschäftigung der Ära ein Gesicht gaben und denen seine Kamera besondere Würde verlieh.

Suschitzkys Vater Wilhelm, ein säkularer Jude, hatte Anfang des Jahrhunderts Wiens erste sozialistische Buchhandlung in Favoriten eröffnet, später auch den Anzengruber Verlag gegründet, der bis 1934 Autoren wie Huga Bettauer oder Alfons Petzold herausbrachte. Sowohl die Bergarbeiter als auch die Londoner können mithin als Fortführung der familiären Interessen betrachtet werden.

Soziale Schieflagen im Blick

Suschitzkys wacher Blick auf soziale Schieflagen bestimmte später auch seine Herangehensweise als Filmdokumentarist. In Wien hatte er noch an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt studiert, nachdem er seiner Leidenschaft für Zoologie nicht nachgehen konnte. Durch seine Fotografien kam er im Londoner Exil in Kontakt mit Paul Rotha, einem der Pioniere des britischen Dokumentarfilms. Während des Krieges drehte er Kurzfilme für das Informationsministerium, noch 1944 gründete er die politisch engagierte Kooperative DATA mit. Es entstanden Filme wie Children of the City (1944), der benachteiligte Kinder im schottischen Dundee thematisierte.

Suschitzkys dokumentarische Sensibilität, seine Erfahrung mit den Unwägbarkeiten eines Realschauplatzes, beeinflusste später auch seine Kameraarbeit für Spielfilme. Selbst ein Gangsterfilm wie Get Carter mit Michael Caine, die wohl bekannteste von ihm fotografierte Arbeit, vermittelt sein Auge für die Expressivität der Umgebung. Jack Claytons Oscar-prämierter Kurzfilm The Bespoke Overcoat (1955) und Ulysses (1967) sind weitere Filme seines diversen Oeuvres.

In Österreich gewürdigt

In Österreich wurde Suschitzky, der Vater von drei Kindern ist – Peter ist David Cronenbergs bevorzugter Kameramann –, vor allem durch das Betreiben des Synema-Verlags wiederentdeckt. 2007 widmete ihm die Diagonale ein Tribute, bei der man sich von der Vielfalt seiner Zugänge ein Bild machen konnte. Suschitzkys Fotografien, in denen er sich neben Kindern, fremden Kulturen auch immer wieder Tieren zuwandte, wurden international gewürdigt.

Am Freitag ist Wolfgang Suschitzky im Alter von 104 Jahren gestorben. (Dominik Kamalzadeh, 9.10.2016)

  • Der Kameramann und Fotograf Wolf Suschitzky ist im Alter von 104 Jahren in London gestorben.
    foto: corn

    Der Kameramann und Fotograf Wolf Suschitzky ist im Alter von 104 Jahren in London gestorben.

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