"Der Schwierige": Hofmannsthal-Liebkosung ohne Herz

7. Oktober 2016, 18:22
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Mit der Premiere von Hugo von Hofmannsthals Lustspiel bittet das Josefstadt-Theater zum Gang ins Museum. In Janus Kicas Inszenierung wird trotz beflissener Darsteller nie recht deutlich, was einen diese Figuren angehen sollen

Wien – Frostig ist es geworden um Hans Karl Bühl (Michael Dangl), den Titelhelden in Hofmannsthals "Der Schwierige". Im Wiener Josefstadt-Theater rauscht passenderweise ein Richard-Strauss-Orchesterlied auf. Weiße Betonquader lassen an den allzu geschmackvollen Sammlungsraum eines Museums denken (Ausstattung: Karin Fritz). Ungefähr in der Mitte steht, als pflichtschuldige Verbeugung vor Kasimir Malewitsch und der historischen Avantgarde, ein schwarzes Quadrat.

Irgendwo dahinter, versteckt in der Rüstkammer der Moderne, spuken auch die Hofmannsthal-Figuren herum. Die Uhr hat 1918 geschlagen, nur hat sich das noch nicht bis nach Wien herumgesprochen. Unendlich beredt bewahren die Austro-Kakanier Haltung, obwohl doch die Welt um sie herum gerade in Schutt und Asche versinkt. Unangefochten halten sie die soziale Stellung. Sie gehen einander rechtschaffen auf die Nerven mit ihren Seelenschmerzen, ihren salonfranzösischen Bildungsbrocken, die sie einander zuwerfen wie Federbälle.

Ihre klügsten Vertreter wissen indessen sehr gut, was es mit der eigenen Lieb- und Leblosigkeit auf sich hat. Kriegsheimkehrer Kari Bühl wirft den Herbstmantel ab wie eine entsetzlich indezente Verkleidung. Der Herr von Welt bildet das kostbarste Exponat in dieser strikt lokalen Verwahranstalt. Da steht er nun während dreier mäßig amüsanter Lustspielakte (Regie: Janusz Kica). Seine Handlungsoptionen sind folgende: Er kann abends den Herrenclub besuchen und anschließend die Soireé bei Altenwyls, deren Tochter Helene (Alma Hasun) ihm in geduldiger, völlig unsentimentaler und leider auch fader Liebe zugetan ist. Er würde es aber womöglich vorziehen, es bleiben zu lassen.

An- und Absichten

Die Pointe liegt darin, dass alle von Bühls Liebe wissen. Nur würde das keiner auszusprechen wagen, am wenigsten der zögerliche Kari selbst. Und so steht sich Dangl während des ersten Akts die Beine in den Bauch. Alle molestieren ihn mit wohlerwogenen An- und Absichten. Dabei ist Kari Bühls Trachten nur auf das Naheliegende gerichtet. Er möchte endlich ausruhen, die Glieder auf der Museumsbank ausstrecken.

Dangl gelingen ein paar schöne Momente forcierter Unruhe. Die Zigarette entfällt ihm, sobald Schwester Crescence (Ulli Maier) als ondulierter Salondrache bei ihm aufkreuzt. Kari soll jetzt ausgerechnet für seinen tölpelhaften Neffen (Matthias Franz Stein) um Helenes Hand anhalten. Leider missdeutet Stein den Ton, den seine Figur anzuschlagen hat. Er gibt den Stani als forschen Trottel, der im Gymnasium den Französischleistungskurs knapp geschafft hat.

Ganz allmählich geraten Kica als dem Kurator dieser Hofmannsthal-Ausstellung die Exponate aus dem Blick. In ihren wunderschönen Jugendstilkostümen schweben die Figuren durchs Museum, um nirgendwo anzukommen, in keinem Traumösterreich, in unserer demokratischen Gesellschaft nicht, am wenigsten aber in den Herzen der Zuschauer.

Törichte Zärtelei

Sie exekutieren ein wenig steif und mit gelegentlichen Teilerfolgen (Pauline Knof als Antoinette Hechingen) Hofmannsthals ehehygienische Darlegungen. Sie erwachen zu keinem Leben, dürfen sich aber auch zu keiner letzten Ruhe legen. Kari wird von Helene dann doch noch gekapert und als kriegsversehrtes Nervenwrack in den Ehehafen verschifft. Haben wir, im Ernst, keine anderen Sorgen? Hofmannsthal darf man nur spielen, wenn man ihn unbändig liebt. So bleibt es törichte Zärtelei, eine Liebkosung ohne Gewicht des Herzens. Höflicher Applaus. (Ronald Pohl, 7.10.2016)

  • So mopsfidel ist Kari Bühl (Michael Dangl, links) eher nur in indezenter Laune. Die schöne Helene (Alma Hasun) staunt.
    foto: schlager/apa

    So mopsfidel ist Kari Bühl (Michael Dangl, links) eher nur in indezenter Laune. Die schöne Helene (Alma Hasun) staunt.

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