"Don Carlos": Scheiterhaufen mit Fernbedienung

7. Oktober 2016, 18:00
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Friedrich Schillers Stück im Landestheater Salzburg

Salzburg – Im Salzburger Landestheater macht Regisseurin Alex andra Liedtke einen Klassiker der Weltliteratur für die junge Generation zugänglich: In Friedrich Schillers Don Carlos werden Machtgeilheit und Ödipuskomplex sowie die Fallstricke der Liebe verhandelt. Verrat, Intrigen und Tyrannei sind die Ingredienzien dieser Familien- und Staatskonflikte im 16. Jahrhundert. Mit der historischen Wahrheit hatte es der deutsche Großdichter seinerzeit (1787) nicht so genau genommen: Schiller nutzt das Stück, um zwei Jahre vor der Französischen Revolution seine Haltung als Republikaner zu formulieren.

Liedtke hat den Text gestrafft und sich aufs Wesentliche konzentriert. Die Hauptfigur, Don Carlos, von Gregor Schulz äußerst überzeugend verkörpert, wird schon zu Beginn des Stücks, wenn er seinen Körper zu aufpeitschender Electronic Body Music bewegt, treffend charakterisiert: ein Getriebener, der von Toleranz träumt – und der in Elisabeth (Julienne Pfeil), Frau seines Vaters, König Philipp II (Marcus Bluhm), unsterblich verliebt ist. Gregor Schleuning als Marquis von Posa, Jugendfreund von Carlos und wie er ein Streiter für Gedankenfreiheit, spielt den Taktiker zwischen alter Ordnung und neuen Ideen. Philipp erteilt ihm zwar den Auftrag, seinen Spross zu überwachen, letztlich rettet das den Marquis aber nicht vor der tödlichen Kugel des Herrschers.

Pistole statt Degen

Karsten Riedel, der für die gut gewählte Musik zuständig ist, lässt in diesem Moment Purcells O Solitude erklingen. Liedtke hat das "dramatische Gedicht" nicht völlig in die Gegenwart verpflanzt, aber statt Degen tragen die Herrschaften Pistole. Etwa der Herzog von Alba (dämonisch: Marco Dott), dessen Fantasieuniform an faschistische Militärjunten in Lateinamerika erinnert. Johanna Lakner gelingt es, mit den Kostümen die Historie mit der Gegenwart zu verbinden. Wenn Elisabeth im Korsett auftritt, steht dies symbolisch für die gesellschaftlichen Zwänge der damaligen Zeit.

Die emotionale wie gesellschaftliche Schieflage versinnbildlicht auch die steil nach vorn abfallende Bühne von Raimund Orfeo Voigt. Kein Absolutismus ohne Kirche: Walter Sachers tritt als Großinquisitor mit Fernbedienung auf. Damit macht er die Bühne am Ende zur pyrotechnischen Zone. In Summe ein stimmiger Theaterabend, der auf allen Ebenen gut ausbalanciert ist. (Gerhard Dorfi, 7.10.2016)

Bis 30. 12.

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Landestheater Salzburg

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