Fälschungen von Meisterhand

7. Oktober 2016, 17:12
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Die Ermittlungen zu einem vermutlich größeren Fälschungsskandal laufen seit Monaten. Es geht um eine Gruppe von Gemälden Alter Meister, darunter ein nun zweifelsfrei als Falsifikat enttarnter Frans Hals. KHM-Kurator Guido Messling begutachtete ein Cranach-Bild aus der Sammlung des Fürsten Liechtenstein

London – Der internationale Kunstmarkt ist um einen Fälschungsskandal reicher. Glaubt man pessimistischen Insidern, dann könnte er sich zu einem der größten in der Geschichte auswachsen. Weniger gemessen an der Anzahl der fraglichen Werke als an den dafür offiziell und teils hinter den Kulissen bezahlten Preisen. Die britische Daily Mail beziffert den potenziellen Schaden gar mit 200 Millionen Pfund.

Es geht um ein Konvolut von Gemälden Alter Meister, die aus dem Besitz eines gewissen Giulano Ruffini stammten. Der 71-jährige Franzose hatte sie in den vergangenen Jahren an Kunsthändler verkauft, die sie lukrativ an Privatsammler weiterreichten.

Dazu gehörte das Porträt eines Mannes von Frans Hals, das die renommierte Galerie Weiss (London) in einem von Sotheby's vermittelten Private Sale 2011 für zehn Millionen Dollar an einen Sammler in Seattle verkaufte. Seit dieser Woche ist gewiss, dieser Hals ist eine Fälschung, und der Deal wurde von Sotheby's rückabgewickelt. Den Ausgang nahm die Causa im März, als französische Behörden Lucas Cranachs bei einer Ausstellung gastierende Venus aus dem Besitz des Fürsten Liechtenstein beschlagnahmten. Aufgrund einer anonymen Anzeige bestanden Zweifel an der Echtheit des Gemäldes (der STANDARD berichtete).

Dass Ruffini die Ermittlungen in Gang setzte, wurde erst später bekannt. Denn als Kunsthändler fühlte er sich von diversen Kollegen um stattliche Summen betrogen. Verständlich, wie die Verwertung des Cranachs belegt: 2012 hatte er das Bild als Werk eines anonymen Künstlers für 510.000 Euro an einen Kunsthändler verkauft, der es im März 2013 für 3,2 Millionen Euro an Konrad Bernheimer (Colnaghi, London) abtrat. Für stolze sieben Millionen gelangte die Venus in die Sammlung des Fürsten.

Einer im französischen Gesetz verankerten Regelung nach, steht dem Erstverkäufer ein Anteil jenes Gewinns zu, der bei anschließenden Verkäufen erzielt wird. Seit 2014 versucht Ruffini diese Forderungen bei Gericht zu erstreiten.

Als dies alles im Frühjahr bekannt wurde, beauftragte Sotheby's vorsorglich diverse technische und naturwissenschaftliche Analysen für das Hals-Bild. Das Ergebnis: Eine Entstehung im 17. Jahrhundert sei ausgeschlossen. Derzeit lässt man auch noch ein 2012 für 842.500 Dollar versteigertes Werk aus dem Umkreis Parmigianinos prüfen.

Soweit bislang bekannt, geht es außerdem noch um einen Velázquez und einen Orazio Gentileschi. Die Gemeinsamkeit aller: Bis zu ihrem Auftauchen auf dem Markt waren sie in der Fachliteratur unbekannt. Der Status im Falle der Cranach-Venus? Es liegt noch kein eindeutiges Ergebnis vor, wiewohl naturwissenschaftliche Untersuchungen für die Authentizität sprechen sollen.

Das Problem: Alle international anerkannten Cranach-Experten bestätigten im Zuge des Verkaufs an den Fürsten Liechtenstein die Echtheit. Für das Verfahren gelten sie damit als befangen, und es musste ein "neutraler" Ersatzgutachter beauftragt werden: Guido Messling, KHM-Kurator für Deutsche Malerei. Er weilt derzeit anlässlich der Vorbereitungen zu einer Cranach-Großausstellung in Japan und war bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht erreichbar. (Olga Kronsteiner, 7.10.2016)

  • 2011 zahlte ein Amerikaner für dieses Frans-Hals-Porträt zehn Millionen Dollar. Jetzt wurde das Bild als Fälschung entlarvt.
    foto: sotheby's

    2011 zahlte ein Amerikaner für dieses Frans-Hals-Porträt zehn Millionen Dollar. Jetzt wurde das Bild als Fälschung entlarvt.

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