Warum Nobelpreisträger immer älter werden

7. Oktober 2016, 19:11
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Heuer sind die bisherigen Laureaten (inklusive Frieden) im Schnitt etwa 71 Jahre alt. Früher einmal waren sie deutlich jünger – mit Ausnahme eines Preises

Stockholm/London/Wien – Die Jungspunde unter den heurigen Nobelpreisträgern (Literatur und Wirtschaftswissenschaften sind noch ausständig) haben das österreichische Pensionsantrittalter bereits erreicht: Der Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos Calderón und sein niederländischer Chemie-Kollege Ben Feringa sind 65 Jahre alt. Im Schnitt zählen die bisherigen Laureaten 2016 (ausnahmslos Männer) 71 Lenze.

Dass man alt, mitunter sehr alt werden muss, um die wichtigste Wissenschaftsauszeichnung der Welt zu erhalten, ist ein eher jüngeres Phänomen. Früher einmal war es anders, und das hat eine ganze Reihe von Gründen. Unter anderem den, dass die wissenschaftlichen Laureaten, die den Nobelpreis in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erhielten, ihre Entdeckungen früher im Leben machten als Nobelpreisträger heute, wie eine Untersuchung aus dem Jahr 2011 ermittelte.

Bahnbrechende Erkenntnis im Schnitt mit 48

Zwei Drittel der wissenschaftlichen Nobelpreisträger zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren unter 40 Jahren alt, als sie ihre bahnbrechenden Arbeiten veröffentlichten. Forscher, die Anfang des 21. Jahrhunderts den Preis erhielten, machten ihre ausgezeichneten Forschungen im Schnitt hingegen erst mit 48. Zum Vergleich: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte ein durchschnittlicher Physiknobelpreisträger die Auszeichnung in dem Alter bereits erhalten, nämlich mit 47.

In der Physik kamen noch zwei weitere Faktoren dazu: Zum einen führte die Entdeckung der Quantenphysik Anfang des 20. Jahrhunderts zu einigen besonders jungen Nobelisten wie Werner Heisenberg oder Paul Dirac, die beide mit 31 ausgezeichnet wurden. Zum anderen existierte damals einfach deutlich weniger Konkurrenz, wie Gustav Källstrand in einem Bericht der BBC betont: Vor hundert Jahren gab es weltweit rund tausend professionelle Physiker, heute sind es rund eine Million. Das gilt mit entsprechenden Abänderungen auch für die Chemie und die Medizin.

Higgs: 48 bis 49 Jahre Wartezeit

Die exponentiell gestiegene Anzahl an Wissenschaftern steht schließlich noch im Zusammenhang mit der Tatsache, dass von der Entdeckung bis zur Ehrung immer mehr Zeit vergeht. Rekordverdächtig war diese Dauer bei Peter Higgs, der das nach ihm benannte Teilchen bereits 1964 vorhersagte, den Nobelpreis dafür aber erst 2014 erhielt. Macht eine Wartezeit von 49 Jahren, und das, obwohl Alfred Nobel in seinem Testament verfügt hatte, mit dem Preis die wichtigsten Durchbrüche des gerade abgelaufenen Jahrs auszuzeichnen.

Das passiert noch am ehesten beim Friedensnobelpreis, der auch eine gegenläufige Altersentwicklung aufweist. Dafür hat nicht zuletzt auch Malala Yousafzai gesorgt, die 2014 mit 17 Jahren den Preis erhielt und den Altersschnitt deutlich senkte.

Wer den Nobelpreis erst einmal erhalten hat, darf sich immerhin auch darüber freuen, dass dieser – so wie der Oscar – das Leben verlängert: Wie eine Studie im Jahr 2008 herausfand, leben Nobelpreisträger im Schnitt um 16 Monate länger als jene Personen, die nur dafür nominiert worden sind. (tasch, 7.10.2016)

  • Bienenforscher Karl von Frisch erhielt 1973 den Medizinnobelpreis im Alter von 86 Jahren. Er war schon damals einer der ältesten Laureaten.
    archiv der öaw

    Bienenforscher Karl von Frisch erhielt 1973 den Medizinnobelpreis im Alter von 86 Jahren. Er war schon damals einer der ältesten Laureaten.

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