Julya Rabinowich: In vollen Zügen

7. Oktober 2016, 17:00
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Er schien mit sich zu kämpfen, dann verließ er fluchtartig den Platz und quetschte sich an einen überfüllten Tisch

Da ich mich dieses Jahr dazu verstiegen habe, zwei Bücher hintereinander zu veröffentlichen, gab es keine große und auch keine kleine Kreativpause zwischen Buchpräsentationen, Lesereisen und sonstigen gesellschaftlichen Karambolagen.

Einerseits blieb es das ganze Jahr über aufregend, nervenaufreibende Lampenfieberei vor der Leipziger Buchmesse konnte ungezwungen in jene vor der Frankfurter übergehen. Der Hund machte Terror, bei jedem Kofferpacken blockierte er erst die Tür und anschließend mein Herz.

Einmal mitgenommen, begann er hinterlistig, die gesamte erste Zuhörerreihe im Leinenradius abzuschlecken, was ich nicht registrierte, da der Blick in den Text und selten ins Publikum ging. Den Albtraum, lustig ins Publikum zu blicken und gleich darauf die Zeile zu verlieren, den braucht wirklich kein Mensch.

Vor der letzten Lesung in Traun gebärdete sich der Hund besonders perfide, obwohl er einen extralangen Auslauf im Grünen erhalten hatte, um seine bevorstehende Rage etwas abzuschwächen. Traurig hopste er noch eine Weile vor dem Verlassen der Wohnung auf mir herum. Ich vertröstete ihn zu lange. Raste zum Zug. Sprang im letzten Moment hinein, nahm Platz.

Mir gegenüber ein nicht unsympathisch aussehender Mann. Der nicht unsympathische Mann sah auf. Ein Schatten zog über sein Gesicht. Er schien mit sich zu kämpfen, dann verließ er fluchtartig den Platz und quetschte sich an einen überfüllten Tisch. Gegen die Fahrtrichtung.

Die nagende Frage, ob das an einem Bedrohungsszenario durch mich oder sogar an meinem Geruch liegen würde, begleitete mich bis Linz. Dann stand ich auf und stellte fest, dass mein Mantel über und über mit Schlammabdrücken kleiner Hundepfoten übersät war – ebenso wie meine Hose. (Julya Rabinowich, 7.10.2016)

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