Karl Lütgendorf: Ein mysteriöser Tod

Bericht9. Oktober 2016, 11:00
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Vor 35 Jahren starb Karl Lütgendorf – sein Tod steht in einer Reihe mit anderen dubiosen Todesfällen rund um dunkle Waffengeschäfte der Republik

Komm zum Mittagessen!", rief die Frau. Doch der Mann verließ nur wortlos das Haus, stieg in seinen Geländewagen und fuhr weg, in den Wald. Sie war beunruhigt, denn er gehörte nicht zu den Schweigsamen, Undurchschaubaren, denen solches Verhalten zuzutrauen ist. Also fuhr sie ihm nach. Vier Kilometer weiter fand sie ihn, auf einem Wendeplatz der Forststraße.

Er saß noch in seinem Wagen, der Motor war abgestellt, beide Türen verschlossen. Vornübergebeugt, aus Mund, Nase und Ohren blutend, gab der 67-Jährige kein Lebenszeichen mehr von sich. Seine geschockte Frau alarmierte die Polizei, die nur noch den Tod von Karl Ferdinand Freiherr von Lütgendorf feststellen konnte.

In seiner linken Hand hielt Lütgendorf einen Smith-&-Wesson-Revolver. Der Gemeindearzt stellte Tod durch Selbstmord fest. Ob der General aus altem österreichischen Adel, ehemaliger Verteidigungsminister, eine der schillerndsten Persönlichkeiten in Bruno Kreiskys Regierung, Waffenlobbyist und zeitweiliger Militärgeheimdienstler am 9. Oktober 1981 in seinem Wald in Schwarzau am Gebirge in Niederösterreich freiwillig aus dem Leben geschieden war, ist bis heute, 35 Jahre später, immer noch Gegenstand zahlreicher Spekulationen.

Ein Blick in die Akten ist auch nur bedingt hilfreich, wie der Historiker Thomas Riegler, der das Kreisky-Archiv beforscht, kürzlich feststellte. Vieles ist immer noch unter Verschluss. Riegler zum STANDARD: "Lütgendorf ist eine mysteriöse Figur. Hinsichtlich seiner Rolle als Lobbyist für Waffenexporte und natürlich was seinen Tod angeht, sind viele Fragen offen."

Amry und Apfalter

So mancher Zeitzeuge hält bis heute die Mordtheorie für plausibel. Der Grünen-Abgeordnete Peter Pilz, der sich in den 1980er-Jahren durch seine Recherchen zur Noricum-Affäre einen Namen machte, sagt: "Die Umstände haben immer eher auf ein Fremdverschulden hingedeutet, die Selbstmordtheorie war halt eine bequeme Lösung." Für Pilz steht Lütgendorfs Tod zudem in einer Reihe mit anderen aufklärungsbedürftigen Todesfällen: etwa jener des Botschafters Herbert Amry, der in Athen im Juli 1985 völlig überraschend einem Herzinfarkt erlegen sein soll – nachdem er kurz zuvor noch sehr umtriebig in der Noricum-Affäre recherchiert hatte.

Oder der plötzliche Herztod des ehemaligen Verstaatlichten-Managers Heribert Apfalter im September 1987, der ebenfalls als wichtiger Zeuge in der Affäre um die illegalen Kanonenlieferungen der Voest-Tochter an die Kriegsgegner Iran und Irak galt.

Aber wer sollte Lütgendorf umgebracht haben? Geheimdienste aus dem Nahen Osten oder der DDR? Waffenhändler? Mitwisser? Pilz legt sich nicht fest: "Keine Ahnung, er ist in meinen Recherchen auch eher am Rande vorgekommen."

Im Jahr 1989, acht Jahre nach Lütgendorfs Tod, war der grüne Abgeordnete da noch expliziter: In einer Anfrage an den Bundesminister für Inneres zum Tod des Ex-Verteidigungsministers schreibt Pilz: "Die Haltung des tot aufgefundenen Ex-Ministers Lütgendorf weist auf einen dilettantisch vorgetäuschten Selbstmord hin. ... Dass Geheimdienste einen solchen Dilettantismus an den Tag legen, ist nicht anzunehmen. Die Täter sind daher in anderen Kreisen zu suchen."

Tief verwickelt

Der Pathologe Hans Bankl hat später dargelegt, warum die Körperhaltung Lütgendorfs überhaupt nicht verdächtig sei – im Wagen sei es sehr eng gewesen, das habe beispielsweise auch verhindert, dass dem Toten der Revolver nach dem Schuss aus der Hand fiel. Auch der Historiker Manfried Rauchensteiner sagt zum STANDARD, die Selbstmordtheorie sei immer noch die haltbarste: "Lütgendorf war so tief in dubiose Geschäfte verwickelt, dass er offenbar keinen anderen Ausweg wusste."

Dennoch ist bemerkenswert, wie nachlässig die Ermittlungsbehörden diesen ominösen Freitod einer bekannten Persönlichkeit behandelten. Sehr schnell stellte die Sicherheitsdirektion Niederösterreich fest, es habe sich "einwandfrei um Selbstmord" gehandelt.

Freilich holperte die glatte Theorie. Lütgendorfs Sohn Philipp beteuerte stets, es habe keinerlei Hinweise darauf gegeben, dass sein Vater lebensmüde gewesen sei. Wohl aber habe er sich, zumindest fallweise, zu Tode gefürchtet. Der Sohn erzählte etwa, dass sein Vater kreidebleich geworden sei, als er von der Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat durch Angehörige der Armee am 6. Oktober 1981 erfuhr. "Ich bin der Nächste", soll er zu seinem Sohn gesagt haben.

Dazu kam, dass sich Lütgendorf laut Obduktionsbericht durch den geschlossenen Mund geschossen hatte, was als eher unüblich gilt. Und die Waffe selbst verblieb auch nach der Tat im Besitz der Witwe.

Umgänglicher Anti-Politiker

Lütgendorf war, wie "Profil" damals schrieb, der "Anti-Politiker" schlechthin. Als "durchaus umgänglich" bezeichnet ihn Rauchensteiner, der ihn als junger Mann für die Recherchen zu seiner ersten großen zeitgeschichtlichen Arbeit befragte. Lütgendorf, Ausbildungschef des Heeres und glühender Verfechter einer grundlegenden Reform desselben, war Kreisky in der Bundesheer-Reformkommission aufgefallen.

Nachdem Kreisky ihn 1971 zum (parteilosen) Verteidigungsminister gemacht hatte, setzte er dessen Konzept der Wehrdienstverkürzung um. "Mit einer gewissen Naivität" sei Lütgendorf in das Amt gestolpert, sagt Historiker Rauchensteiner. Peter Corrieri, General in Ruhe und ehemaliger Adjutant Lütgendorfs, kann sich im Gespräch mit dem STANDARD an einen "freundlichen, gutmütigen Mann" erinnern – der "ein gewisses distanziertes Verhältnis zur Politik hatte". Er habe die Ministerrolle routiniert ausgefüllt, sei aber "daneben immer Offizier geblieben", sagt Corrieri.

Lütgendorf war jedenfalls eine gute Projektionsfläche für Legenden. Im Sommer 1945 war er einer von sieben deutschen Offizieren unter der Leitung von Reinhard Gehlen, die unter strengster Geheimhaltung in die USA geflogen wurden. Gehlen hatte als Leiter der Generalstabsabteilung "Fremde Heere Ost" drei Jahre lang Material über die Rote Armee gesammelt – und dies, als sich abzeichnete, dass Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg verlieren würde, den Amerikanern angeboten.

Lütgendorf war mit von der Partie, obwohl er nur kurz bei Gehlen gedient hatte, sagt Historiker Riegler. Sehr bald jedoch endete die Spionage-Karriere des Majors Lütgendorf, er war mit antisemitischen Äußerungen aufgefallen und wurde von den Amerikanern nach Salzburg abgeschoben. Gehlen dagegen baute den deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) auf, und der Kontakt zu Lütgendorf blieb eng.

Freunde und Skandale

Lütgendorfs Amtszeit war von Skandalen umweht: Erst nachträglich wurde bekannt, dass er seinem "Club 45"-Freund, dem Demel-Konditor Udo Proksch, 1976 ermöglicht hatte, 250 Kilogramm Heeres-Sprengstoff abzuzweigen – welchen dieser im Jahr darauf für die Sprengung der "Lucona" zum Zwecke des Versicherungsbetrugs verwendet haben soll.

In seiner engen Verbundenheit zu Proksch und den Vorwürfen, die der Journalist (und spätere FPÖ-Mandatar) Hans Pretterebner gegen diesen und seine engsten Freunde erhob, sieht General Corrieri auch den Grund für den späteren Freitod: "Er muss über etwas informiert worden sein, das ihn keinen anderen Ausweg erkennen ließ."

Die Verbindung zu Proksch war freilich nicht der Grund, warum Lütgendorf als Minister gehen musste. Am 3. Dezember 1976 wurde eine Lieferung von 600 Steyr-Mannlicher-Scharfschützengewehren sowie 399.600 Schuss Munition auf dem Flughafen Schwechat vom Zoll aufgehalten. Die heikle Lieferung hätte nach Syrien gehen sollen.

Offizieller Absender war der Waffenhändler und ehemalige Bordellbesitzer Alois Weichselbaumer, der die Munition leihweise vom Bundesheer erhalten hatte. Von Weichselbaumer war es nicht weit zu Lütgendorf. Obwohl Letzterer ein fast 15 Jahre währendes Naheverhältnis zu dem Waffenhändler bestritt, schien sein Name doch 30-mal in dessen Gästebuch auf.

Rücktritt 1977

Auch Kreisky und dem Parlament gegenüber bestritt Lütgendorf seine Rolle in dem (illegalen) Waffendeal. Als seine Version nicht mehr haltbar war – er hatte immer von einem "Tunesien-Geschäft" gesprochen, musste Lütgendorf Ende Mai 1977 zurücktreten. Laut dem Tagebuch von Handelsminister Josef Staribacher meinte Kreisky: "Halbe Wahrheiten sind oft viel schwerer zu vertreten als ganze Wahrheiten. Es sind oft Kleinigkeiten, die in der Politik eine große Rolle spielen können. Wie bei Lütgendorf zum Beispiel dieses Munitionsereignis."

Den "Kleinigkeiten", genauer der Förderung der österreichischen Waffenindustrie, widmete sich Lütgendorf auch weiterhin. Er vermittelte Waffengeschäfte in den Nahen Osten, tauchte ein paarmal in Begleitung dubioser Mittelsmänner auf.

Nach Lütgendorfs Tod wurde bekannt, dass er über ein Vier-Millionen-Schilling-Konto in der Schweiz verfügte. Seine Frau Emmy gab sich über die Herkunft des Geldes wortkarg.

Bis in die späten 1980er-Jahre ignorierten die Behörden alle Bedenken gegen die Selbstmordtheorie. Erst als Noricum- und Lucona-Affäre die Republik erschütterten, begann sich die Kriminalpolizei offiziell für Lütgendorfs Tod zu interessieren. Sogar Schusstests wurden durchgeführt – allerdings vergeblich. Man blieb beim Ergebnis: Tod durch Selbstmord. (Petra Stuiber, 9.10.2016)

  • Lütgendorf im Februar 1971 in seiner Amtswohnung in der Stiftskaserne.
    foto: picturedesk / wolfgang sos

    Lütgendorf im Februar 1971 in seiner Amtswohnung in der Stiftskaserne.

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