US-Autor Teju Cole: "Im Kopf ist mehr Platz als für einen Gedanken"

Interview8. Oktober 2016, 10:00
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Der amerikanische Schriftsteller ist Kosmopolit und Querdenker. Davon zeugt auch sein neues Buch "Vertraute Dinge, fremde Dinge", eine Sammlung von Essays. Ein Gespräch über Kulturkrisen, die US-Wahl und guten Geschmack

STANDARD: Sie reisen gerade durch Europa und begleiten die Stationen auf Instagram. Welchen Eindruck haben Sie von Europa und seinem Umgang mit der Flüchtlingskrise?

Cole: Europa befindet sich in einer Krise, aber ich bin mir nicht sicher, ob es eine Flüchtlingskrise ist. In absoluten Zahlen scheinen es viele zu sein, in relativen nicht so sehr. Deutschland hat 80 Millionen Einwohner und hat eine Million aufgenommen. Eine große Zahl, aber nicht das Ende der Welt. Die wirkliche politische und moralische Krise ist das Erstarken rechtsradikaler Politik, die das Flüchtlingsthema als Ausrede nützt. Doch es wäre zu einfach für mich, nur schwarzzusehen – ich treffe so viele offene Menschen, die sich Gedanken über ihre Gesellschaft machen. Ich habe nicht den Eindruck, dass Europa müde und altersschwach ist, es ist jung und dynamisch und macht gerade eine neue Phase des Wachstums durch. Das hat viel mit Dynamik und sozialer Inklusivität zu tun, was viele Leute verängstigt.

STANDARD: In Ihrem Roman "Open City" durchlebt auch Ihr Held eine Form von Liberalismuskrise, indem er etwa als Schwarzer nicht vereinnahmt werden will. Die Polarisierung der Gesellschaft ist auch in den USA massiv. Würden Sie bereits von einer Krise der Demokratie sprechen?

Cole: Ja, es ist eine Krise, die ins Herz der politischen Philosophie führt. Ich glaube, dass es keine binäre Trennung ist, sondern eher eine dreifache. Die Rechtsradikalen mit ihrem Fokus auf dem Nationalen, der Mainstream-Liberalismus, und dann gibt es, speziell in den USA, eine neu entstandene Linke, die gegen diese beiden Positionen auftritt. Es ist das erste Mal, dass diese Leute ihrer Meinung Ausdruck verleihen. Die Deutlichkeit dieses Risses wird auch durch die Bewegung Bernie Sanders' deutlich, die mit jener Hillary Clintons überhaupt nicht vergleichbar ist – auch wenn jetzt viele davon für sie stimmen werden, um Trump zu verhindern.

STANDARD: In Ihren Essays erstaunen Sie immer wieder durch Ihre Skepsis und den Mut, abweichende Ansichten zu teilen. Obamas Sieg sahen Sie schon in der Wahlnacht nur vorbehaltlich positiv.

Cole: Mir ist die Unabhängigkeit politischen Denkens sehr wichtig. Ich schätze zum Beispiel Bernie, aber ich war nicht ganz bei ihm – auch wenn ich über ihn enthusiastischer wäre als über Hillary. Bei Bernie stellte ich etwa fest, dass ich von seinen Anliegen zwar überzeugt war, aber weit weniger von seinem Führungsstil. Er schien mir kein guter Zuhörer zu sein, was in einer solchen Position jedoch extrem wichtig ist.

STANDARD: Sie waren auch einer der wenigen, die den Schulterschluss mit "Charlie Hebdo" abgelehnt haben, um im gleichen Atemzug die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Wie finden Sie Ihre intellektuellen Positionen?

Cole: Ich glaube wirklich daran, dass mehr als ein Gedanke in einem Kopf Platz findet. Natürlich sind die Attacke auf Charlie Hebdo und die Attentate in Paris entsetzlich. Aber es geht so schnell, dass man in einer Auseinandersetzung an einen Punkt gerät, wo jemand sagt, man würde denken, das sei alles nicht so schlimm gewesen. Ich finde, dass Frankreich ein sehr großes Problem mit Ausgrenzung hat – und diese geschieht im Namen der Laizität. Die Laizität muss flexibler gestaltet werden. Die Islamophobie ist in den letzten Jahren in Frankreich außer Kontrolle geraten, auf Staats- und Straßenniveau.

STANDARD: Teilen Sie die Ansicht, dass sich der Konflikt ins Kulturelle verlagert hat, wie man an der Burkini-Diskussion sehen konnte?

Cole: Da kann man natürlich sagen, das ist ein lokales Problem der Provence. Aber die Sache ist, dass Frankreich als Ganzes ein ähnliches Problem hat. Seit man sich im Ausnahmezustand befindet, werden ständig Türen aufgebrochen. Aber es ist nicht nur in Frankreich so. In den USA zum Beispiel wurden durch die Art, wie der Staat Drohszenarien wahrnimmt, die Drohszenarien nur vergrößert. Der Krieg gegen den Terror hat den Terror intensiviert. Lange herrschte die Auffassung, dass wir uns im Westen hauptsächlich um die Verteidigung der westlichen Kultur bemühen. Das ist gar nicht mehr möglich, denn die Orte werden längst auch von Leuten bewohnt, die von überall her kommen.

STANDARD: Welche Erklärung haben Sie dafür, dass es so viel schwieriger geworden ist, unabhängige Positionen einzunehmen? Ich denke an eine bestimmte Form von engagierter Literatur, jene von Susan Sontag oder auch von James Baldwin, den Sie ja sehr verehren.

Cole: Es war wohl immer schwierig, unpopuläre Standpunkte zu vertreten. Was ich faszinierend finde, ist, dass sich die Leute nicht einmal mehr mit dem Argument befassen. Sie betrachten es als Angriff, wenn man das Diktat bestimmter Haltungen hinterfragt. Aber das ist nicht anrüchig. Es gilt vielmehr, aufmerksam und hellhörig zu sein. Es ist nicht verkehrt zu sagen, dass Hillary wohl mehrere Kriege beginnen wird, weil sie daran glaubt, dass das Militär ein Instrument der Außenpolitik ist. Es ist nicht dumm oder naiv, das zu sagen, selbst wenn wir vor der Bedrohung eines Trump stehen. Wir müssen dafür kämpfen, dass Hillary Präsidentin wird, wie wir uns zugleich schon darauf vorbereiten müssen, ihre Präsidentschaft zu bekämpfen. Sie ist im Grunde eine rechtsradikale Liberale, was die Außenpolitik betrifft.

STANDARD: Haben Sie die erste TV-Debatte verfolgt?

Cole: Nein, es war zu spät, und ich wollte nicht noch weiter in die Sache eintauchen. Ich habe es nachgelesen und habe den Eindruck, dass sie das Notwendige getan hat. Und Trump war, wie jemand gesagt hat, für eine 20-minütige Performance vorbereitet, ist aber in eine 90-Minuten-Aufführung gegangen. So ist er. Ich fürchte aber, es wird ihm nicht schaden.

STANDARD: Um zur Literatur überzuleiten: In dem Essay "Schwarze Körper" schreiben Sie über James Baldwins Besuch in Leukerbad. Daraus entsteht ein Dialog über die Zeiten hinweg, bis Sie sich an einer Stelle, wo es um die Frage der Partizipation an europäischer Kultur geht, von ihm abgrenzen. Ein strategisches Manöver, wie mir schien.

Cole: Ja, da geht es um Fragen der Übereinstimmung des Geschmacks. Können Sie sich vorstellen, dass mir das manche übelnahmen? Wie kann man nur Baldwin widersprechen! So funktioniert das aber nicht. Ich wollte ihn natürlich nicht angreifen, sondern seine Position verstehen und meine davon abgrenzen. Wenn ich hier meine Interviews beendet habe, werde ich noch ins Kunsthistorische Museum schauen, obwohl ich nur eine halbe Stunde Zeit habe. Es ist wert, zu fragen: Welche Formen hat ein Geschmack, und wie können wir uns darauf beziehen? Und wie verhält sich das politisch zu der Art und Weise, wie wir die Welt erfahren? In Wien ist es besonders aufregend für mich – Brahms ist mein Lieblingskomponist. Dann Beethoven und Schubert, Musiker, die mir wirklich sehr viel bedeuten. Wenn diese Künstler meine eigene Welt wären, dann wäre mein Leben sehr eng gefasst. Sie sind aber ein Teil meiner Welt. Vor ein paar Tagen war ich in einem Hip-Hop-Club.

STANDARD: Und Sie sind ein Jazz-Fan, nicht wahr?

Cole: Ich liebe Jazz, John Coltrane hat mich die ganze Reise lang im Ohr begleitet. Mein Vorteil ist, zu mehreren Dingen Zugang zu haben, aber dieser Vorteil kommt auch aus der Beschäftigung mit Leuten wie Baldwin. Aber nehmen wir Nina Simone. Auf die Frage, wer ihr Lieblingskomponist sei, sagte sie, ohne zu zögern: Bach. Größte Liebe ihres Lebens!

STANDARD: Es handelt sich also um kein gegenwärtiges Phänomen, um keine Frage globalen Zugangs?

Cole: Es ist eine Frage der Zugänglichkeit, aber auch der Persönlichkeit. Es hat gewiss mit der Gegenwart zu tun, aber die Persönlichkeit ist entscheidender. Nina Simone war eine klassisch ausgebildete Pianistin. Und sie ist die wohl radikalste Black-Power-Soul-Performerin, die unser Land je gesehen hat. Zu wissen, dass man mit etwas anderem in Dialog treten kann, beraubt einen nicht dessen, was man bereits ist. Die Quellen sind unerschöpflich.

STANDARD: Sie schreiben in Ihrem Buch über so unterschiedliche Autoren wie V. S. Naipaul, Tomas Tranströmer oder W. G. Sebald. Manche sind weltzugewandter, andere zurückgezogener. Was verbindet sie?

Cole: Intensität. Eindringlichkeit. Die Entertainer ziehen mich nicht sehr an. Michael Ondaatje blickt auf die Welt und ist zugleich superintensiv. Tranströmer ist nach innen gerichtet, sehr privat und dennoch so ausdrucksstark. Ich habe die Gelegenheit gehabt, ihn ein Jahr vor seinem Tod in Stockholm zu treffen. Das Seltsame ist, dass das Leute sind, die uns helfen können. Darauf kommt es letztlich an: Wer kann dir helfen, ein Mensch in der Gegenwart zu sein?

STANDARD: Wie sieht es mit österreichischen Autoren aus – Thomas Bernhard?

Cole: Ich habe nicht genug von Bernhard gelesen. Ein bisschen Handke. Aber ich bewundere Michael Haneke, er ist mein Lieblingsfilmregisseur. Er ist besser als viele Schriftsteller. Wenn Haneke mich fragen würde, einen Film für ihn zu schreiben, ich würde alles stehenlassen und es tun. Er ist einer der Gescheitesten, wenn es um Fragen sozialer Zugehörigkeit und von Ausschluss geht. (Dominik Kamalzadeh, 8.10.2016)

Teju Cole, 1975 in Kalamazoo, Michigan, geboren, wuchs in Nigeria auf und kehrte für das Studium in die USA zurück. Sein Debütroman "Open City" wurde zum internationalen Erfolg. Er lebt in New York.

  • Teju Cole verteidigt sein Recht auf unabhängige Positionen und ist ein Liebhaber europäischer Kultur – von Bruegel über Brahms bis zu Haneke.
    foto: martin u. k. lengemann

    Teju Cole verteidigt sein Recht auf unabhängige Positionen und ist ein Liebhaber europäischer Kultur – von Bruegel über Brahms bis zu Haneke.

  • Teju Cole, "Vertraute Dinge, fremde Dinge". Aus dem Englischen von Uda Strätling. € 24,70 / 416 Seiten. Carl-Hanser-Verlag, Berlin 2016
    foto: hanser berlin

    Teju Cole, "Vertraute Dinge, fremde Dinge". Aus dem Englischen von Uda Strätling. € 24,70 / 416 Seiten. Carl-Hanser-Verlag, Berlin 2016

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