"curated by": Vintage-Prothesen und nötige Pausen

8. Oktober 2016, 17:00
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Von der Suche nach Vorbildern und Traditionslinien am Galerienfestival

Ein Kleid aus rohem Fleisch: Kennen wir, seit es die Popsängerin Lady Gaga 2010 bei den MTV Awards trug. Die Geschichte von Fleischkleidern geht aber noch weiter in die Geschichte zurück: Meat Joy nannte etwa Carolee Schneemann 1964 eine Performance, in der sie ihren Körper mit Fleisch bedeckte. Und in der Galerie Steinek stellt man derzeit ein noch jüngeres Vorbild des "Skandalkleides" aus: Vanitas: Flesh dress for an albino anorectic, titelt die Fotografie aus dem Jahr 1987, auf der Jana Sterbak ein Kleid aus blutigem Rindfleisch trägt.

Ich habe beschlossen, glücklich zu sein, weil es gut für die Gesundheit ist heißt die Ausstellung der kanadischen Künstlerin im Rahmen des Galerienprojekts, bei dem es heuer um vieles, aber auch um das Einschreiben in solche Traditionslinien geht.

Die Ausstellung in der Galerie nächst St. Stephan wirkt dementsprechend gleich sehr vertraut. Dabei hat Chris Sharp, der Kurator, als Titel für seine Präsentation As if in a foreign country gewählt. Befremdlich wirken die versammelten Arbeiten aber erst auf den zweiten Blick. Schließlich weisen alle Objekte und Bilder sehr deutliche Bezüge zur europäischen Moderne auf.

Imaginärer Phantom-Arm

Der in New York lebende Maler Scott Olson steht etwa unübersehbar im Bann von Paul Klee, während der 1983 in Sao Paulo geborene Lucas Arruda offenbar ein Bewunderer von William Turner ist. Von Künstlerinnen wie Arlene Shechet oder Jimena Mindezo werden die Moderne-Bezüge aber auch elegant untergraben und mit (u. a. lokalen) Kunsthandwerks-Traditionen durchmischt.

Was die Befragung von Authentizität und Autorschaft betrifft, ist man in der Galerie Charim noch weiter gegangen: Inspiriert von Überlegungen des Philosophen Thomas Metzinger, versucht man dort den Beweis anzutreten, dass das Selbst nur ein Konstrukt unseres Denkens ist. Kurator Bassam El Baroni will der Politik so ihren Egozentrismus austreiben, auch wenn der Weg von den Arbeiten zu der aktuellen Tagespolitik kein sehr direkter ist. Spannend sind die Arbeiten aber allemal: Miguel Ángel Rego referiert mit seinem Video auf die Geschichte einer Klavierspielerin, die seit einem Unfall einen Phantom-Arm imaginiert. Und Martin Boyce hat sich ebenfalls mit dem Phänomen Phantom Limbs auseinandergesetzt: Gegenstand der Fotoserie sind Vintage-Beinprothesen, die Charles Eames für Veteranen des Zweiten Weltkriegs entworfen hat.

"Gib uns eine Pause!"

Als eine zentrale Traditionslinie spielt die Moderne – kaum überraschend – überhaupt in viele Präsentationen hinein. In der Galerie Krobath hat etwa Bettina Steinbrügge die Spur der modernistischen Abstraktion aufgenommen: Ausgangspunkt der Ausstellung Emak Bakia ist der gleichnamige abstrakte Film (1926) von Man Ray, der ihn als "eine Pause für Reflexionen über den gegenwärtigen Zustand des Kinos" beschrieb.

Steinbrügge zieht eine Linie von dem Film über die grandiosen Meskalinzeichnungen (1954 bis 1959) von Henri Michaux bis hin zu den Arbeiten von Haleh Redjaian und Sofie Thorsen, die die Formen mit Fäden bzw. Schlagschnüren in die Gegenwart trugen.

Dass der baskische Begriff "Emak Bakia" auf Deutsch so viel wie: "Gib uns eine Pause!" bedeutet, dürfte nach dem dichten Messeherbst vielen Galeristen, aber auch Andreas Huber gefallen: Er hat nach zehn Jahren seine Galerie in der Schleifmühlgasse geschlossen, um sich über alternative Präsentationsmöglichkeiten und Vertriebsstrukturen Gedanken zu machen. (Christa Benzer, 8.10.2016)

Bis 15. 10. – einige wurden verlängert, Diverse Galerien

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  • Jana Sterbak in einem Kleid aus Rindfleisch. Zu sehen ist "Vanitas: Flesh dress for an albino anorectic" in der Galerie Steinek.
    foto: jana sterbak

    Jana Sterbak in einem Kleid aus Rindfleisch. Zu sehen ist "Vanitas: Flesh dress for an albino anorectic" in der Galerie Steinek.

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