Kurzfilm "Film": Was Samuel Beckett mit Maschek zu tun hat

8. Oktober 2016, 17:00
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Es könnte unser Blick sein: Im Jahr 1965 drehte der zukünftige Literaturnobelpreisträger Samuel Beckett gemeinsam mit dem alternden Stummfilmstar Buster Keaton den Kurzfilm "Film"

Im Jahr 1965 wurde unter der Regie von Alan Schneider der einzige Film nach einem Drehbuch von Samuel Beckett gedreht. Der Film heißt schlichtestmöglich Film und dauert kaum mehr als 20 Minuten. Zu sehen ist ein Mann, dargestellt von Buster Keaton, der vor etwas Bedrohlichem zu fliehen scheint. Laut Drehbuch heißt der Mann "O" wie Objekt und das bedrohliche "E" wie Eye. Aber nicht irgendein Eye, sondern ganz bewusst das Filmeye. Im Original lässt sich dieses Eye – ausgesprochen – leicht als "I", also "Ich" interpretieren.

Das Filmeye versucht im Laufe des Films ins Blickfeld des Mannes zu gelangen, verhält sich jedoch eher abwartend, fast passiv, und beobachtet mehrere paradoxe Versuche des Verfolgten, augenähnliche Objekte aus einem kleinen Raum zu bugsieren oder schlicht zu verhüllen. Der Ton wurde gleich zu Beginn des Filmes mit der Geste des Zeigefingers vor geschürzten Lippen von der Handlung ausgeschlossen. Ein Stummfilm also.

Ebenfalls stumme Bilder sind Ausgangsmaterial für meine berufliche Tätigkeit mit der Mediensatireformation maschek. Die Arbeitsweise von maschek besteht aus der Verwendung offizieller Fernsehbilder, die mittels Neumontage und Neusynchronisation auf deren offiziösen Charakter umgedeutet werden. Manchmal ist es jedoch genau umgekehrt: Aus offiziösen Bildern werden durch Behauptung offizielle.

Aber kann es im Fernsehen überhaupt offiziöse Bilder geben? Das bringt mich wieder retour zu Becketts Film.

Blick durch die Kamera

Die Mehrzahl der Filme benötigt(e) eine Kamera. Die Tendenz geht heutzutage natürlich Richtung computergenerierter Filme, aber die Grundhaltung wurde vor mehr als hundert Jahren definiert. Man bekommt als Betrachter einen Blickwinkel präsentiert, dessen Perspektive man vertrauen muss. Zu Frühzeiten des Films konnte das Publikum noch in Panik versetzt werden, wenn ein frontal gefilmter Zug auf die Kamera zufuhr. Dieser Zug versucht seit mehr als hundert Jahren immer wieder, das Publikum zu überfahren, aber er kommt nicht über die Barriere der Leinwand. Die Dimensionen bleiben getrennt. Aber das technische Aufzeichnungsgerät Kamera hat eine subjektiv wahrnehmbare Aufladung erhalten. Es könnte unser Blick sein.

Becketts Film hat die Kamera als zwei bewusste Subjekte besetzt. Die Blickwinkel in Film nehmen also einerseits den subjektiven Blickwinkel des Objekts der Beobachtung ein, unterscheidbar durch ein optisch getrübtes Bild. Andererseits ist die "zweite" Kamera ein noch unbekannter Beobachter, der nach strengen Regeln den Protagonisten irritiert. Beckett erzählt die purste Geschichte eines Filmes. Wer blickt hier?

Bei offiziellen politischen Anlässen gibt es ein seltsames Ritual. Ehe die Verhandlungen der Politik hinter verschlossenen Türen stattfindet, darf die Presse einige Bilder filmen. Je nach Talent oder Laune tuscheln und debattieren die Beobachteten mit ihren Nebenleuten. Ein wohl ungeschriebenes Gesetz verlangt, dass es dabei nur um Bilder geht. Niemals soll der vermeintlich vertrauliche Smalltalk auch akustisch ausgestrahlt werden. Sobald die ausgemachte Zeit vorüber ist, wird die Presse vor die Tür hinauskomplimentiert. Für die Arbeit mit maschek sind die stumm gedachten Vorabbilder die spannendsten, indem wir negieren, dass diese Bilder noch nicht Teil der Verhandlung sind und sie somit anders wahrnehmen.

Es gibt kein unschuldiges Bild

Bei Beckett gelingt es der vor der Wahrnehmung fliehenden Figur nicht, sich zu entziehen. Die sogenannte zweite Kamera ist nichts anderes als die Selbstwahrnehmung. Buster Keaton blickt Buster Keaton am Ende ins Gesicht und ergibt sich der Erkenntnis, vor der eigenen Wahrnehmung nicht fliehen zu können. Diese eigentlich sehr einfache Personalisierung der gefilmten Perspektiven hat mich nachhaltig auf die Immanenz gefilmter Bilder aufmerksam gemacht. Es gibt kein unschuldiges Bild. Jeder Blick hat eine Position. Wenn man sie sehen will.

Die gestellten Bilder der Politverhandlungen sagen viel über die Personen aus. Wer stellt sich zu wem, um wichtig zu wirken, wer versucht mit großen Gesten aufzufallen? Die Beobachteten drängen sich bewusst der Wahrnehmung auf und verlieren im gleichen Moment die Deutungshoheit über ihre Erscheinung. Hier blickt nicht mehr nur die geduldete Hofmalerei. Es blickt bereits der hinterfotzige Bilderfälscher. Dieser Umstand motiviert den Hof vermehrt zur Aussparung fremder, journalistischer Beobachtung. Schleichend wird die optische Selbstdarstellung mittels neuer Medien unanfechtbarer gemacht, da sich die kritische öffentliche Aufmerksamkeit zumeist nur auf sprachliche Inhalte bezieht. Die Bewusstwerdung der Inszeniertheit jedweder Bilder versuchen wir mit maschek subkutan zu thematisieren. Ich bewundere Becketts stringenten Film. Frevelhafterweise wird der Film besser, wenn man ihn mit doppelter Geschwindigkeit abspielt, da der Rhythmus des Tanzes der Wahrnehmungen plötzlich eindeutig sichtbar wird. Und nicht nur spürbar.

Becketts Film hat zusätzlich eine bemerkenswerte Aktualität. Eine Menschheit, die sich freiwillig in sozialen Medien entblättert und wahrnehmen lässt und gleichzeitig vor Überwachung von oben flieht, erscheint wie von Beckett erdacht. (Peter Hörmannseder, 8. 10. 2016)

Peter Hörmannseder ist Teil der Mediensatireformation maschek.

Die Premiere von "Film" (1965) bzw. "Notfilm" (2015) findet am 13. 10. im Wiener Filmmuseum statt. Der Regisseur Ross Lipman ("Notfilm") wird anwesend sein.

Link

Österreichisches Filmmuseum

  • Die purste Geschichte eines Films: Samuel Beckett, Alan Schneider, Buster Keaton für "Film". Wer blickt hier?
    foto: milestone film & video/1965 evergreen theatre

    Die purste Geschichte eines Films: Samuel Beckett, Alan Schneider, Buster Keaton für "Film". Wer blickt hier?

  • Samuel Beckett hat mit "Film" seinen einzigen Ausflug in den Film unternommen.
    foto: milestone film & video/1965 evergreen theatre

    Samuel Beckett hat mit "Film" seinen einzigen Ausflug in den Film unternommen.

  • Buster Keaton wird ins Visier der Kamera genommen.
    foto: milestone film & video/1965 evergreen theatre

    Buster Keaton wird ins Visier der Kamera genommen.

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