Hickhack um IT-Spezialisten der Zukunft

8. Oktober 2016, 09:00
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Unternehmen brauchen Spezialisten. Branchenvertreter haben konkrete Wünsche an die Politik – die betont, nur Anreize setzen zu können

Die Wunschzettel vieler Unternehmen sehen ähnlich aus: Programmierer, Datenexperten und Softwareentwickler werden gesucht, um Wirtschaft und Industrie auf den oft angekündigten Status 4.0 zu bringen. Gefunden werden diese Experten aber nur selten.

Eine neue Studie von Marketresearch – im Auftrag des Automatisierungsspezialisten Festo – fasst die Gründe dafür zusammen: In mehr als der Hälfte der heimischen Bildungsinstitutionen mit MINT-Fokus spiele das Thema Industrie 4.0 keine oder nur eine geringe Rolle. Befragt wurden rund 2000 Rektoren, Direktoren und Verantwortliche für Studieninhalte. Lediglich ein Fünftel gab dabei an, dass man sich intensiv mit der Fabrik der Zukunft auseinandersetze – und ein Programm zu Industrie 4.0 anbiete. Rund 30 Prozent beschäftigen sich gelegentlich mit dem Thema, für 24 Prozent ist es gar nicht relevant. Festo-Didactic-Chefin Katharina Sigl sieht Handlungsbedarf und betont: Arbeitnehmer müssten sich künftig in einer vernetzten Welt voller neuer Tätigkeitsfelder zurechtfinden – wofür sie ausgebildet werden müssten.

Fehlende Bildungsangebote

Groß war freilich die Aufregung aus Wirtschaft und Industrie über Zugangsbeschränkungen und verminderte Informatikplätze an der TU Wien. Während im Vorjahr 1125 Personen ein Informatikstudium an der TU starteten, sinkt die Zahl der Studienanfänger heuer auf 581. Alfred Harl, Vorsitzender des Fachverbands für Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie (UBIT) in der Wirtschaftskammer, forderte die Hochschule auf, die Zugangsbeschränkungen rückgängig zu machen – vergebens.

Um die gefragten Zukunftsarbeitsplätze zu besetzen, muss freilich schon viel früher angesetzt werden. Man habe es bislang aber verabsäumt, "digitales Denken" im Bildungssystem zu verankern, hieß es kürzlich von Vertretern der IKT-Branche bei einer Pressekonferenz.

Nach Hilferufen und Kritik am Status quo formieren sich erste Initiativen: Die Österreichische Computergesellschaft (OCG), der Verband Österreichischer Software-Industrie (VÖSI), die Digital City Vienna, ICT Austria, aber auch Tech-Riesen wie IBM, Microsoft und Oracle starteten mit "Bildung 4.0": Die Gruppe fordert einen durchgehenden Informatikunterricht über alle Schulstufen hinweg, wie es ihn in Großbritannien, Südkorea oder der Slowakei gebe. "Computational Thinking", informatisches Denken, müsse zudem auch in anderen Schulfächern trainiert werden. Außerdem sei eine Grundausbildung für Lehrer nötig. Auch an den Hochschulen müssten Studierende stärker in IT-Kenntnissen geschult werden. Dafür wünscht man sich Unterstützung von der Politik.

Niemand zuständig

Den Handlungsbedarf erkennt man auch dort: Programmierer sollen zum Mangelberuf werden. Außerdem wolle man Studienplätze im Bereich Informatik an den Fachhochschulen ausbauen. Auch dort übersteigen schon jetzt die Bewerberzahlen die vorhandenen Studienplätze deutlich.

Harald Mahrer (ÖVP), Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft, spielt den Ball aber zurück: "Natürlich hat die Politik die Verantwortung, im Aus- und Weiterbildungsbereich aktiv zu werden. Sie wird es aber nicht allein können. Eigentlich muss das die Wirtschaft im großen Ausmaß selber machen."

Erste Ansätze dazu gibt es bereits. Ein Beispiel ist die "Wissensfabrik" : ein Zusammenschluss großer Unternehmen, die einerseits Lehrer weiterbilden, andererseits Kindern jene technischen Fähigkeiten beibringen, die sie in der Schule bis jetzt nicht erlernen. IBM bildet gemeinsam mit der OCG Pädagogen in IT- und MINT-Themen weiter. Microsoft arbeitet mit 23 Schulen in Österreich an der digitalen Transformation des Unterrichts und bietet Online-Kurse an, wie die "Virtual Academy".

"Es gibt also eine Reihe Einzelaktivitäten", sagt Christine Wahlmüller-Schiller von der OCG. "Aber was fehlt, ist eine Top-down-Politik. Es kann nicht sein, dass sich die Industrie ihre Fachkräfte selbst ausbildet." (Lisa Breit, Lara Hagen, 8.10.2016)

  • Digitalisierung und Automatisierung verändern die Arbeitswelt radikal. Gefunden werden Spezialisten, die sich mit der Entwicklung auskennen und sie voran treiben können, nur selten.
    foto: istock

    Digitalisierung und Automatisierung verändern die Arbeitswelt radikal. Gefunden werden Spezialisten, die sich mit der Entwicklung auskennen und sie voran treiben können, nur selten.

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