"Divorce": Ich liebe dich nicht mehr

9. Oktober 2016, 10:00
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"Divorce" mit Sarah Jessica Parker spielt weiter, wie "Sex and the City" enden könnte: im Sumpf des Ehehafens und ziemlich frei von Glanz und Glamour

Es beginnt – wie alle tranigen Beziehungsgeschichten dieser Tage – mit Angelina Jolie und Brad Pitt. Dass Hollywoods berühmtestes Ehepaar entschieden hat, sich künftig nicht mehr gemeinsam fotografieren zu lassen, darf als bekannt vorausgesetzt werden und ist so weit nichts Dramatisches, das kommt in den besten Ehen vor.

Bemerkenswert ist hingegen, wie Medien es in nur wenigen Tagen schafften, die über Jahre hinweg geherzte und abgebusserlte Vorzeigeehe in ein schleimiges Verhältnis zu wenden, das schon seit längerem nicht war, was es vorgeben wollte. Aus Knuddelpapa Brad wurde "Prügelpitt" ("Österreich"), so schnell konnte man gar nicht schauen. Über Zukünftiges lässt sich freilich jetzt schon sagen, dass der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind.

Lernen lässt sich daraus jetzt schon, dass Scheidungen selten schön, aber ein geiles Medienthema sind. Brangelina ist schließlich nicht allein, Athina Onassis, Stefan Mross und in Gottes Namen auch Richard Lugner könnten Bände erzählen.

Mit Blaulicht abtransportiert

"Es gibt Tage, da bin ich rundum glücklich, wenn ich nach Hause komme. Und dann sehe ich dein Auto, realisiere, du bist zu Hause -, und meine Laune sinkt", sagt Frances zu ihrem Ehemann Robert bei der Party mit Freunden, und der tut, wonach ihm ist: Er kotzt in ein Glas. Das ist peinlich, geht aber insofern unter, als im Nebenzimmer die Gastgeberin kurz zuvor mit einer Pistole herumgefuchtelt und damit ihrem Ehemann einen solchen Schrecken zugefügt hatte, dass dieser mit Herzinfarkt zusammenbrach und mit Blaulicht abtransportiert werden musste.

Skurril und traurig zugleich gestaltet sich das Beziehungsende zweier Eheleute in der neuen HBO-Serie "Divorce" – zu sehen ab Sonntag auf Sky Ticket und Sky Go, den mobilen Abrufdiensten des Abosenders. In zunächst acht Folgen zertrümmert die irische Drehbuchautorin Sharon Horgan die Idee der Zweierbeziehung fürs Leben. Das Ganze spielt sich am Rande New Yorks ab, Kinder sind auch da, es wird – so viel kann man sagen – nicht einfach.

Insgesamt ist "Divorce" ein unterhaltsames Fernsehstück, das – wie jede gute Serie – der Gesellschaft einen Spiegel vorhält und nebenbei schon jetzt Fernsehgeschichte schreibt. Insofern nämlich, als Hauptdarstellerin und Produzentin Sarah Jessica Parker zwölf Jahre nach der letzten Folge von "Sex and the City" wieder für HBO eine New Yorkerin im Beziehungsstrudel mimt und die Geschichte der berühmten Carrie Bradshaw in gewisser Weise fortgeschrieben wird. Die Rede ist wohlgemerkt von der Serie "Sex and the City" zwischen 1998 und 2004. Über die beiden grottigen Filme danach wird hier der Mantel des Schweigens gebreitet.

Nachwuchs und Faltencremes

Was könnte aus der coolen, eloquenten, erlebnishungrigen, romantischen Sexkolumnenschreiberin nach der Verehelichung mit "Mr. Big" geworden sein? Den Job aufgegeben, zwei Kinder gekriegt, in die Peripherie übersiedelt, Freundeskreis gewechselt, statt über Mode und Sex spricht man über Nachwuchs und Faltencremes? Tja, so oder so ist das Leben.

Für ihn läuft es nicht besser. Seit wann sie aufgehört habe, ihn zu lieben, fragt Robert Frances. "Seit du den Schnauzer hast", offenbart sie. Das ist schon ein Zeitl her, aber irgendwann hat man aufgehört zu reden oder zuzuhören. Was Frances jetzt erwartet, haben Carrie und die Mädels jahrelang mit frivolem Selbstverständnis verdrängt: Älterwerden. Das ist gar nicht so schlimm, aber es erfordert einen Neustart. Und der braucht davor einen Abschluss.

Bemerkenswert ist der Zeitpunkt des Serienstarts nicht nur wegen Brangelina & Co, sondern weil das Scheidungsthema ausgerechnet in eine Heiratswelle platzt, die den Westen vor geraumer Zeit erfasst hat. Die Lust auf kirchlich oder zumindest standesamtlich beglaubigte Versprechen ist hoch wie nie. Professionisten, die filmreife Zeremonien inszenieren, stehen dick im Geschäft.

Wettrennen um besten Event

Das grassierende Traufieber mag in manchen Kreisen mehr mit der simplen Tatsache zu tun haben, dass so eine Vermählung ein Superfest ist und im Wettrennen um den besten Event naturgemäß ganz vorn liegt. Wenn sich schon jeder Furz auf Facebook und Whatsapp zum gewaltigen Ereignis aufbläht, wird es für die Gruppe der diese Dienste Bespielenden immer schwieriger, das Einzigartige zu finden und zu bieten.

Es hat aber auch damit zu tun, dass die Verheißung so zuckersüß ist, im gegenseitigen Versprechen Sicherheit und Geborgenheit zu finden, auf die anderswo kaum noch zu hoffen ist. Das schafft Raum für Projektionen, macht auch Angst – denn nichts ist gefürchteter als der Verlust des gewohnten Besitzes.

Das ist vermutlich der Grund dafür, warum sich Scheidungsgeschichten eher im für die niederen Instinkte zuständigen Boulevard abspielen und bisher weniger zentrales Thema von Qualitätsserien waren. Dort sind sie nämlich zu nahe an der Realität gebaut, und die zeigt, dass Brangelina, Onassis und Lugners uneingeschränkt zu beneiden sind: Sich scheiden zu lassen und das Leben danach, das müssen Mann und Frau sich in Krisenzeiten erst einmal leisten können. (Doris Priesching, 8.10.2016)

  • "Divorce" mit Sarah Jessica Parker und Thomas Haden Church, ab Sonntag in den USA auf HBO, hierzulande auf mobilen Diensten von Sky abrufbar.
    foto: hbo

    "Divorce" mit Sarah Jessica Parker und Thomas Haden Church, ab Sonntag in den USA auf HBO, hierzulande auf mobilen Diensten von Sky abrufbar.

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