Warum in Österreich so viele rechts wählen

Userkommentar6. Oktober 2016, 15:12
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Die Repräsentation der WählerInnen nimmt immer weiter ab, daher nehmen Ärger und Wut zu

Wir leben in einer repräsentativen Demokratie. Die Wählerinnen und Wähler wollen also repräsentiert sein. Das ist nicht nur das Konzept unserer Demokratie. In sehr vielen Gesprächen stellt sich immer wieder heraus, dass es tatsächlich genau so ist.

Es ist nichts Neues, dass sich – mit der Diversifizierung der Gesellschaft – immer größere (Tendenz zunehmend) Teile der Gesellschaft schlecht (Tendenz abnehmend) repräsentiert fühlen. Die politischen Volksparteien (ÖVP und SPÖ) konzentrieren sich in dieser Situation vermehrt auf ihre alten Erfolgsmodelle, die strukturell in den Parteien angelegt sind, und repräsentieren damit immer weniger "Volk" und immer mehr "Seilschaften".

Zudem hacken sie verbal auf immer mehr aus ihrer Sicht außenstehenden Personengruppen herum, statt sich zu überlegen, wie man die zunehmende Vielfalt besser repräsentiert.

Gesellschaft wird nicht brauchbar repräsentiert

Für Wählerinnen und Wähler ist diese Entwicklung ein absolutes Desaster, sie wissen nicht, wen sie wählen sollen, weil keine Partei ihre Sicht der Gesellschaft auch nur brauchbar repräsentiert, ganz im Gegenteil: Man wird eher beschimpft als repräsentiert, wenn der Lebensentwurf der Realität und nicht der Parteilehre entspricht.

Was also wählen? In dieser Situation am ehesten die Partei, die wenigstens den Ärger mit dem Zustand repräsentiert. Damit ist dann irgendein Aspekt repräsentiert, auch wenn das weder nachhaltig noch befriedigend ist, weil Ärger und Wut keine positive Gestaltungsmöglichkeit der Gesellschaft einschließen.

Und eines muss man der FPÖ lassen: Den Ärger der Wählerinnen und Wähler über das Versagen der Volksparteien ÖVP und SPÖ (bezüglich der Repräsentation des Volkes) repräsentieren sie wirklich gut.

Volksvertreter

Dass es auch anders geht, sieht man zum Beispiel an Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg: Der ist ein Volksvertreter, eine große Mehrheit fühlt sich von dem, was er macht und sagt, gut repräsentiert. Nicht weil, sondern obwohl er grün ist.

Auch Frau Merkel und ihre CDU machen das besser als unsere ÖVP. Die deutsche Sozialdemokratie hingegen ist noch eher in den internen Klassenkampf verstrickt, da wundert es nicht so sehr, dass die eher links orientierten Leute ihrem Ärger über den Mangel an "Repräsentiertsein" durch Wahl der AFD, Piraten et cetera Luft machen.

Repräsentanten für Ärger und Wut

Wir sind auf dem besten Weg zum Kollaps, weil die Repräsentation, die wesentliche Voraussetzung des Systems, immer weiter abnimmt. Leider wird dieser Umstand kaum oder nicht gesehen. Wir sind nicht so rechts, wie wir wählen, wir sind viel, viel mehr verzweifelt und verärgert als politikverdrossen und rechts.

Leider vernehmen die Parteien die Signale falsch: Sie hüpfen nach rechts statt in die Breite und Vielfalt, weil sie denken, dass die Leute rechts stehen, wenn sie FPÖ wählen. Damit erhalten wir ein Politikergebnis, dass viel stärker rechts liegt, als die große Mehrheit überhaupt will (und die FPÖ je direkt durchsetzen könnte), man wird noch unzufriedener und wählt dann erst "was anderes", man sucht einen Repräsentanten für den Ärger und die Wut, die man fühlt. Diese Wut holt die FP sehr gut ab. (Walter Werner, 6.10.2016)

Walter Werner (60) ist Unternehmensberater und lebt in Vorarlberg. Er war lange Jahre in der Elektro- und der Softwareindustrie im In- und Ausland tätig.
Hompage: werner-ms.at

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