Ausbeutung im Schatten der Fluchtbewegungen

6. Oktober 2016, 11:30
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Organisationen gegen Menschenhandel schlagen Alarm: Organ- und Kinderhandel habe im vergangenen Jahr einen regelrechten Aufschwung erlebt

Graz – Man versprach ihnen Jobs und ein besseres Leben in der Türkei: 47 junge Männer zwischen 18 und 24, die in Moldavien ohne Perspektive am Land lebten, ließen sich von solchen Versprechungen locken. In der Türkei angekommen, gab es keine Jobs, aber das Angebot, eine Niere zu verkaufen. Da sich die Männer mit Reisekosten und falschen Papieren verschuldet hatten, stimmten sie zu. Sie wurden in eine Privatklinik in Istanbul gebracht, wo ihnen ein hoch qualifiziertes Ärzteteam eine Niere entnahm und sofort einem Menschen, der dafür viel bezahlte einsetzte.

Altes Auto für neue Niere

"Die Ärzte bekamen für zwei bis drei solcher Transplantationen zwischen 90.0000 bis 180.000 Euro", erzählt Ruth-Gaby Vermot-Mangold, Präsidentin der Schweizerischen Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht (SBAA). Die SP-Politikerin aus Bern erfuhr von diesem Fall 2005 als Mitglied der nationalrätlichen Delegation beim Europarat. Sie fuhr selbst nach Istanbul, um die Klinik zu finden. "Die Männer wurden nach fünf Tagen ohne Nachversorgung weggeschickt und hatten am Ende, abzüglich der Reisekosten, vielleicht 1000 bis 2000 Euro", erzählt Vermot-Mangold dem Standard, "einer bekam auch ein Auto, das brach aber am Heimweg schon an der türkischen Grenze zusammen".

Letzten Endes stand hinter diesem Fall ein kleines Netzwerk: Zwei Frauen aus Moldawien gingen dafür in ihrer Heimat ins Gefängnis. In der Türkei bekam nur ein Arzt eine sechsmonatige Haftstrafe. "Aber immerhin gibt es in der Türkei seit damals staatliche Kontrollen an jeder Klinik", sagt Vermot-Mangold.

Gut zu dokumentieren seien solchen Fälle sonst selten, betont sie, denn meist sei es schwierig, überhaupt Aussagen von Opfern von Menschenhandel oder Organhandel zu bekommen. Viele hätten einfach Angst, andere nehmen sich zunächst gar nicht als Opfer wahr. Im Falle der jungen Moldawier spielte auch Scham mit: "Einer, der seine Niere verkauft, gilt dort nicht mehr als ganzer Mann", so die Schweizerin.

Grenzen werden geschützt, Kinder nicht

Am Dienstag schlug Vermot-Mangold gemeinsam mit der ehemaligen SPÖ-Ministerin Helga Konrad, die seit Jahren in der Regionalen Implementierungs-Initiative zur Prävention und Bekämpfung von Menschenhandel (RII) aktiv ist, bei einer Podiumsdiskussion in Graz Alarm. Im Schatten der verstärkten Flüchtlingsbewegungen des letzten Jahres habe nämlich auch der Menschenhandel, speziell auch mit Frauen und Kindern einen regelrechten Aufschwung erlebt. Dabei warnt Konrad vor allem davor, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, also Kinder und Jugendliche schutzlos Organhändlern, Prostitution und illegaler Adoption ausgeliefert seien "Das fängt schon in Flüchtlingslagern an, wo es zu Vergewaltigungen und Ausbeutung kommt", sagt Konrad. "Aber man schaut ja jetzt nur, dass man möglichst alle Flüchtlinge abhält, mit dem Geld, das man dafür an den EU-Außengrenzen einsetzt, könnte man diese Kinder schützen", ist die Ex-Ministerin sicher.

Sie glaube nicht, dass die von Europol vor Monaten ventilierte Zahl von 10.000 verschwundenen Flüchtlingskindern stimme, so Konrad: "Das sind eher 80.000." Beweisverfahren seien extrem schwierig in diesem Bereich, stimmt Konrad ihrer Kollegin Vermot-Mangold zu: "Es bräuchte dringend für Richter ein eigenes Training für diesen komplexen Bereich." Der Bevölkerung empfiehlt Konrad: "Hellhörig bleiben: Es gibt auch bei uns Fälle moderner Sklaverei, zum Beispiel in der Gastronomie und in Haushalten." (Colette M. Schmidt, 6.10.2016)

  • Vor allem Kinder sind auf der Flucht oft schutzlos ausgeliefert. Bei dieser Kundgebung in Athen vor wenigen Wochen demonstrierten nicht nur Flüchtlinge für eine bessere Versorgung der Jüngsten.
    foto: apa/afp/louisa gouliamaki

    Vor allem Kinder sind auf der Flucht oft schutzlos ausgeliefert. Bei dieser Kundgebung in Athen vor wenigen Wochen demonstrierten nicht nur Flüchtlinge für eine bessere Versorgung der Jüngsten.

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