RHI fusioniert mit Magnesita und verlegt Sitz und Börsenotiz

6. Oktober 2016, 05:37
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Vorstand bleibt in Österreich, Besteuerung ebenfalls – RHI-Aktie, die künftig in London notieren wird, bricht ein

Wien– Die künftige RHI Magnesita wird ihren Sitz in Holland haben und ihre Börsennotierung von Wien nach London verlegen, "die Steuerung des Unternehmens wird aber aus Österreich heraus erfolgen und auch die Steuerzahlungen werden in Österreich erfolgen", betonte RHI-Interimschef Wolfgang Ruttenstorfer heute (Donnerstag) in einer Telefonkonferenz.

Der RHI-Vorstand habe sich mit den kontrollierenden Aktionären des brasilianischen Konkurrenten Magnesita Refratarios darauf geeinigt, die beiden Unternehmen zur künftigen "RHI Magnesita" zusammenzuschließen, sagte Ruttenstorfer. GP Investments und Rhone Capital bekommen für ihre 46 Prozent an Magnesita 118 Mio. Euro und später 4,6 Millionen neue Aktien der RHI Magnesita. Die Aktionäre der heutigen RHI werden ihre Aktien 1:1 gegen die Aktien der neuen holländischen RHI Magnesita umtauschen können. Aber sie werden auch ein Abfindungsangebot verlangen können, "auch für das haben wir vorgesorgt", so Ruttenstorfer.

Kapitalerhöhung geplant

"Die Hauptversammlung muss eine Kapitalerhöhung um insgesamt 10 Millionen Aktien beschließen", erläuterte Ruttenstorfer. "Das wird sie erst nach Vorlage aller Genehmigungen tun, was wir in zwölf bis 18 Monaten erwarten. Daraus bekommt dann der Altaktionär diese 4,6 Millionen Aktien plus 118 Mio. Euro Cash. Und nach der Transaktion müssen wir dann für die Kleinaktionäre der Magnesita ein Pflichtangebot machen, dazu haben wir weitere 5,4 Millionen Aktien und der Rest muss in Cash finanziert werden. Das Ganze kostet 450 Millionen", berechnet auf Basis des Kurses der RHI-Aktie der letzten sechs Monate.

An der künftigen Gesellschaft werde der derzeitigen beherrschende Aktionär der Magnesita einen Anteil von 9 Prozent haben und die heutigen RHI-Kernaktionäre 32 Prozent, sagte Ruttenstorfer. Der Rest wird Streubesitz sein.

Notierung in London

Der neue globale Konzern werde 40 Prozent seines Umsatzes in Nord- und Südamerika machen, 30 Prozent in Europa und 30 Prozent in Asien, dem Nahen Osten und Russland, sagte Ruttenstorfer. Deshalb werde man den Sitz der Gesellschaft verlegen. "Wir werden eine kleine Holding in den Niederlanden gründen, die an der London Stock Exchange notieren wird." Dieser Schritt sei auch eine Bedingung der Magnesita-Kernaktionäre gewesen. In Brasilien soll die Magnesita ebenfalls von der Börse genommen werden.

Hätte es keinen Brexit gegeben, dann wäre wohl auch die Holding in London gesessen, meinte der CEO. "Da es den Brexit aber gibt und die europäische Merger-Richtlinie damit für London vielleicht beim Closing in 18 Monaten nicht mehr anzuwenden ist, war es die Aufgabe, einen anderen Sitz als London für diese kleine Holding zu finden." Für Holland habe man sich aus Gründen der Governance entschieden. Das holländische Gesellschaftsrecht erlaube ein Ein-Board-System und auch die übrigen Governance-Vorschriften in Holland seien ideal für ein Listing in London und trotzdem in der EU zu bleiben.

Leichtes organisches Wachstum

Die operative Steuerung des Konzerns werde weiter aus Österreich erfolgen, und dieser "place of effective management" sei auch wichtig für die Steuersituation. "Der Gesamtgewinn wird in Österreich versteuert", erklärte RHI-Finanzvorständin Barbara Potisk-Eibensteiner. Die Steuervorteile, die die Niederlande bieten würden, seien gar nicht so groß, "wie Sie wissen, hat ja RHI Verlustvorträge, die auch noch weiter genutzt werden können".

Im Jahr 2015 habe die RHI 1,8 Mrd. Euro Umsatz gemacht und Magnesita 0,9 Mrd. Euro, sagte Ruttenstorfer. "Wir erwarten, dass es durch die Kombination natürlich zu einem gewissen Marktverlust kommt aus Kundenreaktion", es werde aber ein leichtes organisches Wachstum geben, das diesen Effekten kompensiert. Die RHI habe bisher bis zum Jahr 2020 einen Umsatz von 2 bis 2,2 Mrd. Euro angepeilt, die kombinierte Gruppe strebe nun 2,6 bis 2,8 Mrd. Euro an. Die EBIT-Marge soll dann über 12 Prozent betragen, bisher war das Ziel, über 10 Prozent zu kommen.

Ruttenstorfer zurück in Aufsichtsrat

Der erst vor wenigen Tagen neu bestellte künftige reguläre RHI-Vorstandschef Stefan Borgas werde wie geplant seinen Posten antreten, sagte Interimschef Ruttenstorfer. "Er ist nicht in die Verhandlungen involviert gewesen, aber er ist natürlich voll informiert." Das Management der RHI Magnesita werde zwar neu zusammengesetzt, "aber man kann davon ausgehen, dass das gegenwärtige Topmanagement sowohl der RHI wie auch der Magnesita im künftigen Topmanagement vertreten sein wird." Ruttenstorfer selbst scheidet Ende November aus dem Vorstand aus und wird dann zunächst wieder sein Aufsichtsratsmandat in der RHI AG übernehmen.

Die RHI-Aktie hat am Donnerstagvormittag mit massiven Kursverlusten auf den angekündigten Zusammenschluss mit dem brasilianischen Wettbewerber Magnesita reagiert. Die RHI-Papiere fielen an der Wiener Börse bis etwa 11.00 Uhr um 10,25 Prozent auf 21,495 Euro, während der Gesamtmarkt repräsentiert durch den ATX wenig verändert tendierte.

Eineinhalb unsichere Jahre

Ein Analyst von der Baader Bank verwies auf APA-Anfrage darauf, dass der geplante Zusammenschluss doch überraschend kam. Die aktuell sehr negative Kursreaktion könnte mit den entstehenden Unsicherheiten verbunden sein. Vielleicht stehen den Aktionäre jetzt eineinhalb Jahre mit Unsicherheiten gegenüber, da dem Zusammenschluss noch die Hauptversammlungen und die Kartellbehörden zustimmen müssen.

Der Analyst sieht auch nicht den großen Kurstreiber aus der "Geschichte". Weiters ist die RHI-Aktie zuletzt gut gelaufen und die Anleger könnten nun die Gewinne mitnehmen. Die Bewertung von Magnesita sehe aber akzeptabel aus und der gegebene RHI-Unternehmensausblick ("Guidance") sei nachvollziehbar.

Schwierige Konzernstruktur

Weiters bewertet der Baader-Experte die geplante Struktur des neuen Konzerns als schwierig und vielleicht nicht glücklich gewählt: mit einem Firmensitz in den Niederlanden, der Börsennotiz in London und der operativen Leitung in Wien. Hier könnten zusätzliche Kosten entstehen.

Als positiv hebt der Wertpapierspezialist hervor, dass die Dividende stabil gehalten werde. Der Zusammenschluss habe auch eine operationale Logik, formulierte der Analyst weiter. Die Übernahme sei insgesamt ein defensiver Schritt von RHI. (APA, 6.10.2016)

  • Die künftige RHI Magnesita wird ihren Sitz in die Niederlande verlegen und die Börsenotiz nach London. Das Konzernmanagement und die Besteuerung sollen weiterhin in Österreich erfolgen.
    foto: reuters/heinz-peter bader

    Die künftige RHI Magnesita wird ihren Sitz in die Niederlande verlegen und die Börsenotiz nach London. Das Konzernmanagement und die Besteuerung sollen weiterhin in Österreich erfolgen.

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