Eisiges Klima für Russland-Exporteure

6. Oktober 2016, 11:00
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Ab 2017 gewährt Russland inländischen Anbietern Rabatt, um Auslandskonkurrenz aus dem Feld zu schlagen

Als wären niedriger Ölpreis, Rubelverfall und Sanktionen an Imponderabilien nicht genug, kommt nächstes Jahr im Russland-Geschäft für Exporteure ein weiterer Bremsklotz hinzu. Denn 2017 tritt eine Verordnung in Kraft, mit der russische Staatsbetriebe klar bevorzugt werden. Die neue Regelung besagt: Bei Ausschreibungen reduzieren sich die Angebotspreise russischer Firmen automatisch um 15 Prozent. Ausgezahlt bekommen russische Gewinner einer Ausschreibung allerdings die volle Auftragssumme.

Österreichs Stahlbauunternehmen sind zwar von den nach der Krim-Annexion verhängten EU-Sanktionen nicht erfasst, spüren das von Renationalisierung geprägte Klima in der Russischen Föderation allerdings schon – und die erlahmte Wirtschaftskraft Russlands aufgrund des verfallenen Ölpreises, der die Staatseinnahmen massiv drückt. Der Rubelverfall erschwert Finanzierungen für Unternehmen in Russland und ließ die Nachfrage einbrechen. Für Investitionen fehle es russischen Unternehmen und dem Staat schlicht an Geld, beklagen mit der schwierigen Exportsituation vertraute Wirtschaftskammer-Funktionäre. Österreichs Außenpolitik sei diesbezüglich auch keine große Hilfe, merkte Peter Zeman, Chef und Eigentümer des gleichnamigen Wiener Stahlbauunternehmens anlässlich einer Russland-Reise des Stahlbauverbands an.

Spezialitäten aus Stahl

Begegnen wollen Österreichs Exporteure den widrigen Umständen mit Technologie und Spezialitäten, die ihre russischen Partner und Konkurrenten nicht bieten können. Die auf Stahl-Glas-Technik, Stahl- und Brückenbau spezialisierte Waagner-Biró beispielsweise baut an der Gazprom-Zentrale in St. Petersburg mit. Zwar war nicht am 462 Meter hohen Lakhta-Turm, aber beim angeschlossenen Multifunktionscenter, für das Glasträger und Fassadenteile geliefert werden. STANDARD-Informationen, wonach das Auftragsvolumen rund 30 Millionen Dollar (rund 27 Millionen Euro) beträgt, werden vom Unternehmen dementiert. Auch beim Planetarium, das auf dem Mehrzweckgelände mit Freizeitinfrastruktur errichtet wird, ist man an Bord. Gefertigt und geliefert würden 17 Meter hohe Glasträger, die beheizbar seien und auf denen man gehen könne, sagt Johann Schischka von der Waagner-Biró Stahlbau AG. Details möchte der Stahlbauexperte unter Verweis auf strenge Verschwiegenheitsauflagen der Auftraggeber nicht sagen.

Signal an den Westen

Der Lakhta-Tower von Gazprom am Finnischen Meerbusen ist nicht nur aufgrund seiner Höhe ein Leuchtturmprojekt für Russland. Auch die Stahlverbundbauweise mit rotierender Außenfassade stellt für Generalunternehmer Renaissance Construction aus der Türkei eine Herausforderung dar, wie der Leiter der Sparte Engineering-Solutions, Faruk Gökce Basaran, einräumt. So war es kein Zufall, dass die Ingenieure des türkischen Baukonzerns im Gegensatz zu anderen Unternehmen aus der Türkei während der Verstimmungen zwischen Russland und der Türkei nach dem Flugzeugabschuss nicht ausgewiesen wurden aus Russland. Zu viel wäre auf dem Spiel gestanden,

Um den sprichwörtlichen russischen Winter auszuhalten – Eiszapfen bilden sich hier aufgrund des Windes und der Meeresluft waagrecht –, sind besondere Konstruktionen und Materialien notwendig. Im umstrittenen Zenit-Fußball-Stadion, das mit einigen Jahren Bauverzögerung und beträchtlichen Baukostenüberschreitungen zu Jahresende fertig werden soll, muss die massive Dachkonstruktion nicht nur die nach außen verschiebbaren Glaskuppelhälften tragen, sondern im Winter auch Tonnen an Eis.

Rasenbrücke

Die erste Kuppelhälfte hat den Beweis ihrer Schließfähigkeit erbracht, die zweite folgt nächste Woche. Die Besonderheit des Petersburger Zenit-Stadions für rund 65.000 Besucher, das 2017 beim Confederations Cup Premiere haben soll: Wiewohl das erste Spiel frühestens in einem halben Jahr stattfindet, ist der Rasen bereits gepflanzt. Das Grün befindet sich nämlich auf einer 100 Meter breiten Brücke, über die es ins Stadion geschoben wird. Da auf der Großbaustelle derzeit noch hektisch gebaut wird, wartet der Rasen außerhalb des 42,3 Meter hohen Stadions auf seinen Transfer. (Luise Ungerboeck aus St. Petersburg, 6.10.2016)

Die Reise nach St. Petersburg erfolgte auf Einladung des Österreichischen Stahlbauverbands.

  • Ein Signal Moskaus an die Welt: So soll die Gazprom-Zentrale am Finnischen Meerbusen bei St. Petersburg mit dem 460 Meter hohen Lakhta-Tower aussehen, wenn sie 2018 fertig ist.
    foto: lakhta center

    Ein Signal Moskaus an die Welt: So soll die Gazprom-Zentrale am Finnischen Meerbusen bei St. Petersburg mit dem 460 Meter hohen Lakhta-Tower aussehen, wenn sie 2018 fertig ist.

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