Zivilsten fliehen vor Kämpfen in Kunduz

5. Oktober 2016, 17:20
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Regierung: Innenstadt gesichert – Stromversorgung zusammengebrochen, Brotpreis verfünffacht

Kunduz/Kabul – Die afghanischen Sicherheitskräfte haben es auch am dritten Tag der Kämpfe um die nordafghanische Stadt Kunduz nicht geschafft, die Taliban-Aufständischen zu schlagen. Ein Provinzratsmitglied, Saied Assadullah Sadat, sagte am Mittwochabend (Ortszeit), die Kämpfe gingen weiter. Polizeichef Kasim Jangalbagh sagte, man habe mehrere Gegenden von Taliban befreit.

Wo deren Kämpfer sich befinden – ob innerhalb oder außerhalb der Stadtgrenze – blieb unklar. Nach Regierungsangaben ist die Innenstadt gesichert. Unklar ist auch, wie viele Kämpfer sich noch in oder am Rand der Stadt befinden. Ursprünglich soll es sich um eine Gruppe von 100 bis 110 Angreifern gehandelt haben. Polizeichef Jangalbagh sagte, bisher seien etwa 50 Taliban getötet worden. Auch fünf Soldaten seien ums Leben gekommen, weitere acht verwundet worden. Die Zahlen ließen sich nicht unabhängig bestätigen.

US-Luftangriffe

Aus Sicherheitskreisen hieß es, es handle sich möglicherweise nur noch um eine kleinere Gruppe von Kämpfern, die die Sicherheitskräfte noch auf Tage hinaus mit einer Guerillataktik in Atem halten könnten. Ein Sprecher der US-Streitkräfte in Afghanistan sagte nach Medienberichten, man habe am Mittwoch zwei Luftangriffe verübt, um afghanischen Soldaten "unter Feindfeuer" zu helfen.

Währenddessen verschärft sich die humanitäre Situation in der umkämpften Stadt. Tolo TV berichtete, Kunduz liege im Dunkeln, weil der Hauptstromverteiler abgebrannt sei. Anrainer sagten, die Preise für Fladenbrot seien von 10 auf 50 Afghani (ca 80 Cent) gestiegen.

Klinik beschossen

Nach Angaben des Leiters der Gesundheitsbehörde der Provinz, Saad Mukhtar, sind seit Beginn der Gefechte zwei tote und 71 verletzte Zivilisten in die Kliniken der Stadt gebracht worden, unter ihnen Frauen und Kinder. Die meisten hätten Schusswunden. Medien berichteten von bis zu 200 Verletzten. Mukhtar berichtete ebenfalls von Granateneinschlägen auf dem Gelände der Hauptklinik der Stadt. "Ungefähr zehn Granaten sind heute auf dem Parkplatz, im Hof und nahe der Notaufnahme gelandet", sagte er. Sie seien von der regierungskontrollierten Seite der Stadt gekommen.

Viele Menschen flohen vor den Kämpfen. Der Sprecher des Gouverneurspalastes in der Nachbarprovinz Takhar, Sunnatullah Timur, bestätigte, dass in den vergangenen zwei Tagen "mehr als 1.000 Familien Takhar erreicht" hätten. Die Zahlen erhöhten sich stündlich. Manche der Flüchtlinge hätten Familie in Takhar, aber viele hätten kein Dach über dem Kopf. Die Provinzregierung und Hilfsorganisationen stellten derzeit Zelte für sie auf, brächten Essen und Medikamente und gäben jeder Familie etwas Geld.

Der Angriff hatte in der Nacht zum Montag begonnen, fast genau ein Jahr, nachdem die Taliban die Provinzhauptstadt zum ersten Mal erobert hatten und einen Tag vor Beginn einer internationalen Geberkonferenz für Afghanistan am Dienstag und Mittwoch in Brüssel. (red, APA, dpa, 5.10.2016)

  • Zivilisten auf der Flucht
    foto: apa/afp/bashir khan safi

    Zivilisten auf der Flucht

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