Honeymoon zwischen Khartum und Kairo

Analyse5. Oktober 2016, 17:19
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Die Präsidenten Ägyptens und des Sudan geloben einander Freundschaft. Der Sudan musste dafür dem Iran den Laufpass geben, was wiederum Israel gefällt

Kairo/Khartum/Wien – Zu den komplexen Verschiebungen der zwischenstaatlichen Beziehungen im Nahen Osten/Nordafrika gehört auch der ägyptisch-sudanesische Frühling: Mit dem von Präsident Omar al-Bashir bei seinem Amtskollegen Abdelfattah al-Sisi am Mittwoch in Kairo, wo die beiden ein Abkommen über eine strategische Partnerschaft unterzeichneten, wird er besiegelt. Dazu gehören Pläne, in Kürze einen Grenzübergang – vielleicht im Beisein beider Präsidenten – in Argeen, in dem zwischen beiden Ländern umstrittenen Halayeb-Dreieck, zu eröffnen.

Die Verbesserung der Beziehungen zwischen Kairo und Khartum kommt zustande, obwohl ja der sudanesische Präsident ideologisch eher ins Eck der von Sisi gestürzten und verfolgten Muslimbruderschaft gehört. Aber der Sudan ist eben nicht mehr, was er einmal war, sondern hat in den letzten beiden Jahren eine scharfe strategische Wende hingelegt: Die enge Beziehung zum Iran wurde abgebrochen, die iranischen Einrichtungen im Land geschlossen.

Strategische Kehrtwende

Der Sudan ist sozusagen strategisch an den arabischen Busen zurückgekehrt – was von Saudi-Arabien finanziell hoch honoriert wird. Allerdings muss sich Khartum dafür auch am saudisch-geführten Krieg im Jemen beteiligen.

In diesem Sinn ist der Sudan heute vielleicht sogar der bravere – freilich auch der viel schwächere – Partner Saudi-Arabiens als Ägypten, das erst jüngst wieder ausgerechnet vom Iran für seine Position zum Syrien-Konflikt gelobt wurde. Aus Kairo hatte es geheißen, dass nicht der Sturz Bashar al-Assads wichtig sei, sondern die Bekämpfung des Terrorismus. Dazu kam am Dienstag eine gemeinsame Erklärung des ägyptischen Parlaments mit der russischen Duma gegen Interventionen in Nahostländern mit dem Ziel eines "gewaltsamen Regimewechsels".

Ungeduldig verfolgt Riad auch innerägyptische Kritik und das rechtliche Gerangel um den Beschluss der ägyptischen Regierung, die Souveränität über die Inseln Tiran und Sanafir im Golf von Aqaba an Saudi-Arabien "zurückzugeben". Ein Gericht in Kairo hat zwar vor kurzem gestattet, was viele Ägypter als "Ausverkauf" des finanzschwachen Landes an die Saudis empfinden, aber das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Saudi-Arabien ist, trotz kämpferischer Positur nach außen, durch die Verabschiedung des US-Gesetzes angeschlagen, das US-Bürgern Klagen wegen der Attentate von 9/11 erlaubt. Es geht nicht nur um die möglichen Folgen für saudi-arabisches Vermögen in den USA, sondern auch darum, dass das "Vision 2030"-Programm zur völligen wirtschaftlichen Neuorientierung Saudi-Arabiens stark an US-Kooperation hängt.

PR-Desaster

Saudi-Arabien hat viel Geld in Lobbying investiert, es handelt sich also nicht zuletzt um ein veritables PR-Desaster. Das Werben um mehr Verständnis für Riad kam zuletzt auch von prominenten amerikanischen Saudi-Arabien-Besuchern: Der frühere Spitzendiplomat Zalmay Khalilzad berichtete in Politico von einer völlig neuen saudischen Sicht auf den früheren Export seiner Ideologie, den ja auch viele Muslime für den Aufschwung des radikalen Islam verantwortlich machen.

Und Dennis Ross, früherer Vermittler im Nahost-Friedensprozess, schrieb in der Washington Post, dass es sich bei den "Reformen" in Saudi-Arabien in Wahrheit um eine "Revolution" handle. Ross gilt als Israel-nah, und es ist ja kein Geheimnis, dass Israel und Saudi-Arabien durch ihre Priorisierung der Eindämmung des Iran näher aneinander rücken.

Das hat auch Folgen für den Sudan. Als der Sudan noch mit dem Iran alliiert war, kam es immer wieder zu israelischen Angriffen gegen vermutlich iranische Waffenlieferungen vor allem für die Hamas im Gazastreifen, 2012 auch zur Bombardierung einer Waffenfabrik in Khartum. Israel hat auch die Abspaltung und Gründung des Südsudan – eine Schwächung des Sudan und Bashirs – unterstützt: Die Hoffnung für alle Beteiligten, dass der Südsudan zum Stützpunkt westlicher Interessen in Afrika werden würde, hat sich durch Chaos und Krieg in dem jungen Land einstweilen zerschlagen.

Nun macht laut Haaretz Israel bei westlichen Regierungen Lobbying für den Sudan und drängt sogar, dem Land bei der Bewältigung seiner Schuldenkrise zu helfen. Auf Omar al-Bashir ist ein Haftbefehl wegen Kriegsverbrechens in Darfur ausgeschrieben. Aber das ist nun zweitrangig. (Gudrun Harrer, 5.10.2016)

  • Der sudanesische Präsident Omar al-Bashir bei seinem Amtskollegen Abdelfattah al-Sisi (re.) in Kairo.
    foto: reuters

    Der sudanesische Präsident Omar al-Bashir bei seinem Amtskollegen Abdelfattah al-Sisi (re.) in Kairo.

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