Silicon Valleys Spirit: In zehn Schritten zum Genie-Brutkasten

10. November 2016, 12:31
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Niki Ernst führt Tech-Touristen durch die Steuerzentrale der Welt von morgen. Den Spirit des Silicon Valley offeriert er in zehn goldenen Regeln

"Wenn ich einen Monat in Wien bin, dann fange ich auch an zu raunzen", sagt Niki Ernst ein paar Stunden nach der Landung in der Bundeshauptstadt. Dazu wird es nicht kommen, weil er ja fast schon wieder auf dem Sprung ist. Zurück in die Zukunft. Von dort kommt er quasi. Er offeriert und organisiert die Silicon Valley Inspiration Tours – Ausflüge in den Geniebrutkasten zu Füßen der Santa Cruz Mountains, wo die wertvollsten Firmen der Welt, Apple, Google, Facebook, Netflix, Intel, Tesla, sitzen. Dort, wo tausende Start-ups aus dem Boden schießen und das große Geld erhoffen, wo jeder Uber fährt, sich gesund ernährt, wo die vielen Millionäre und Milliardäre trotz ihrer Investitionen und trotz ihres Kontostands auf Botox und Markenstatus verzichten: Silicon Valley. Die Steuerzentrale der Welt von morgen.

Mystifiziertes Valley

Dazu ist Niki Ernst noch globaler TEDx-Ambassador, organisiert, berät, trainiert die Sprecher auf dieser globalen Bühne. Zehn solcher Events finden mittlerweile täglich auf diesem Planeten statt – und sind (zumindest theoretisch) auch global zugänglich. Und gerade er hält in Good Old Europe Vorträge mit dem Titel: "Die Entzauberung des Silicon Valley". Im Herbst 2016 hat ihn das BFI Wien dazu geladen.

"Das Valley wird mystifiziert", sagt Ernst, "die Leute glauben ja geradezu, sie steigen dort aus dem Auto, atmen ein und sind schon ein Stück gescheiter." Ach nein? "Auch im Silicon Valley sind nur neun von 1.000 Start-ups nachhaltig", wirft der Tech-Touristenführer Zahlen ins Spiel. Es gehe um etwas anderes, um das Begreifen, wie Arbeit sein kann. Wer im Silicon Valley nicht mehr voller Inspiration sei, der gehe anderswo hin. Wer nicht mehr spannend findet, was er tut, zieht weiter, erfindet sich irgendwo anders neu. Der Arbeitsplatz sei nun einmal nicht am Boden festgeschraubt, sagt er allen, die an das Fünf-Milliarden-Dollar-Tempelrondeau von Apple dort denken – das meine er weniger architektonisch, mehr als Haltung.

Kein Neid, keine Eifersucht

Niki Ernst wird damit aber erst recht zu einer Art Prophet des Elitenprogramms Arbeit. Was mit dem großen Rest der Menschheit, der dem nicht folgen könne oder wolle, geschehen könne – das weiß er auch nicht, sagt er.

Was er zwischen den Welten, den Zeitzonen zwischen San Francisco und Wien, sieht: "Ganz anders ist der Umgang mit Neid und Eifersucht. Das gibt es dort nicht. Wir sind toxischer, unser Humor ist Sarkasmus. Wir bauen Mauern. Dort herrscht eine Play-forward-Kultur." Was das sei? "Ich gebe dir 200.000 Dollar und will es nicht zurück, weil ich an dich glaube. Dafür gibst du auch 200.000 Dollar weiter, wenn du Erfolg hast."

Man müsse hier mühsam auf Augenhöhe klettern, um mit Einflussreichen reden zu dürfen. Dort sei sie einfach da. Man müsse hier hören: Du bist pleite, du bist ein Versager. Dort werde man aufgefordert: Hey, du bist pleite, du hast gelernt, erzähle uns deine Geschichte. Niki Ernst kann das durch eigenes Erleben untermauern: Heuer musste er seine Wiener Werbeagentur Planetsisa zusperren. Vorerst sieht es so aus, als wäre der Bub, den der Bawag-Werbespot zwischen 1980 und 1993 beim Großwerden dokumentierte, der nachher mehrmals Bawag-Werbeetats umgesetzt hat und der jetzt fünf volle Tage zusammengerechnet pro Monat im Flugzeug verbringt, mit diesem Teil des Geschäfts fertig.

"Goldene Regeln"

Ob das nicht sowieso praktisch unlebbar war, dauernd international unterwegs, eine Familie mit drei Kindern in Wien? "Schwierig ist immer auch eine Frage, wie schwierig man es sich selber macht", kommt die Antwort philosophisch. Ausgelaugt sei er eigentlich nie. Er habe schon seine Escapes, und: "Sinnhaftigkeit ist überall ein guter Treibstoff."

Dass möglichst konkrete Anleitungen zum Besseren hoch im Kurs stehen, weiß er aber auch. Zwecks Transfers des Silicon-Valley-Spirit hat er für hierzulande zehn goldene Regeln dabei:

1. Lass es geschehen: Gib dem Zufall eine Chance, bleib offen, ungeplant, so gut es geht. Lass dich ein, höre auf zu erwarten. Das macht die Türen auf, das erlaubt, Influx zu schaffen für Neues.

2. Verlerne: Es ist unsinnig, zu allem eine Meinung (mit dem Wissen und den Mustern von gestern) zu haben. Löse dich davon, löse dich von altem Gelerntem und bedenke immer: Geben ist schön.

3. Lass Scheitern zu: Fast fail forward – das ist grausam falsch übersetzt. Es geht nicht darum, möglichst schnell Fehler zu machen, sondern es geht darum, das zu tun, was du für richtig hältst – ohne Angst, welche Fehler daraus resultieren können.

4. Machen ist besser als Perfektionieren: Perfekt ist es nie, löse dich von diesem Anspruch. Begib dich ins Lernfeld. Ask for forgiveness, not for permission.

5. Erfahrung lässt sich nicht downloaden: Greife auf, was sich dir an Learnings anbietet, und beachte dabei die 48-Stunden-Regel: Alles, was innerhalb von 48 Stunden nicht aufgegriffen wird, geht verloren.

6. Höre auf, Bücher zur Zukunft zu lesen: Hör auf zu glauben, du könntest dich in einem Musterleben bewegen, lebe täglich dein Leben.

7. Sei keine (bessere) Kopie: Orientiere dich nicht daran, das neue Soundso zu sein, das neue Silicon Valley, das neue Facebook. Mach dein eigenes Ding.

8. Erwarte Gegenwind: Rechne mit Einsamkeit, mit Schmerzen, mit Gegenwind.

9. Du bist nur so gut wie das, was du zuletzt gemacht hast.

10. Kümmere dich nicht um Grenzen: Was geht nicht? Warum denn nicht?

(kbau, 10.11.2016)

  • Niki Ernst führt, offeriert und organisiert die Silicon Valley Inspiration Tours – Ausflüge in den Geniebrutkasten zu Füßen der Santa Cruz Mountains. Das Valley sei mystifiziert, sagt er, man werde nicht automatisch klüger, nur weil man dort sei.
    foto: urban

    Niki Ernst führt, offeriert und organisiert die Silicon Valley Inspiration Tours – Ausflüge in den Geniebrutkasten zu Füßen der Santa Cruz Mountains. Das Valley sei mystifiziert, sagt er, man werde nicht automatisch klüger, nur weil man dort sei.

  • All jenen, die dem für das Silicon Valley typischen Erfindergeist nacheifern, rät Ernst unter anderem, keine (bessere) Kopie sein zu wollen: "Orientiere dich nicht daran, das neue Soundso zu sein, das neue Silicon Valley, das neue Facebook. Mach dein eigenes Ding."
    foto: marcio jose sanchez/ap

    All jenen, die dem für das Silicon Valley typischen Erfindergeist nacheifern, rät Ernst unter anderem, keine (bessere) Kopie sein zu wollen: "Orientiere dich nicht daran, das neue Soundso zu sein, das neue Silicon Valley, das neue Facebook. Mach dein eigenes Ding."

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