Gesundheitsexperte: "Laufen ist Arbeitssport"

Interview4. November 2016, 07:00
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Therapeut und Buchautor Thomas Frankenbach erklärt, wie man durch Surfen gelassener wird und beim Tennis lernt, sich durchzusetzen

STANDARD: Sie vertreten die These, dass Sport etwas über die Persönlichkeit aussagt. Boxen liegt derzeit im Trend – was sind denn Boxer für Menschen?

Frankenbach: Die meisten Sportler verfolgen Ziele, die weit über die jeweilige sportliche Disziplin hinausgehen. Jede Sportart ist sozusagen auch ein psychisches Symbol. Ich berufe mich auf den Psychoanalytiker Michael Balint. Er sagte, dass es eine Verbindung von Charaktereigenschaften gibt und Rollen, die man übernimmt. Wir leben im Sport entweder etwas aus, für das im Alltag kein Platz ist – oder etwas, das wir auch sonst verkörpern. Über das Boxen beispielsweise könnte ein Manager, der sich ansonsten vorbildlich auf gesellschaftlichem Parkett bewegen muss, Aggressionen regeln. Dieser Sport zieht in der Regel auch Menschen an, die das Bedürfnis haben, sich allein durchzukämpfen.

STANDARD: Beliebt, gerade bei Managern, sind auch Tennis, Golf und Laufen.

Frankenbach: Erstere sind Sportarten, die elitär besetzt sind: Der Schläger gleicht dem Stab des Regierenden. Außerdem hat man bei Schlägersportarten nicht direkten Kontakt mit dem Ball, vornehme Distanz quasi. Über den Schläger vervielfältigt man die Kraft und sinnbildlich auch die Macht. Beim Golf geht es auch um taktisches Vorgehen – und schließlich ums Einlochen. Beim Laufen kommt es auf Eigenantrieb an, es geht darum, sich anzustrengen und Widerstände zu überwinden – im Gegensatz zum Surfen etwa, wo man vorrangig die Elemente, Wasser oder Wind, für das Fortkommen nutzt statt des totalen Eigenantriebs.

STANDARD: Sport wird dann also zur Fortsetzung der Arbeit mit anderen Mitteln?

Frankenbach: Ja, Laufen ist ganz klar Arbeitssport. Es geht um Durchhaltevermögen und Organisationstalent in dem Sinne, seine Kräfte klug einzuteilen. Viele Manager laufen große Distanzen, Marathons. Es gibt auch hervorragende Radsportler oder Bergsteiger unter ihnen. Hier geht es auch ums Hervorstechen, um ein Ziel, um Wettbewerb und das Demonstrieren von Macht und Stärke.

STANDARD: Höher, weiter, besser also auch nach Dienstschluss: Kann es da nicht leicht passieren, dass man eine Grenze überschreitet?

Frankenbach: Absolut. Eine Frage, die sich Ausdauersportler stellen können, ist: Warum mache ich das? Wenn man sich auch in seiner Freizeit im Ausdauern übt, übt man sich womöglich nur noch im Ausdauern. Es geht darum, das Maß und die Balance zu halten. Menschen nehmen sich selbst nicht mehr wahr. Sie bekommen Burnout, weil sie die Signale des eigenen Körpers nicht mehr spüren.

STANDARD: Warum fällt das vielen so schwer?

Frankenbach: Ein Hauptfaktor ist die Reizüberflutung. Wir leben in einer Gesellschaft, die outputgeil, bildungsgeil und geil auf Reize ist. Menschen, die Maschinen bedienen, müssen aufpassen, dass sie nicht selbst zu Maschinen werden, sondern wieder ganz tief drinnen nach Emotionen suchen.

STANDARD: Mithilfe von Achtsamkeitstraining?

Frankenbach: Zum Beispiel. Yoga und Meditation sind der Gegentrend zur aktuellen Leistungsgesellschaft. Sie sollten auch in den Schulunterricht aufgenommen werden. Denn genau da lernt man dieses Hineinspüren.

STANDARD: Sport trainiert also die Selbstwahrnehmung?

Frankenbach: Nur begrenzt, wenn es darum geht, den Bizeps aufzupumpen oder in drei Stunden den Marathon zu laufen. Sehr wohl, wenn er richtig angeleitet wird wie beim Yoga. Dort steht im Mittelpunkt, den Kontakt mit sich selbst zu trainieren. Auch dabei kann man ein Erfolgsgefühl haben. Und unser Körpergefühl ist der beste Bodyguard, den wir haben.

STANDARD: Kann man sich auch Charaktereigenschaften antrainieren? Durch Surfen gelassener werden, beim Volleyball ein besserer Teamplayer?

Frankenbach: Natürlich geht das. Beim Boxen oder Tennis kann man lernen, sich durchzusetzen. Menschen, die immer vor etwas flüchten, Berufsabbrechern, ihnen kann Ausdauersport helfen. Dadurch können sie trainieren, nicht dem Impuls nachzugeben, gleich aufzuhören, sondern sich zu organisieren und das durchzuziehen. Für jene, die den berühmten "Stock im Arsch" haben, kann Skaten oder Surfen eine Therapie sein. (Lisa Breit, 4.11.2016)

Thomas Frankenbach (43) ist Gesundheitswissenschafter, Psychotherapeut und Autor von "Warum Läufer beharrlich sind und Surfer das Leben genießen. Was dein Sport über dich verrät".

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  • "Wenn man sich auch in seiner Freizeit im Ausdauern übt, übt man sich womöglich nur noch im Ausdauern", sagt Sportpsychologe Frankenbach.
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  • Yoga und Meditation seien der Gegentrend zur aktuellen Leistungsgesellschaft.
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  • Thomas Frankenbach ist Psychologe,  Gesundheitswissenschafter und Autor von "Warum Läufer beharrlich sind und Surfer das Leben genießen. Was dein Sport über dich verrät".
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