Managerboxen: Vom Chefsessel in den Ring

3. November 2016, 09:59
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Schweiß, Leder und Limp Bizkit – ein Besuch bei "Managerboxen" in Wien, wo sich Führungskräfte nach Dienstschluss die Boxhandschuhe überstreifen

Wenn ein Manager zu Boden geht, dann sieht das so aus: Das schwarze Tanktop durchnässt, liegt er auf dem Betonboden eines Boxclubs, alle viere von sich gestreckt. Schweiß rinnt über seine Stirn, die Schläfen hinunter. Er atmet schwer.

Tagsüber leitet Konstantin Gruber (36) eine Werbeagentur, betreut große Kunden, etwa C&A, IBM oder BMW. Abends, jeden Montag und Mittwoch, streift er seine Boxhandschuhe über und schlägt zu. 19.55 Uhr, eine Trainingshalle in Wien-Währing. Von der Decke hängen Sandsäcke – groß wie Menschen. In der Ecke steht ein Boxring. Rund ein Dutzend Männer und zwei Frauen übten hier eine Stunde lang Boxkombinationen: Jab, Gerade, Haken. Viele sind wie Gruber in einer leitenden Funktion tätig: Manager, Abteilungsleiter, Prokuristen.

Managerboxen boomt. Ursprünglich stammt es aus den USA, wo es White Collar Boxing genannt wird. "White collar", zu Deutsch: weißer Kragen, steht für Anzugträger. Angeblich haben sich 1988 in New York zwei Führungskräfte so vehement gestritten, dass sie ihren Disput nicht verbal lösen konnten – und ihn im Boxring austrugen. Schließlich erreichte der Trend Europa. In London veranstaltet der Unternehmer Adrian King seit zehn Jahren den "Real Fight Club": Im Rahmen von Galadinners in Nobelhotels schlagen sich Banker im Ring, vor Freunden und Kollegen.

Aus den USA nach Österreich

Unternehmer Hannes Woschner will den Trend nach Österreich gebracht haben; 2008 gründete er den Club "Managerboxen". Weil die Nachfrage groß war, zog er kürzlich von einer gemieteten Halle in das eigene Studio um. Mittlerweile bietet jedes größere Fitnessstudio Boxen an, viele mit Fokus auf Führungskräfte. Denn: "Immer mehr Bürohengste haben das Bedürfnis, sich abends den Anzug aus- und die Fitnessshorts anzuziehen", sagt der 38-jährige Woschner, der am Kopfe eines langen Besprechungstisches sitzt. Die Mitglieder in seinem Club hätten keine Lust auf Laufband oder Wellness, "die wollen ihren Körper so richtig spüren".

foto: andy urban
"Managerboxen" im Studio Five in Wien: Hier trainieren Manager, Prokuristen, Personalverantwortliche, aber auch Lehrer oder Polizisten.

Aus seinem Büro kann man direkt ins Studio blicken. Eine Sportjacke hängt über dem schwarzen Chefsessel. Im Regal: Ordner, säuberlich beschriftet, nach Datum sortiert. Woschner ist kein Haudrauf-Typ. Er händigt einen Folder aus. Das Logo von Managerboxen zeigt eine Figur, in Rot, mit ausgestreckter Faust. Sie trägt eine Krawatte. Dass aber nicht nur Manager in seinem Club trainieren können, ist Woschner wichtig. "Ich habe eine Hassliebe zum Wort Managerboxen." Es nehme zwar den Leuten die Angst vor dem Sport, "andererseits möchte ich nicht, dass sie glauben, wir sind ein Schickimickiverein, wo nur die Top-Manager trainieren", sagt der Leiter des Clubs, "in Jogginghose sind alle gleich."

Sport für den Kopf

Woschner zeigt den Trainingsraum. Es ist 19.10 Uhr, das Training hat begonnen. Schon jetzt ist es heiß, der Schweißgeruch verdichtet sich. Trainer Philipp Ghobrial, alle nennen ihn beim Vornamen, brüllt: "Eins, zwo", und dann "Doppeldeckung". Einige Hobbyboxer trainieren "Schattenboxen", gegen einen imaginären Gegner. Greifen an und wehren ab. Die anderen schlagen auf Sandsäcke ein, die träge schwingen. Das Training treibt den Sportlern die Röte in die Gesichter, sie zeigen: Erschöpfung. Philipp gewährt eine Pause. Durchschnaufen. Gruber stöhnt. Er stemmt die Hände in die Hüften, lehnt sich kurz an die Wand. Ein Schluck aus der Trinkflasche. Weiter geht's. "Los Leute, wir arbeiten!", ruft Philipp.

Boxtraining stärkt den Körper, macht schnell und verbessert die Ausdauer. Es ist aber auch ein Sport für den Kopf: Auf 70 zu 30 schätzen Praktiker das Verhältnis des Mentalen zur Physis. So trainiert Boxen nachweislich die Konzentrationsfähigkeit und Ruhe. Ernstzunehmende Gesundheitsrisiken – etwa Gehirnschäden – müssten Hobbysportler nicht fürchten, sagen Experten, im Training werde selten richtig zugeschlagen.

Trainer Philipp ruf "Endspurt"

Wenn sich Gruber im Raum bewegt, sieht es aus, als würde er tänzeln – ähnlich einer Ballerina, wenn auch nicht ganz so leichtfüßig. Unmittelbar muss man an die kürzlich verstorbene Boxlegende Muhammad Ali denken. "Float like a Butterfly, sting like a bee" (Schwinge wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene), sagte Ali über seine Taktik. Gruber trägt dicke rote Lederhandschuhe. Eins, zwei, Doppeldeckung. Sein Blick: streng geradeaus gerichtet. Schweißperlen rinnen seine Stirn hinunter direkt in die Augen. Gruber wehrt sich mit einem festen Zwinkern. Vor und zurück. Schlag. Die Anstrengung zieht ihm die Mundwinkel nach oben.

foto: andy urban
Stressabbau per Faustschlag: Jeden Montag und Mittwoch nach Dienstschluss streift sich Manager Konstantin Gruber die roten Handschuhe über.

Neben wöchentlichem Training bietet Managerboxen auch Seminare an. Eine Variante: Chefs boxen mit ihren Mitarbeitern, als Betriebsausflug sozusagen. Die andere: "Businesscoaching". Hier ist ein Psychologe dabei, der Fokus liegt stärker auf Teambuilding.

Trainer Philipp ruft "Endspurt". Limp Bizkit dröhnen aus der Musikanlage. Philipp zählt Countdown: "Zehn, neun, acht ...". Das Tempo der Bewegungen steigert sich. Die Boxer ballen die Fäuste, holen aus, malträtieren die Sandsäcke. "Sieben, sechs, fünf, vier ...". Muskeln zucken, Venen drücken sich an die Hautoberfläche. Die letzten Kniebeugen. Schweißtropfen fliegen. 19.55 Uhr. "Schluss", ruft Philipp. Gruber sinkt zusammen.

Taktik und ein kühler Kopf

Beim Boxen zeige sich, wie jemand in stressigen Situationen reagiert, sagt Woschner. Den Kampf als Sinnbild für Management sehen, will der Clubleiter nicht. Er bemerkt aber andere Parallelen, vergleichbare Herausforderungen, die den Sport für Führungskräfte so attraktiv machen: stets einen kühlen Kopf bewahren und eine Taktik umsetzen müssen.

Auch um Selbstdisziplin gehe es in der Wirtschaft wie im Boxen, sagt Manager Gruber. "Nach oben wird die Luft dünn." Obwohl er schon geduscht hat, schwitzt er noch. Seine nasse Stirn tupft er mit einem Papierhandtuch ab. Warum er boxt? "Da kann ich am besten den Frust des Arbeitsalltages rauslassen." Der gewünschte Nebeneffekt: ein paar Kilos loswerden. Es ist 20.10 Uhr. Im Trainingsraum wärmen sich bereits die nächsten Hobbyboxer auf. "Los geht's, Leute", ruft Philipp. "Wir arbeiten!" Gruber muss heute nicht mehr arbeiten, hat Feierabend, endgültig. (Lisa Breit, 3.11.2016)

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