Europa in der "Akademisierungsfalle"

13. Jänner 2017, 10:38
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Junge an die Unis zu drängen und Ausbildungen zu akademisieren sei schlecht für alle, sagen Experten

Wer studiert, hat es geschafft: Ein Universitätsabschluss gilt in den meisten Ländern Europas, so auch in Österreich, immer noch als das höchste Gut – und die Akademikerquote als Maßstab für den Bildungsstand eines Landes. Deshalb werden Junge an die Uni gedrängt. Deshalb werden berufliche Ausbildungen fortlaufend akademisiert. Welche Auswirkungen das hat, beschäftigt Wissenschafter unterschiedlicher Disziplinen.

Sie bezeichnen den Trend wahlweise als "Akademisierungswahn" (Philosoph Julian Nida-Rümelin), "Mythos Akademisierung" (Pädagoge Matthias Burchardt) oder "Akademisierungsfalle" (Ökonom Rudolf Strahm). "Die meisten sind der Meinung, junge Menschen hätten es später besser, wenn sie einen akademischen Titel erreicht haben", monierte Strahm bei einer Tagung an der Universität Wien. Aber nicht nur Individuen, auch ganze Volkswirtschaften stecken in der Akademisierungsfalle fest, sagt Strahm.

Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, fordert insbesondere Österreich und Deutschland dazu auf, ihre Akademikerquote zu erhöhen. "Das Versprechen ist wirtschaftliches Wohlergehen und soziale Gerechtigkeit", sagt Matthias Burchardt, Pädagoge und Bildungswissenschafter an der Universität Köln. Anstatt die vorgegebene Quote als Erfolgsmaßstab zu hinterfragen, kritisiert Burchardt, unterwerfe man sich ihm.

Zunächst, indem man Ausbildungen als tertiär einordnet. So wurden zum Beispiel 2015 erstmals auch die vierten und fünften Jahrgänge der berufsbildenden höheren Schulen sowie Aufbaulehrgänge als "Kurzstudien" eingestuft – Österreich kommt so in der Studie "Bildung auf einen Blick" auf eine Akademikerquote von 31 Prozent. Ohne die Änderung würde der Anteil der Personen mit Tertiärabschluss deutlich darunter liegen – ungefähr 15 Prozent haben nämlich ein sogenanntes Kurzstudium absolviert.

Bloß mehr Konkurrenz

Außerdem versucht man den Forderungen der OECD nachzukommen, indem man Unis für alle öffnet. "Es gibt einen Abbau von Zugangsbeschränkungen. Die Leistungshürden werden sehr niedrig gesetzt", sagt Burchardt. Wenn jeder und jede studiert, führe das schließlich aber genau nicht zu der erhofften sozialen Gerechtigkeit. Warum, beschreibt der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann in der Zeitung "Die Zeit": Formale Bildungsabschlüsse, die ursprünglich Chancen für diejenigen eröffnen sollten, die schlechtere haben, verlieren diese Funktion, wenn alle oder sehr viele diese Abschlüsse erhalten. Durch inflationäre Vergabe akademischer Titel schaffe man letztlich also bloß mehr Konkurrenz und prekäre Beschäftigung in anderen Bereichen, sagt wiederum Experte Buchardt. "Die Arbeitslosigkeit verlagert sich nur." Letztendlich produziert das System viele Akademiker, speziell Absolventen und Absolventinnen geisteswissenschaftlicher Fächer, die der Arbeitsmarkt nicht braucht.

Für den Einzelnen bedeutet das, dass sich seine Erwartungen bezüglich des Studiums nicht erfüllen. Ein Universitätsabschluss führt etwa längst nicht mehr zu besseren Jobchancen. Die Akademikerarbeitslosigkeit steigt. Auch bedeutet ein Hochschulabschluss nicht unbedingt ein höheres Einkommen, wie Burchardt aufzeigt – Maurer verdienten in Deutschland und Österreich mitunter mehr als Sozialwissenschafter.

Man versucht also, die Uni-Abschlüsse passbar zu machen. Burchardt: "Es geht um die 'Employability', die Anstellbarkeit, der Absolventen. Reformen wie Bologna führen dazu, dass Unis das, was sie am besten können – nämlich Wissenschaftlichkeit – nicht mehr dürfen. Aber sie sollen etwas tun, das sie eigentlich nicht können: für den Beruf ausbilden." Studien würden infolgedessen verschult und trivialisiert.

Lange Tradition, soziales Stigma

Aber der Akademisierungstrend hat noch etwas zur Folge, sagen die Wissenschafter: die Abwertung der Ausbildungsberufe. Schon in der Antike wurden körperliche Leistungen stets geringer bewertet als geistige, sagt Burchardt. "Damals hat man Sklaven für sich arbeiten lassen, wenn man etwas von sich gehalten hat." Noch heute unterliegt die Lehre einem sozialen Stigma. "Es heißt, das Schulsystem produziert Verlierer und das Berufsbildungssystem nimmt sie auf", so der Schweizer Ökonom Strahm. Das Stigma merken auch die Lehrlinge selbst: In einer Studie der österreichischen Arbeiterkammer meinte jeder zweite Befragte, dass ihm im Alltag weit weniger Respekt entgegengebracht werde als Maturanten und Akademikern.

Ausgeblendet werden indes Zahlen, die der dualen Ausbildung Erfolge attestieren, sagen die Wissenschafter. Strahm verweist darauf, dass Länder mit Berufsbildung eine viel geringere Jugendarbeitslosigkeit zu verzeichnen haben als Länder ohne ein solches System. In Österreich, Deutschland und der Schweiz sind tatsächlich besonders wenige 15- bis 24-Jährige ohne Job: laut Eurostat (2014) nämlich nur unter zehn Prozent. Hingegen liegt etwa in Griechenland und Spanien die Arbeitslosenquote bei den Jungen bei über 50 Prozent.

Auch auf die Wirtschaftsleistung hat das duale System positive Effekte, legt Strahm dar. Berufsbildungsländer haben mitunter die größte Exportkraft in Europa, sind Vorreiter bei den Innovationen. Die Klein- und Mittelbetriebe sind in Deutschland, der Schweiz und Österreich ebenfalls im internationalen Vergleich am effizientesten.

Das System der dualen Ausbildung hat in deutschsprachigen Ländern eine lange Tradition. Die sogenannte "Meisterlehre" gab es schon im Spätmittelalter: Ein junger Mann ging zu einem Meister in die Lehre, erhielt einen Lehrbrief – nach drei bis vier Jahren ging er auf Wanderschaft als Geselle. "Diese 'Wandergesellen' waren wichtige Transporteure der neuesten Technologien", sagt Strahm. Sie brachten beispielsweise den Buchdruck von Deutschland nach Österreich und in die Schweiz. Auch in der heutigen Zeit seien Lehrabsolventen entscheidend für den Fortschritt, sagt der Ökonom: Gerade im Zeitalter der Industrie 4.0 brauche es neben Absolventen technischer Hochschulstudien auch Personen mit praktischem Wissen.

Rahmen für Qualifikationen

Neben technischen Kräften, auch das prognostizieren Experten, wird es künftig auch immer mehr Fachkräfte in der Pädagogik, dem Gesundheits- und Pflegebereich brauchen. Um das Image der entsprechenden Ausbildungen aufzubessern, "würden schon einmal Ausbildungsgänge, die keinen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, 'akademisiert'", sagt Philosoph Liessmann. Als Beispiele nennt er die Aufwertung der Lehramtsstudien oder der Kindergartenpädagogik.

Auch Burchardt kritisiert diese Professionalisierung: "Bestimmte pädagogische Rollen kann man auch ohne akademische Ausbildung wahrnehmen." Zwar müsse die Ausbildung sehr wohl in einigen Bereichen verbessert werden – das gelinge aber nicht durch das Lesen wissenschaftlicher Fachliteratur. Auch die Fachhochschulen seien – im Zuge der Bologna-Reform – zu mehr Wissenschaftlichkeit gedrängt worden, so der Pädagoge.

Die Berufsausbildung dürfe nicht länger als Stigma, als "Abstellgleis" gesehen werden, sagt Pädagoge Burchardt. Immerhin wird das System weltweit kopiert. Er plädiert dafür, dass beide Systeme – akademische und Berufsausbildung – als gleichberechtigt anerkannt werden. Es brauche auch eine bessere Durchlässigkeit.

Dafür soll in Österreich der Nationale Qualifikationsrahmen (NQR) sorgen. Im Frühjahr 2016 im Parlament beschlossen, klassifiziert er alle Bildungsabschlüsse – egal ob berufliche Ausbildung oder Uniabschluss – anhand von Niveaudeskriptoren und ordnet sie einer achtstufigen Skala zu. Künftig könnte etwa die Meisterprüfung auf der Stufe sechs stehen, äquivalent dem Bachelorabschluss. Ein Lehrabschluss könnte auf der Stufe vier eingeordnet und damit einem AHS-Abschluss gleichgestellt werden.

Derzeit bereite man die Zuordnung der Qualifikationen vor, heißt es aus dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. Die Hoffnung: Der NQR könnte die Berufsbildung aufwerten und eine Lehre attraktiver machen.

Getrennt aufwerten

Die Experten hingegen halten wenig vom Qualifikationsrahmen: Man soll sich nicht der Illusion der Vergleichbarkeit hingeben. "Warum haben wir solche Probleme damit, zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, die nicht miteinander vergleichbar sind, aber beide gleichermaßen geschätzt werden können?", fragt Philosoph Liessmann. "Ein 'Meister', der in einem anspruchsvollen Handwerk sein 'Meisterstück' liefert, ist kein 'Master', der eine theoretische Arbeit mit hundert Fußnoten verfasst hat." Eine Aufwertung müsse anders geschehen – zum Beispiel, indem man Lehrberufe steuerlich besserstellt, schlägt Pädagoge Burchardt vor. "Es ist wichtig, dass junge Leute sehen, dass sie damit auch eine Zukunft haben."

Zudem brauche es mehr Möglichkeiten zur Weiterbildung nach der Lehre. Dafür hält Ökonom Strahm das Modell der "höheren Berufsbildung" nach Schweizer Vorbild für geeignet. Es ermöglicht Lehrabsolventen, sich noch in höherem Alter, oft berufsbegleitend, zu spezialisieren. "Wer zum Beispiel Spengler gelernt hat, macht jetzt eine Spezialisierung in Sensor- oder Solartechnik." Die Ausbildung dauert zwei bis drei Jahre. Wer sie abschließt, ist in den Betrieben sehr begehrt. In Deutschland gibt es bereits ein ähnliches System.

Aber auch um einen Mentalitätswandel geht es den Experten. "Es gibt Jugendliche, die sind gut, aber vielleicht schulmüde", sagt Strahm. Es seien nicht die schulisch-kognitiven Fächer allein, die für den Arbeitsmarkt befähigen. Wichtig sei, "keinen zum Studieren zu drängen, der lieber mit seinen Händen arbeiten will", sagt Burchardt. Es brauche ein Bildungssystem, "das eigene Neigungen zur Geltung kommen lässt". Universitäten sollten indes wieder auf ihren wissenschaftlichen Charakter fokussieren, sagen Burchardt und Liessmann.

Uni versus Fachhochschule

Diese Differenzierung kündigte Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) vor nicht allzulanger Zeit für die Hochschulen an. Die Profile von Universitäten und Fachhochschulen sollen gestärkt werden, heißt es. An den Unis stünden Forschung und forschungsgeleitete Lehre im Zentrum. Es gehe um die wissenschaftliche Orientierung der Studiengänge, die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und ihre Attraktivität für Forschende und Studierende auf internationaler Ebene.

An den FHs hingegen müsse der Fokus auf Anwendung liegen. Ziel des Ministers ist es, neue, spezifische Studienangebote zu schaffen und Studierende nach "Eignung und Neigung" besser auf die Hochschulen zu verteilen. "Ein Schritt in die richtige Richtung", kommentiert Liessmann. (Lisa Breit, 13.1.2017)

  • Formale Bildungsabschlüsse, die ursprünglich Chancen für diejenigen eröffnen sollten, die schlechtere haben, verlieren diese Funktion, wenn alle oder sehr viele diese Abschlüsse erhalten. Im Bild: Absolventen an der Fachhochschule Kärnten.
    foto: glanznig/fh kärnten

    Formale Bildungsabschlüsse, die ursprünglich Chancen für diejenigen eröffnen sollten, die schlechtere haben, verlieren diese Funktion, wenn alle oder sehr viele diese Abschlüsse erhalten. Im Bild: Absolventen an der Fachhochschule Kärnten.

  • In einer Studie der österreichischen Arbeiterkammer meinte jeder zweite befragte Lehrling, dass ihm im Alltag weit weniger Respekt entgegengebracht werde als Maturanten und Akademikern.
    foto: apa/hans klaus techt

    In einer Studie der österreichischen Arbeiterkammer meinte jeder zweite befragte Lehrling, dass ihm im Alltag weit weniger Respekt entgegengebracht werde als Maturanten und Akademikern.

  • Obwohl die Lehre ein Erfolgsmodell ist, gilt ein Universitätsstudium in den meisten Ländern Europas – so auch in Österreich – noch immer als das höchste Gut.
    foto: apa/herbert neubauer

    Obwohl die Lehre ein Erfolgsmodell ist, gilt ein Universitätsstudium in den meisten Ländern Europas – so auch in Österreich – noch immer als das höchste Gut.

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