US-Forscher: Einmal täglich das Gehirn "vom Dreck befreien"

Interview20. Dezember 2016, 10:11
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Dan Siegel erklärt, wie ein achtsames Gehirn zu einem gesunden Leben und einem glücklicheren Miteinander führt

STANDARD: Mind, der Geist, sagen Sie, wird in der modernen Gesellschaft als rein individuell und getrennt von allen und allem anderen verstanden. Das sei nicht nur falsch, sondern auch zerstörerisch. Warum?

Siegel: Weil wir damit aus meiner Überzeugung falschen Lehren aufsitzen, uns unserer Fähigkeit zur Transformation von uns selbst und des Planeten berauben, unsere Menschlichkeit verdrängen. Unser Geist ist weit mehr als nur eine Gehirnaktivität. Jeder Mensch trägt ihn wohl separiert in sich, aber gleichzeitig ist er auch verbunden, ist er die Verbindung zu allem anderen um uns herum.

STANDARD: Spirituelle Haltungen eines Wissenschafters?

Siegel: Wenn Sie Lebenssinn über das Überleben des Körpers hinaus meinen: ja. Wenn Sie spirituell als Verbundenheit von allen und allem auf diesem Planeten meinen: ja. Dann beziehe ich mich in wissenschaftlicher Art auf Spiritualität. Aber zur Erinnerung: Von der Altersforschung über die Medizinwissenschaften bis zur Glücksforschung und den Ergebnissen neurobiologischen Messungen ist belegt, was ein langes und gesundes Leben als wichtigstes Element ermöglich: funktionierende Beziehungen, stabile und als bereichernd empfundene Verbindungen zu anderen. Brauchbare Prognosewerkzeuge für die Dauer Lebenszeit sind wissenschaftlich erwiesen Güte und Barmherzigkeit. Das können wir gemeinsam leben. Und so wird aus individueller Transformation der Identität eine Transformation des Unternehmens, der Gesellschaft, des Planeten. Wir alle teilen eine Wirklichkeit in dieser Lebensspanne, haben eine Verbindung durch unseren Geist.

STANDARD: Zurück zur allgegenwärtigen Transformation: Was bewirkt "Mindsight", was kann es beitragen – sagen wir dramatisch – zur Rettung des Planeten, zur Weiterentwicklung unserer Systeme, zu mehr Menschlichkeit?

Siegel: Ich weiß nicht, ob das in der deutschen Sprache auch so funktioniert, aber: Wenn wir erkennen, dass es nicht nur ein "Me", sondern eben auch ein "We" gibt, und unseren Verstand dahin gehend ausrichten, dann entsteht ein "Mwe". Das nenne ich ein "healthy mind". Dabei geht es um Integration und um Differenzierung als Schritt in ein gesundes Leben. Das gehört kultiviert. Sonst bleibt man in Polarität, in Chaos und Steifheit stecken. Wir sind ja nicht definiert durch unsere körperlichen Grenzen. Da ist auch ein Selbst, das Teil der Familie, der Schule, der Stadt, des Unternehmens, der Gesellschaft, des Planeten ist.

Durch Mindsight – eine erlernbare Fähigkeit, sich selbst als Teil des größeren Ganzen zu sehen – wird erkennbar, dass wir alle für ein gemeinsames Ziel arbeiten können, mehr positive Energie in uns selbst und damit in die Welt bringen können. Kurz: Mindsight bedeutet, wir können unsere innere Welt gestalten. Dann fühlen wir uns nicht mehr wie passive Passagiere auf einer Reise ins Ungewisse, sondern werden selbst zu aktiven Autoren unserer eigenen Geschichte und damit jener des gesamten Systems.

STANDARD: Wir sind die Regisseure, die entscheiden, ob es eine Tragödie oder eine Komödie wird?

Siegel: Ja. So kann man das wunderbar sagen. Umgekehrt die Frage: Was passiert, wenn wir Mindsight, also die Bewusstheit über unsere verbundene und verbindende Gestaltungskraft, nicht haben? Unsere wunden Punkte, unsere Hotspots, können dauernd von anderen aktiviert werden, so wie Durst oder Hunger. Dann wird unser Kontrollsystem, der präfrontale Kortex, ausgeschaltet. Dann setzt der Kämpfen-oder-Fliehen-Modus ein, und wir flippen aus, tun Dinge, die wir eigentlich anderen gar nicht antun wollen.

STANDARD: Chaos und Steifheit als Ergebnis, wenn wir diese Macht des Verstandes nicht nützen?

Siegel: Ja. Nach 20 Jahren Forschungsarbeit (51 Bücher sind daraus entstanden, Anm. d Red.) und meinem Versuch, "a healthy mind" zu beschreiben, Wege dorthin aufzuzeigen, ist für mich klar: Ein System ist eine Sammlung von Elementen, die miteinander funktionieren. Da kommt wieder die Integration ins Spiel. Sind die Elemente integriert, dann ist das System gesund. Andernfalls bricht Chaos aus, Steifheit herrscht. In chaotischen Unternehmen beispielsweise sind die Emotionen aufgeladen, alle sind aufgeregt, und irgendwie ist alles zufällig. Alle stecken gleichzeitig rigid fest, und Energie und Kreativität sind völlig blockiert. Meist ist auch die Moral niedrig, und das Leben in solchen Organisationen ist äußerst vorhersehbar. Also ist alles "same old, same old". Solche Firmen gedeihen nicht, sie verdorren.

STANDARD: Aber Sie nennen ja auch Differenzierung als notwendigen Baustein ...?

Siegel: Ja, die verschiedenen Elemente eines Systems wollen für ihre Unterschiedlichkeit wertgeschätzt werden, einander in ihrer Differenzierung erkennen und Wege der Verbindung finden. Man kann sich das ja wie bei einem guten Fruchtsalat vorstellen: Jedes Stück hat seinen eigenen einzigartigen Geschmack, und zusammen sind sie Fruchtsalat. Das gesunde Ganze ist immer mehr als die Summe seiner Teile. Die Idee von Mindsight ist, dass wir unseren Verstand erwecken und sehen, wo wir Mangel an Integration und auch Mangel an Differenzierung haben. Dann können wir bewusst das Fehlende aufbauen, und es entstehen neue Levels von Wohlfühlen, Gesundheit.

STANDARD: Wie geht das genau?

Siegel: Wir wissen ja mittlerweile, dass, wenn wir uns auf etwas fokussieren, sich die Gehirnaktivität ändert und bestimmte Areale, die damit befasst sind, sich (weiter)entwickeln. Es entsteht neuronales Feuer, neue Verbindungen im Gehirn entstehen. Das kann man etwa bei Menschen messen, die Klavier spielen lernen, üben, praktizieren. Interessanterweise passiert genau dieser Aufbau neuer neuronaler Netzwerke auch dann, wenn wir uns bloß regelmäßig vorstellen, etwas Bestimmtes zu tun, wenn wir uns mental darauf fokussieren. In meiner Arbeit definiere ich Mind als verkörperten und relationalen Prozess, der Energie- und Informationsflüsse reguliert. Mind ist der zentrale Aspekt, der Aufmerksamkeit steuert und damit die Struktur des Gehirns verändern kann, indem die Gehirnaktivität geändert wird.

STANDARD: Was ist der Unterschied zur populären Trainingsmethode "Mindfulness"?

Siegel: Mindsight wirft das Licht auf den ganzen Prozess, und wie wir uns mit Achtsamkeit zu einer mitfühlenderen Gesellschaft entwickeln können. Mindfulness heißt, die Achtsamkeit im Moment zu fokussieren, ohne gleich in Bewertungen zu gehen. Dabei geht es auch um das Aufnehmen von allem, das im geistigen Auge hochkommt, entsteht, Moment für Moment. Dazu gibt es profunde Forschungsbelege, die zeigen, dass Menschen, die achtsam im Moment sind, ohne sofort zu urteilen und Vorschuss auf Zukünfte zu nehmen, gesünder sind, ein besseres Immunsystem entwickeln, mitfühlender und sozialer sind. Da spielt auch die Meditation mit – ein Weg von hunderten, den Geist zu trainieren und die Kraft der Verbindungen zwischen Menschen zu honorieren – hinein. Mindsight beleuchtet all diese Wege und führt auf den Weg der Integration in unseren Beziehungen, unserer Umwelt.

STANDARD: Wie können damit Unternehmen transformiert werden?

Siegel: Jeder Mitarbeiter wird gelehrt, Differenzierung zu erlauben und anzuerkennen und gleichzeitig ermutigt, mit anderen Departments zu kommunizieren. Wenn man nur die einzelnen Teile einer Firma, die Departments, als separierte Einheit behandelt, dann fördert man lediglich Differenzierung, aber keine Verbindung. Dem Unternehmen wird es nicht so gut gehen, wie es ihm gehen könnte. Weil die Verbindung aller Individuen zueinander fehlt. Wenn die Differenzierung von Individuen innerhalb eines Departments kultiviert wird, dann fühlen sich die Leute geachtet und befähigt. Die Moral wird hoch sein, und die Menschen werden von sich aus motiviert, inspiriert und kreativ tätig für das Unternehmen. Weil sie auch wissen, was sie zum gemeinsamen Ganzen beitragen, und dass dieser Beitrag wichtig ist. Da gibt es Zugehörigkeit und gleichzeitig Individualität, da übernehmen Menschen von selbst die Ownership für ihre Arbeit. Das ist zuerst eine Aufgabe für Leadership.

STANDARD: Individuell: Wie kann Mindsight eingeübt werden, wenn es denn eine erlernbare Fähigkeit ist, wie Sie sagen?

Siegel: Es gibt viele Dinge, die man jeden Tag tun kann. Ich nenne das "das Gehirn polieren", so wie wir halt Zähneputzen. Eine Achtsamkeitsübung für zwei, drei Minuten täglich am Morgen etwa, dann sehen, was einem die fünf Sinne sagen: Was sehe, höre, taste, rieche, fühle ich auf meiner Haut? Dann laden Sie Ihren sechsten Sinn ein: Was sagt mir mein Körper, mein Herz, meine inneren Organe, meine Muskulatur? Und dann kommt der siebente Sinn ins Spiel: Welche Gedanken, welche Erinnerungen, welche Gefühle habe ich gerade jetzt? Welche Intentionen habe ich für diesen bevorstehenden Tag? Dann der achte Sinn: Wie fühle ich mich mit anderen verbunden oder mit der Welt verbunden? Das ist einmal ein guter Anfang, um das Gehirn von all dem Dreck zu befreien, der sich dort gerne ansammelt. (Karin Bauer, 20.12.2016)

Dan Siegel (geb. 1957) ist Harvard-Mediziner, Professor für Klinische Psychiatrie an der UCLA School of Medicine und Executive Director des Mindsight Research Institute.

  • Mind ist der zentrale Aspekt, der Aufmerksamkeit steuert und damit die Struktur des Gehirns verändern kann, indem die Gehirnaktivität geändert wird.
    foto: istock

    Mind ist der zentrale Aspekt, der Aufmerksamkeit steuert und damit die Struktur des Gehirns verändern kann, indem die Gehirnaktivität geändert wird.

  • Forscher Dan Siegel beschreibt "Mindsight": eine "erlernbare Fähigkeit, sich selbst als Teil des größeren Ganzen zu sehen".
    foto: robert newald

    Forscher Dan Siegel beschreibt "Mindsight": eine "erlernbare Fähigkeit, sich selbst als Teil des größeren Ganzen zu sehen".

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