"Airbag gegen den Markt"

9. Oktober 2016, 09:00
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Das europäische Umfeld für Anleger ist derzeit geprägt von vielen Fragezeichen. Im Markt ist es dafür laut Fondsmanager Steffen Weyl noch viel zu ruhig, auch weil die EZB hilft

Wien – Niedrigzinsen, geopolitische Risiken, Brexit, die anstehende US-Wahl, das italienische Referendum zur Verfassungsreform – es gibt derzeit viele Faktoren, die den Markt für Anleger schwer einschätzbar machen. Sieht man sich die Schwankungen (Volatilität) am Aktienmarkt an, so zeigt sich aber, "dass die niedrige Volatilität die Risiken im Markt nicht widerspiegelt", sagt Steffen Weyl, Fondsmanager bei Allianz Global Investors.

Dass es an den Märkten zu ruhig ist, liegt laut Weyl auch daran, "dass die Zentralbanken wie ein Airbag gegen den Markt stehen". Doch die Frage, wie lange diese Form der Politik des billigen Geldes noch anhalten kann und wie die Börsen auf erste Zinsschritte reagieren, werde aber immer marktbeherrschender.

Nervosität am Markt

So weit das große Marktbild. Unruhiger ist das Fahrwasser laut Weyl derzeit aber auf Unternehmensebene. Minimale Abweichungen von den Erwartungen führen bereits zu Kursausschlägen – sowohl nach oben als auch nach unten. "Das zeigt die große Nervosität und die Kurzfristigkeit im Markt", so der Fondsmanager. Seit dem Brexit gebe es zudem einen Allokationsmarkt statt eines Investitionsmarkts. Das heißt, es gibt auf der Suche nach Gewinn und Absicherung schnelle Käufe und Verkäufe. Das Interesse an Fakten und den unternehmerischen Fundamentaldaten rückt dabei in den Hintergrund.

Dieses Umfeld ist für den Fonds "Allianz Discovery Europe Opportunities", den Weyl mit zwei anderen Portfoliomanagern betreut, kein leichtes. Das spiegelt sich auch in der Fondsperformance wider, die aktuell leicht im Minus liegt. Schwächephasen wie diese habe es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben, "in guten Phasen konnten wir das bisher immer gut ausgleichen". Ein Gewinn von vier Prozent (nach Kosten) ist das jährlich angestrebte Ziel der Fondsmanager.

Um diese zu erreichen, sucht Weyl mit seinem Team nach Unternehmen, die Potenzial nach oben – aber auch nach unten – haben. Denn der Fonds baut bei jenen Unternehmen Positionen auf, denen aufgrund eines neuen Produktes oder eines Trends eine gute Entwicklung vorausgesagt wird und leerverkauft jene, die nicht von aktuellen Trends profitieren. Um herauszufinden, ob beispielsweise neue Produkte das Unternehmen pushen werden, startet Allianz Global Investors eine weltweite Umfrage und will so herausfinden, wie in lokalen Märkten die Stimmung gegenüber dem Produkt ist.

Ethische Kriterien

Weyl und sein Team suchen in allen Branchen nach passenden Gelegenheiten und auch quer über alle Marktkapitalisierungsgrößen. Manchmal kommt es auch vor, dass sogenannte Pair-Trades gemacht werden: also der Kauf von zum Beispiel Daimler bei gleichzeitigem Leerverkauf von BMW. Der Fokus liegt laut Weyl aber nicht auf solchen Trades.

Selbst wegen der seit der Finanzkrise umstrittenen Leerverkäufe ist der Fonds laut Weyl keiner Kritik ausgesetzt. Denn damit gehe man sorgsam um. So habe man etwa BP beim Unglück der Deepwater Horizon nicht leerverkauft, weil es unethisch wäre, aus der Umweltkatastrophe Gewinn zu ziehen.

Das Risikomanagement des Fonds wird extern durchgeführt. Jeden Tag gibt es ein Reporting, das zeigt, welchen Einfluss jede einzelne Position auf das Gesamtportfolio hat. Zeigt sich, dass ein Risiko zu groß geworden ist, wird angepasst. Bei den 70 bis 100 Titeln, die der Fonds im Schnitt hält, sei das viel Arbeit. Aber, so fasst Weyl zusammen: "Die Kunden sollen ruhig schlafen, nicht wir."

Und noch einen Trend beobachtet Weyl. Investoren sind in den vergangenen Jahren immer risikobewusster geworden. Dieses Verhalten ist jetzt im Wandel. "Jetzt wird wieder mehr Risiko genommen. Viele Investoren gehen auf der Suche nach Rendite zumindest einen Schritt weiter ins Risiko als bisher. (Bettina Pfluger, 9.10.2016)

  • Die EZB stützt mit ihrer Geldpolitik den europäischen Markt.  Wie lange das noch gutgeht, fragen sich Investoren immer intensiver.
    foto: apa/dpa/rumpenhorst

    Die EZB stützt mit ihrer Geldpolitik den europäischen Markt. Wie lange das noch gutgeht, fragen sich Investoren immer intensiver.

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