Teodor Currentzis und die Camerata Salzburg: Rasereien und Idyllen

5. Oktober 2016, 17:08
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Grieche begeistert im Konzerthaus mit außergewöhnlichen Klangerlebnissen

Wien – Nachdem das Saisoneröffnungskonzert von Teodor Currentzis und seinem Ensemble MusicAeterna im Konzerthaus kaum weniger als wahnsinnig schön, anrührend und aufregend gewesen war, war man natürlich gespannt, wie sich der Porträtkünstler des Hauses mit einem anderen Orchester tun würde. Würde der Grieche mit der Camerata Salzburg harmonieren und mit ähnlich außergewöhnlichen Klangerlebnissen verblüffen wie mit seiner Truppe?

Das tat er. Von einem Bein aufs andere hüpfend, mit den flatterhaften Bewegungen seiner langen Arme einem euphorisierten Albatros gleichend, erschuf Currentzis zuerst Wagners Siegfried-Idyll neu: licht und behutsam, in zarten Pastellfarben gemalt, mit Klängen, luftig wie ein Soufflé, transparent wie ein Schleier, schwebend wie der Duft eines Parfums.

Tendenz zum Feingliedrigen

Auch Beethovens erstes Klavierkonzert tendierte trotz aller Dynamik zum Feingliedrigen, atmete den Geist des Rokoko: alles so verspielt, geziert, so delikat hier! Solist Alexander Melnikov saß inmitten der Orchestermusiker mit dem Gesicht zu Publikum und Dirigent, und der Russe zeigte sich im Kopfsatz erst etwas überfordert vom Tempo, das Currentzis vorgab. In den Folgesätzen tendierte die Musizierweise Melnikows zum Manierierten, zu bipolaren Extremen: Auf verhuschte Läufe folgten grelle Akzente. Der 43-Jährige mühte sich um spontanes Musizieren, dem die Camerata flexibel folgte. Mit Brahms' versonnenem a-Moll-Intermezzo op. 116/2 bedankte sich Melnikow für den Applaus.

Pulsierend vital dann Mendelssohns vierte Symphonie: Die Holzbläser erinnerten zu Beginn mit ihren schnellen Achtelnoten an eine gackernde Hühnerschar. Nach der Eleganz und Grandezza des Kopfsatzes beeindruckte das Ende des langsamen Satzes, ein fahler Tanz der Geister. Currentzis' Interpretationen sind sinnlich, von theatralischem Geist durchdrungen und von tänzerischem Esprit geprägt. Der Finalsatz wurde zur irrwitzigen Raserei der Furien und der Luftgeister, zum Runterkommen gab's als Zugabe Kontemplatives: Arvo Pärts Psalom. Begeisterung. (end, 6.10.2016)

  • Artikelbild
    foto: epa / javier del real / teatro real
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