AMS-Chef: "Millionen Menschen werden ihren Job verlieren"

Interview21. Oktober 2016, 07:00
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Was passiert, wenn die Roboter kommen? Johannes Kopf erklärt, welche Ausbildung Chancen am Arbeitsmarkt sichert

STANDARD: Bei der Frage, ob die Digitalisierung Jobs kosten oder bringen wird, scheiden sich die Geister. Was denken Sie?

Kopf: Ich glaube nicht, dass es insgesamt weniger Jobs geben wird, denn es gab ja schon oft große technologische Revolutionen, und die Anzahl der Jobs sind gesamt noch nie weniger geworden. Aber natürlich werden Millionen Menschen in Europa ihren jetzigen Job verlieren, weil es diesen Job so nicht mehr geben wird.

STANDARD: Sind es hochqualifizierte Tätigkeiten, die ersetzt werden, oder niedrigqualifizierte? Auch dazu gibt es unterschiedliche Theorien.

Kopf: Die einen sagen: Die Digitalisierung kostet Unqualifizierten die Jobs, weil sie leicht ersetzt werden können. Die anderen sagen: Nein, gerade Unqualifizierte werden nicht betroffen sein, denn die sind so günstig, dass es sich nicht auszahlt, sie durch Roboter zu ersetzen. Es wird also davor gewarnt, dass nun die Höherqualifizierten ersetzt werden. Als Beispiel wird da auch immer der Journalismus genannt: Artikel werden künftig von einem intelligenten System geschrieben.

Was nun stimmt, lässt sich schwer voraussagen. Ich kenne aber auch ein Beispiel, das komplett in die andere Richtung geht: Mercedes Benz hat kürzlich aus Kostengründen eine Fertigungslinie von Roboter wieder auf Mensch umgestellt. Grund ist der Trend zur Just-on-demand-Produktion: Wenn sich jeder sein Auto in tausenden Varianten exakt aussuchen kann, muss eine Unmenge an verschiedenen Autos produziert werden. Schaffen Firmen Maschinen an, die das können, haben sie enorme Umrüstungskosten. Gute Arbeiter sind da flexibler und offenbar billiger.

Wir wissen nicht genau, was kommt, und wir wissen auch nicht wirklich, welche Qualifikationen wir in zehn oder zwanzig Jahren brauchen, aber: Ein qualifiziertes Hirn lernt schneller, kann sich schneller an Veränderungen anpassen. Auch die Lernbereitschaft steigt. Die Antwort auf die Angst vor Digitalisierung und Industrie 4.0 kann also nur mehr Bildung lauten. Selbst wenn Menschen das Falsche lernen, ist es besser, als wenn sie nichts lernen.

STANDARD: Das falsche Studium ist also immer noch besser als gar keines?

Kopf: Ja, das zeigen unsere Zahlen. Es gibt ja immer wieder die Diskussion um die sogenannte "Generation Praktikum". Der Begriff beschreibt die Schwierigkeiten von Absolventen gewisser Studienrichtungen, beim Berufseinstieg lange keinen Job zu finden. Zumindest keinen, der ordentlich entlohnt ist und ihrer Qualifikation entspricht. Dieses Problem gibt es, und es hat sich in den letzten Jahrzehnten verschlimmert.

Trotzdem ist es eines, das stark auf bestimmte, oft geisteswissenschaftliche Studienrichtungen beschränkt ist: Psychologie, Geschichte, Politikwissenschaften – und eben auch Publizistik. Deshalb erhält das Thema auch so viel Aufmerksamkeit – weil es Journalisten sind, die darüber schreiben. Im gesamten Arbeitsmarkt sehen wir das Phänomen aber nicht. Akademiker bekommen recht rasch eine unbefristete Beschäftigung, ihre Arbeitslosenquoten liegen deutlich unter der Gesamtquote.

STANDARD: Es heißt, durch die Digitalisierung tue sich die Kluft zwischen bildungsnahen und bildungsferneren Gruppen noch weiter auf. Es könnte ein sogenannter "Digital Gap" entstehen.

Kopf: Das passiert jetzt schon. Die Arbeitslosenquote von Personen mit Pflichtschulabschluss war 1999 neun Prozent, die von jenen mit Lehre sechs. Heute ist die Arbeitslosenquote von jenen mit Lehre etwa sieben und die von Personen mit Pflichtschule etwa 27. Das geht immer weiter auseinander. Wir sollten al so möglichst niemanden mehr aus unserem Bildungssystem entlassen, der nur einen Pflichtschulabschluss hat. Die Ausbildungspflicht bis 18 ist ein guter Anfang dafür, aber es braucht noch mehr Maßnahmen im Bereich der frühkindlichen Erziehung. Kinder mit schwierigerem sozialem Hintergrund haben erst ähnliche Chancen, wenn man sie mehr fördert. Kindergärten müssten massiv gestärkt, Pädagogen besser weitergebildet und bezahlt werden.

IT-Kenntnisse sind da natürlich auch ein besonderes Thema. In allen Branchen, bei denen wir die Qualifikationen der Zukunft analysiert haben – wie Tourismus, Metall, Elektro, Chemie, Bau – ist vor allem eines gefragt, und das sind IT-Kenntnisse. Weil Lernen und Informationsgewinnung zunehmend darüber funktionieren, sind sie als Handwerk unverzichtbar – so wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Und zu glauben, die Kinder spielen eh alle mit dem Smartphone, deshalb lernen sie das von allein, ist völliger Unsinn.

STANDARD: Aus einer Studie geht hervor, dass lediglich sieben Prozent der 15- bis 29-Jährigen in Österreich über sehr gute digitale Kenntnisse verfügen.

Kopf: "Digital Natives" können gut mit Youtube, Instagram oder was auch immer umgehen, haben aber oft nicht die für den Arbeitsmarkt notwendigen IT-Kenntnisse. Aber es fehlt ihnen an noch viel mehr als an technischem Know-how: nämlich an der Fähigkeit, Informationen, die man im Netz findet, richtig zu beurteilen. Da brauchen wir kein Unterrichtsfach, son- dern IT muss den gesamten Unterricht durchdringen. Wir brauchen völlig andere Bildungskonzepte.

STANDARD: Dazu sagte unlängst ein Professor der Technischen Uni Wien, man solle Smartphones für den Unterricht einsetzen. Was halten Sie davon?

Kopf: Warum nicht? Hier müssen wir völlig neu denken. Technik muss zu etwas Normalem werden, von Anfang an. Schulen und Unis mit den nötigen Ressourcen auszustatten ist ein wichtiger Schritt. In wie vielen Lehrerzimmern gibt es nur einen PC? Das geht völlig an der Realität vorbei. Ich finde es überhaupt nicht schlecht, einem Dreijährigen ab und zu ein Handy zum Spielen zu geben. Außerdem braucht es andere Fächer, denn die sind seit ewig dieselben.

Aber auch die Lehrmethoden müssen sich verändern – weg vom Faktenlernen, hin zum Methodenlernen. Essenziell ist es, zu wissen, wie man Informationen schnell besorgt und vernetzt denkt – gerade in einem Zeitalter, wo man Informationen in Echtzeit zu Nullkosten bekommen kann. Diese Veränderungen müssen in jeder Stufe des Bildungssystems berücksichtigt werden. Bis hin zu den Firmen. Momentan haben wir immer noch ein starkes Erstausbildungssystem und ein kaum entwickeltes Erwachsenenbildungssystem.

STANDARD: Woran liegt das, und was muss passieren?

Kopf: Bisher waren einfach andere Dinge verlangt. Da wurde man ausgebildet, und dann hatte man seinen Beruf sein Leben lang. Das klappt heute nicht mehr. Bei uns allen ist das Bewusstsein für die gewaltigen Änderungen noch zu wenig da. Wir haben noch keine Antworten. Wer kann sich schon leisten, mit 40 für ein oder zwei Jahre auszusteigen, um etwas Neues zu lernen? Wer zahlt die Miete, wer für die Kinder?

Mögliche, erst zu entwickelnde Maßnahmen wären völlig andere Lebensarbeitszeitmodelle, Ansparmodelle für spätere Bildungsmaßnahmen, steuerliche begünstigte und aus heutiger Sicht fast revolutionäre Betriebsarbeitszeitmodelle, die Entwicklung eines echten Erwachsenenbildungssystems, die viel stärkere Modularisierung unserer Ausbildungswelt und so weiter. Gute Antworten sind da wirklich gefragt. (Lisa Breit, 21.10.2016)

Johannes Kopf (43) ist seit 2006 Mitglied des Vorstands des Arbeitsmarktservice (AMS) Österreich. Davor war der Jurist drei Jahre als Arbeitsmarktexperte im Kabinett von Ex-Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Bartenstein (ÖVP) tätig, von 1999 als 2003 als Referent der Industriellenvereinigung.

  • Johannes Kopf: "Ich finde es überhaupt nicht schlecht, einem Dreijährigen ab und zu ein Handy zum Spielen zu geben."
    foto: andy urban

    Johannes Kopf: "Ich finde es überhaupt nicht schlecht, einem Dreijährigen ab und zu ein Handy zum Spielen zu geben."

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