Folgen eines überdrehten Geldhahns

8. Oktober 2016, 17:03
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Die Politik des billigen Geldes hat Konsum bisher nicht angeschoben, das Geschäft für Banken und Versicherungen aber massiv verschlechtert

Wien – Es mehren sich die Stimmen, welche die Geldpolitik am Ende ihrer Leistungsfähigkeit angelangt sehen. Dazu zählt auch Wolfgang Habermayer, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Merito Financial Solutions: "Wir haben Probleme, die Geldpolitik nicht lösen kann." Fiskalpolitik wie ein Infrastrukturprogramm könne dadurch nicht ersetzt werden, auch wenn dieses die Staatsschulden erhöhen würde.

"Für eine Investition braucht man Optimismus", betont Habermayer. Daran mangelt es seiner Ansicht nach in Europa. Dazu leiste auch die EZB ihren Beitrag, "weil wir nicht mehr auf klassische volkswirtschaftliche Entwicklungen ausgerichtet sind, sondern alles nur noch der Geldpolitik unterliegt." Dies sei aufgrund der negativen Begleiterscheinungen bedenklich.

Wankende Geschäftsmodelle

Als Beispiel führt Habermayer, früher Vorstand der Bank Austria und Chef der Deutschen Bank in Österreich, Europas Geldhäuser an. Deren Geschäftsmodell werde von der Geldpolitik durchkreuzt, da im Zinsgeschäft kaum mehr verdient werden könne. In Europa ortet der Merito-Chef folglich ein Überangebot an Banken: "Es wird durch Fusionen oder Schließungen in Europa zu einem massiven Konsolidierungsprozess kommen – nicht nur national, sondern auch grenzübergreifend."

Seit der Finanzkrise seien in den USA ungefähr 500 Banken abgewickelt worden. Ähnliches ist laut Habermayer künftig auch auf dem Alten Kontinent vonnöten, er räumt aber ein, dass dies eine Frage der Bereitschaft der Politik sei. In weiterer Folge werde diese Entwicklung auch Lebensversicherer und Pensionskassen treffen, wo die Deckungslücken größer würden. "Man muss erwarten, dass es zu Pensionskürzungen kommen wird", fügt er hinzu.

Zudem erwartet der Merito-Chef, dass Banken die Negativzinsen, welche die EZB auf ihre Einlagen einhebt, künftig auch an Firmenkunden weiterreichen und dies in weiterer Folge auch im Privatkundengeschäft schlagend werde. "Die Leute werden wegen negativer Zinsen nicht mehr ausgeben", zweifelt er an dauerhaft höheren Konsumausgaben. Einen Schub habe es dadurch zwar bei Instandsetzungen und Neuanschaffungen von Immobilien gegeben, dieser liege aber bereits hinter uns.

Die Veranlagung wird laut Habermayer ebenfalls zunehmend schwieriger, da kaum mehr Erträge generiert werden könnten. Als Ausweg bliebe mit Aktien nur die schwankungsfreudigste Anlageklasse, mit deren Volatilität viele Anleger umzugehen lernen müssten. Schuldverschreibungen kann er wenig abgewinnen, zumal auch dort die Schwankungen zunehmen würden: "Im ganzen Anleihensektor hat sich das Verhältnis von Risiko zu Rendite massiv verschlechtert."

Japanische Verhältnisse

Zudem bekrittelt Habermayer die Einstellung der Notenbanken, alles "regulieren oder administrieren zu können". Statt Rezessionen zuzulassen – gewissermaßen als reinigende Gewitter für die Wirtschaft -, wurde in der Vergangenheit stets mit zunehmend intensiverer Geldpolitik gegengesteuert. "Ich halte das für einen schweren Fehler", kritisiert Habermayer. "Japan versucht das seit 25 Jahren, aber erfolglos."

Nach ihrem ebenso langen wie erfolglosen Kampf gegen die hartnäckige Deflation in Japan hat die dortige Notenbank Ende September überraschend einen Strategieschwenk eingeleitet – und damit viele Beobachter ratlos hinterlassen: Statt wie bisher stur die Geldmenge pro Jahr um stattliche 80 Billionen Yen auszuweiten – das entspricht fast 700 Milliarden Euro -, wollen die Währungshüter nun die Zinskurve kontrollieren. Anders ausgedrückt soll der Unterschied zwischen kurz- und langfristigen Zinsen größer werden. Die Idee dahinter: Dadurch soll es für Geschäftsbanken wegen des Zinsunterschieds attraktiver werden, Kredite an den Unternehmenssektor zu vergeben.

Am Erfolg dieses Vorhabens hegen jedoch viele Marktteilnehmer wie Steve Glod, der für Banque de Luxembourg Investments einen Japan-Fonds verwaltet, durchaus Zweifel: "Die Maßnahme erscheint eher auf dem Papier sinnvoll als in der Realität." Denn jene Unternehmen, die Investitionen tätigen könnten, brauchen seiner Ansicht nach keine Kredite, da sie ohnedies über hohe Cash-Reserven verfügen würden. Dass sie es dennoch nicht tun, liege nicht an mangelnder Kreditvergabe, sondern an der wirtschaftlichen Unsicherheit. Glod erscheinen daher Strukturreformen langfristig wesentlich aussichtsreicher. (aha, 8.10.2016)

  • Die Macht des billigen Geldes ist enden wollend. Im Anleihensektor hat sich mittlerweile das Verhältnis von Risiko zu Rendite massiv verschlechtert. Der Ruf nach Strukturreformen wird lauter.
    foto: standard/gindl

    Die Macht des billigen Geldes ist enden wollend. Im Anleihensektor hat sich mittlerweile das Verhältnis von Risiko zu Rendite massiv verschlechtert. Der Ruf nach Strukturreformen wird lauter.

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