Wenn der Körper nicht immer mitspielt

8. Oktober 2016, 09:00
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Viereinhalb Prozent aller Studierenden in Österreich sind chronisch krank, die meisten von ihnen fühlen sich im Studium beeinträchtigt

Wien – Kein Gesicht ist symmetrisch. Doch Katrin Schönthalers Gesicht ist etwas weniger symmetrisch als andere. Auf den ersten Blick sieht man es kaum, aber Schönthalers linke Gesichtshälfte wirkt, als würden sie unsichtbare Klammern nach oben ziehen. Den kleinen Makel hat Schönthaler zwar seit ihrer Geburt, doch hinzu kommt, dass ihr Gesicht vor drei Jahren halbseitig kurzzeitig gelähmt war. Sie hat multiple Sklerose (MS), 2013 wurde die chronische entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems bei der 26-Jährigen diagnostiziert.

Was viele mit Muskelschwund in Verbindung bringen, ist eigentlich eine Krankheit mit verschiedenen Ausprägungen: Bei Schönthaler begann es mit einem tauben Oberschenkel, gefolgt von der Gesichtslähmung und Sehstörungen. Manchmal sieht sie Doppelbilder, manchmal ist sie auf dem linken Auge so gut wie blind. Die Symptome sind nicht dauerhaft, sondern kommen in Schüben.

Hörsaal statt Flugzeug

Nach der Diagnose war Schönthaler verunsichert und niedergeschlagen, sie dachte, sie könne ihr Leben nicht mehr so weiterleben wie bisher. "Ich musste meinen Beruf als Flugbegleiterin aufgeben", sagt Schönthaler, doch insgeheim kam es ihr gerade recht, dass sich die unregelmäßigen Arbeitszeiten und die körperliche Anstrengung nicht mit ihrer Krankheit vereinbaren ließen. "Ich wollte immer schon studieren, und wer weiß, ob ich das wirklich gemacht hätte, wenn es anders gekommen wäre." Deshalb fiel ihr die Entscheidung leicht, den Beruf hinter sich zu lassen und Ernährungswissenschaften an der Uni Wien zu studieren – mittlerweile im fünften Semester.

Wie Schönthaler studieren – laut eigenen Angaben – rund 13.200 Personen mit einer chronischen Erkrankung. Das sind etwa 4,5 Prozent der Studierenden an Österreichs Hochschulen. Die Zahlen wurden im Rahmen der Studierendensozialerhebung von 2015 erhoben und zeigen auch, dass nur die wenigsten der chronisch kranken Studierenden keine Beeinträchtigung im Studium haben. Sie klagen über Unterbrechungen, Probleme bei der Studienorganisation, die zeitlichen Vorgaben der Prüfungsleistungen oder finanzielle Schwierigkeiten.

Auch für Schönthaler ist das Studium nicht leicht zu bewältigen: Zwar hatte sie bisher das Glück, dass ihre Schübe erst nach einer stressigen Prüfungsphase ausbrachen – so wie andere eine Grippe bekommen, wenn der Leistungsdruck abfällt – doch ihre Begleitbeschwerden machen ihr zu schaffen. Sie leidet unter chronischer Müdigkeit, hat Konzentrationsschwierigkeiten, und ihre Merkleistung ist im Vergleich zu früher deutlich zurückgegangen. Bemerkt hat sie das erst, als sie ihre erste Prüfung geschrieben hat: "Ich habe viel gelernt und war zuversichtlich, doch als ich vor der Prüfung saß, wusste ich nichts mehr." Sie war schockiert, nie hätte sie gedacht, beim Lernen solche Schwierigkeiten zu haben.

Mehrere Anläufe

Um ihr Gehirn auf Trab zu halten, lernt die 26-Jährige Telefonnummern und Vokabel auswendig, doch manchmal klappt es mit dem Lernen einfach nicht: "Ich muss mindestens drei Wochen für die Prüfungsvorbereitung einplanen, denn es sind oft Tage dabei, an denen ich so erschöpft und unkonzentriert bin, dass ich nur im Bett liegen kann." Nachhilfe, genug Schlaf, ein geregelter Tagesablauf und kein Ausgehen helfen ihr, die Prüfungen zu meistern. Zu manchen Prüfungen musste sie trotzdem mehrmals antreten, Organische Chemie schaffte sie erst beim dritten Antritt.

Es sei deprimierend, zu sehen, wie ihre Studienkollegen an ihr vorbeiziehen: "Von der Mindeststudienzeit habe ich mich längst verabschiedet." Aktuell hat sie 78 ECTS absolviert, nicht einmal die Hälfte des Studiums, das sie laut Mindeststudienzeit schon im kommenden Sommersemester abschließen müsste – utopisch für Schönthaler. Etwa zwei Übungen und eine Prüfung schafft sie im Semester, während ihre Kommilitonen doppelt so viele machen.

"Viele Studienkollegen glauben deshalb wahrscheinlich, ich sei faul", sagt die 26-Jährige. Die Müdigkeit und die Konzentrationsschwierigkeiten hindern sie nicht daran, Seminare zu besuchen, doch spüre sie teilweise Unverständnis, wenn sie ständig gähne oder sich kurz hinlegen muss – manchmal helfen eben selbst Kaffee und Energydrinks nicht mehr. Wenn es gar nicht geht, bleibt sie daheim, sie müsse "ihre Krankheit ja akzeptieren".

Doch die Studentin fühle sich auch unter Druck gesetzt, besonders finanziell. Ihre Eltern unterstützen sie zwar und sie erhält ein Selbsterhalterstipendium, doch dafür darf sie sich nur ein Toleranzsemester erlauben. Krankheitsbezogene Beihilfen bekommt man erst bei einer 50-prozentigen Behinderung. "Ich habe ein Semester lang versucht, geringfügig zu arbeiten, aber das hat nicht funktioniert." Keine einzige Prüfungsleistung hat sie in dem Semester geschafft, denn Stress verschlimmert ihre Symptome.

Sport als Therapie

Gegen den Stress und zur Stabilisierung macht Schönthaler Yoga in einer speziellen MS-Gruppe sowie Kraft- und Ausdauertraining. "Viele glauben, mit MS sitzt man nur im Rollstuhl, dabei wirkt Sport bei chronischen Erkrankungen wie eine Therapie", sagt sie. Auch mögliche künftige Symptome wie Gangstörungen oder Spastiken lassen sich durch Sport hinauszögern. Allerdings muss sie auch aufpassen: "Schwitze ich zu viel, kann es sein, dass Beschwerden wie Sehstörungen wieder auftauchen und erst abklingen, sobald sich der Körper abkühlt."

Auch die Ernährung – ihr Steckenpferd – helfe ihr, sich fitter zu fühlen: "Seit zwei Jahren ernähre ich mich vegan, allerdings aus ethischen Gründen, doch seither hat sich meine Müdigkeit gebessert", sagt die Studentin, die später gerne in der Forschung arbeiten würde: "Ernährung und Sport im Zusammenhang mit MS wird kaum Beachtung geschenkt, vielleicht ist das meine Zukunft."

Dennoch plant sie lieber nicht lange voraus: "Das macht wenig Sinn, da ich nicht weiß, ob sich meine Gesundheit verschlechtert." Ob sie nach dem Bachelor einen Master macht, ist derzeit unklar: "Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal schaffe. Ich genieße zwar das Studium, aber ich bin auch froh, wenn ich damit fertig bin." (Selina Thaler, 8.10.2016)

Info: Nur 16 Prozent wissen von Uni-Servicestelle für Beeinträchtigungen

Wien – Obwohl die meisten Unis ein Referat für Studierende mit Beeinträchtigungen haben, manche schon seit 20 Jahren, wissen nur 16 Prozent der Betroffenen davon, zeigt die Studierenden-Sozialerhebung. Studierenden mit Behinderung und Hör- oder Sehbeeinträchtigung sind die Behindertenbeauftragten am häufigsten bekannt.

"Chronisch kranke Studierende wissen davon, aber sie glauben, dass diese nicht für sie zuständig sind, da sie sich selbst nicht zur Gruppe mit Behinderungen zählen", sagt Barbara Levc, Leiterin des Zentrums Integriert Studieren der Universität Graz.

Dort und an 21 weiteren Unis erhalten Studierende Hilfe, wenn sie länger im Studium ausfallen, sich die Studiendauer verlängert oder finanzielle Probleme entstehen. Ebenfalls organisieren Behindertenbeauftragte Assistenzen für Vorlesungen, passen Studienliteratur für Blinde an und zeigen Personen im Rollstuhl barrierefreie Wege zu den Hörsälen.

Manche Betroffene klagen über Unverständnis bei Professoren: "Vielen sieht man ihre Beeinträchtigung nicht an, sitzt jemand im Rollstuhl, gibt es kaum Diskussionen." Levc rät, die Krankheit dann zu kommunizieren, wenn es notwendig ist, etwa bei Prüfungsanpassungen. Für diese Fälle behält Levc ein ärztliches Attest, die Daten bleiben vertraulich. (sct)

  • Vor drei Jahren wurde bei Katrin Schönthaler die chronische Erkrankung multiple Sklerose diagnostiziert. Sie gab ihren Beruf als Flugbegleiterin auf und begann, Ernährungswissenschaften zu studieren.
    foto: christian fischer

    Vor drei Jahren wurde bei Katrin Schönthaler die chronische Erkrankung multiple Sklerose diagnostiziert. Sie gab ihren Beruf als Flugbegleiterin auf und begann, Ernährungswissenschaften zu studieren.

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