"Mafia 3" erschienen: Sprechen wir über extreme Gewalt, Rassenkämpfe und Liebe

Gespräch7. Oktober 2016, 10:30
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Design Director Matthias Worch im Gespräch über den jüngsten Teil der Action-Spielserie und eine authentische, fiktive Unterwelt von 1968

Vor 14 Jahren führte "Mafia" wie bis dahin kein anderes Videospiel in den Untergrund der organisierten Kriminalität. Anders als die Popstars der Branche, Rockstar Games und dessen Hitserie "Grand Theft Auto", zeichnete der tschechische Hersteller Illusion Softworks ein realistischeres Bild der Verbrechenswelt.

Im Nachhinein mag der Moloch des fiktiven San Franciscos der 1930er-Jahre romantisiert erscheinen, doch er legte den Grundstein für eine Serie, die sich bis heute zwar bekennend selektiv, aber doch sehr plakativ mit der Historie der US-Mafia auseinandersetzt. Nun ist – mit einigen Startschwierigkeiten – "Mafia 3" erschienen und führt Spieler mit den heutigen technischen Möglichkeiten in das fiktive New Orleans (New Bordeaux) Ende der 1960er-Jahre. In den Schuhen eines Vietnam-Krieg-Veteranen namens Lincoln Clay muss man ansehen, wie Vertreter der italienischen Mafia die eigene Gang ausschalten. Zwischen Rassenkämpfen, Polizeigewalt und Hippie-Protesten entfaltet sich ein blutroter Rachefeldzug.

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Video: Story-Trailer von "Mafia 3"

Antiheld mit Charakter

Dass Spieler sogleich in eine einseitige Gewaltorgie abtauchen, weist Matthias Worch, Design Director von Entwickler Hangar 13 Games, aber zurück. "Lincoln Clay ist ein typischer Antiheld. Was für mich interessant an Antihelden ist, ist die Tatsache, dass sie sehr viel vielschichtiger sein können. Sehr viel komplizierter sein können, als Helden, die einfach nur Gutes tun", sagt Worch im Gespräch mit dem GameStandard. "Er ist auf jeden Fall kein Psychopath. Er war in Vietnam und hat dort einige Sachen erlebt, die ihm zu schaffen machen. Aber letztendlich kommt er nicht so aus dem Krieg zurück, dass man dadurch seine Handlungen erklären könnte. Er ist Held, Antiheld. Er ist ein Rächer. Er versucht letztendlich nur, sich in dieser Welt zurecht zu finden. Denn das, was ihm passiert, sind nicht Dinge, die er sich ausgesucht hat. Wie er reagiert und warum er auf seinen Rachefeldzug geht, das sind alles Sachen, die er macht, weil er meint, dass sie zwingend notwendig sind. Ich denke, dass sich die Spieler in jedem Fall mit Lincoln identifizieren werden können. Dass sie genau wissen, woher er kommt. Wir nehmen uns am Anfang eine Menge Zeit, Lincolns Hintergrund und Motivation detailliert darzustellen. Und es wird dementsprechend sehr spannend zu sehen sein, wie sich die Story entwickelt. Wenn die Geschichte schließlich einen Abschluss findet, glaube ich, dass die Spieler auf einer Wellenlänge sein werden."

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Video: Gameplay-Demo zu "Mafia 3"

Kampf ohne Ehre

Dass Clay im Zuge seines Rundumschlags gegen den Mob selbst zum Mafiaboss aufsteigt, gehöre dem Entwickler zufolge zur Vielschichtigkeit des Charakters genauso wie zum kriminellen Wesen dieser Unterwelt, die in den 60er-Jahren einen massiven Umbruch erlebte. "Ich denke 'Mafia 1' und 'Mafia 2' waren sehr romantisiert. Das lag vielleicht auch am Zeitrahmen, in dem diese Spiele angesiedelt waren. 30er, 40er, 50er-Jahre – es war eine Zeit, in der die Mafia zunächst nicht als so schlimm angesehen wurde. Die Mafia hat sich selbst als ehrenwerte Gesellschaft erachtet, mit einem Ehrenkodex (Omerta) unter den Mafiosi", sagt Worch, der seit drei Jahren an dem jüngsten Teil mitarbeitet. "'Mafia 3' ist in den 60er-Jahren angesiedelt, wo sich die Regierung erstmals um die Mafia gekümmert hat. Und wo die Gesellschaft an sich herausgefunden hat, dass die Mafiosi sehr viel Schaden angerichtet haben und bei weitem keine weiße Weste hatten. Doch auch innerhalb der Mafia sind dann neue Persönlichkeiten auf die Spielfläche getreten, denen Ehre nichts bedeutet hat und sich mit allen Mitteln in Geschäftsbereiche gedrängt haben, die die alte Mafia für sich beansprucht hat, und dabei auch sehr brutal vorgegangen ist. Da sind diese Bandenkriege zum ersten Mal auf die offene Straße getragen worden."

Extreme Gewalt

Wie diese Bandenkriege spielerisch zum Ausdruck gebracht werden, demonstrieren mittlerweile zahlreiche Demovorführungen. Spieler selbst werden mit allen erdenklichen Mitteln durchgreifen und sich auch zur Wehr setzen können. Dabei erreicht die Gewaltdarstellung ein Maß, dass dem Zuschauer mitunter flau im Magen wird. Mit überzeichneter Brutalität, wie man es etwa von "GTA" kennt, hat dies weniger zu tun, als mit den Wunsch, die Härte dieser Welt in der Bildsprache wiederzugeben.

"Wie Lincoln mit seinen Gegnern umgeht, ist letztendlich Ausdruck von Lincolns Gefühlslage. Und wenn man sich speziell an die Gamescom-Demo erinnert, da gab es einige Gründe, die Lincoln Anlass dazu gaben, sich mit diesen Gegnern speziell so brutal auseinander zu setzen", sagt Worch. "Das ist schon ein Stilmittel. Es zeigt diesen Umbruch, den man damals in der Mafia gesehen hat. Wo Lincoln doch schon eher die "New School" repräsentiert und wo er die italienische Mafia so angreift, wie es ihm am besten passt. Dazu gehören vielleicht einige Sachen, die er in Vietnam gelernt hat. Dabei muss man immer erwähnen, dass es Möglichkeiten gibt, den Gewaltgrad selbst zu bestimmen. Man kann das so machen, wie wir es gezeigt haben. Es gibt aber auch die Möglichkeit, das ganze weniger brutal zu machen."

Dass besagte Gewaltausbrüche dazu führen könnten, dass in der öffentlichen Diskussion die eigentliche Geschichte deshalb in den Hintergrund geraten, fürchtet der Entwickler jedenfalls nicht. "Unser Spiel verherrlicht das kriminelle Leben nicht einfach. Es hat eine Menge Abstand und Perspektive und geht mit den Themen unserer Story, glaube ich, ganz verantwortungsvoll um. Wir machen ein Spiel, zu dem man eine Meinung hat. Über das man sich unterhalten kann. Deshalb mache ich mir da keine Gedanken."

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Video: Gameplay-Demo zu "Mafia 3"

Authentizität

Einen Grund dafür sieht Worch letztendlich in dem Bemühen der Entwickler, Lincolns Umfeld und die Zeit, in der sich die Geschichte ereignet, möglichst glaubhaft und realitätsgetreu wiederzugeben. Dabei schreckten die Autoren nicht davor zurück, gesellschaftlich schwierige Themen wie die damaligen Rassenkämpfe in den Südstaaten und die Polizeibrutalität zu thematisieren. Selbst wenn man damit "ungewollt" einen politischen Kommentar zur heutigen Situation in den USA abgibt.

"Wir versuchen, uns nicht auf die heutige Welt zu beziehen. Das müssen wir auch gar nicht. Die 60er-Jahre an sich waren interessant genug. Wenn es aber Parallelen zu heute gibt, zeigt dies nur, wie wichtig es ist, dass man sich damit beschäftigt. Dass es noch keine abgeschlossene Sachlage ist. Uns ist es wichtig, diese Geschichte interessant zu vermitteln, damit die Leute heute die Perspektive haben und vielleicht die Parallelen sehen können", erklärt Worch. "Es ist uns sehr wichtig dies alles als in den Hintergrund so in das Spiels einfließen zu lassen, dass das Spiel authentisch ist. Das ist eine der Sachen, die wir uns immer auf die Fahne geschrieben haben. Dass die "Mafia"-Spiele sehr gut darin sind, einen in einen Zeitrahmen und eine glaubhafte Umgebung zu versetzen."

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Video: Wie New Orleans von 1968 ins Spiel umgesetzt wurde.

Verdeckte Romantik

Worch sieht "Mafia 3" damit als konsequente Fortsetzung der Serie, die mit mehreren Studiowechseln innerhalb des Herausgebers Take-Two eine durchaus turbulente Entwicklung hinter sich hat. "Es hat einen neuen Protagonisten und spielt in einem anderen Zeitrahmen. Insofern passt es sehr gut, dass wir jetzt die klassische Mafia aus einer anderen Richtung beleuchten", so Worch. "Aber es ist eine Fortsetzung zu den ersten beiden Spielen. Wir haben zum Beispiel Vito aus 'Mafia 2' zurückgebracht, der eine große Rolle in der Geschichte spielt und es bezieht sich auch in anderen Aspekten auf die älteren Spiele."

Dazu gehört auch, ein Hauch verklärter Retroromantik. Zumindest als Charaktereigenschaft einer der wichtigsten Gegenspieler Lincoln Clays. Allzu viel Liebe sollten sich Spieler aber selbst angesichts der damaligen Friedensbewegungen nicht erwarten. "Blumen im eigenen Gewehr wird es nicht geben. Das wäre vielleicht ein witziges Upgrade oder ein Easter Egg. Natürlich stellen wir die Zeit so dar, wie sie damals war. Und da wird es die Hippie-Bewegung und Friedensproteste gegen den Krieg geben. Unsere Geschichte ist aber keine Liebesgeschichte. Wobei man sagen muss: Die Motivation von anderen Hauptfiguren, von (Mafiaboss) Sal Marcano zum Beispiel, sind tatsächlich schon von Liebe geprägt. Aber da kann ich nicht groß in die Details gehen. Um herauszufinden, was ich damit meine, muss man dann doch das Spiel spielen." (Zsolt Wilhelm, 6.10.2016)

"Mafia 3" ist für Windows-PC, Playstation 4 und Xbox One erschienen. Ab 18 Jahren.

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