Yahoo scannte E-Mails aller Kunden für US-Geheimdienste

4. Oktober 2016, 19:54
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Eigene Software durchsuchte laut ehemaligen Mitarbeitern eingehende Nachrichten nach Informationen – erster Fall von Echtzeitüberwachung

Nach dem Bekanntwerden des Datendiebstahls von 500 Millionen Kunden durch Unbekannte sieht sich der Internetkonzern Yahoo nun mit weiteren schweren Anschuldigungen konfrontiert. Laut einem Bericht von Reuters hat das Unternehmen alle eingehenden E-Mails von allen Kunden auf Anweisung von US-Geheimdiensten überwacht.

Konkret soll vergangenes Jahr ein eigenes Programm entwickelt worden sein, das jede neue, eingetroffene Nachricht automatisch nach von den Ermittlern der NSA und des FBI angeforderten Informationen durchsucht hat. Die soll hunderte Millionen Mails betroffen haben. Grundlage dafür war eine geheime Anordnung der US-Regierung, erklären zwei ungenannte ehemalige Angestellte sowie eine mit den Vorgängen vertraute Person.

Erster Fall von Echtzeitüberwachung

Laut Überwachungsexperten ist dies das erste Mal, dass ein US-Onlineunternehmen sich dazu bereit erklärt, neu eingehende Mails aller Kunden praktisch in Echtzeit zu überwachen. Soweit bekannt wurde von US-Unternehmen bisher ausschließlich im Bedarfsfall auf den bereits bestehenden Posteingang zugegriffen oder derlei Scans auf bestimmte Konten im Rahmen einer Ermittlung beschränkt.

Edward Snowden, der vor wenigen Jahren eine Reihe von Überwachungsprogrammen der NSA und ihrer Partner bekannt gemacht hatte, hat mittlerweile auf die neue Entdeckung reagiert. Er empfiehlt via Twitter allen Yahoo-Kunden, ihre Konten zu schließen.

Vertrauensbruch

Die Entscheidung, der FISA-Direktive Folge zu leisten, soll letztlich von Firmenchefin Marissa Mayer selbst getroffen worden sein. Sie soll laut den Quellen davon ausgegangen sein, das juristische Kräftemessen mit den Behörden ohnehin zu verlieren.

Das nicht darüber in Kenntnis gesetzte Sicherheitsteam von Yahoo hatte das Abhörprogramm nur wenige Wochen nach seiner Installation im Mai 2015 entdeckt und war ursprünglich von einem Hackerangriff ausgegangen. Kurz darauf, im Juni, verließ Sicherheitschef Alex Stamos den Konzern, was unmittelbar mit diesem Vorfall zusammenhängen soll. Er leitet nun die Sicherheitssparte bei Facebook.

Yahoo gibt sich wortkarg

Bisher liegt Reuters nur eine knappe Stellungnahme von Yahoo vor. "Yahoo ist ein gesetzestreues Unternehmen und hält sich an die Gesetze der USA", heißt es darin. Darüber hinaus wollte man sich nicht äußern. Die NSA und der Chef des Büros für nationale Geheimdienstangelegenheiten wollten keinerlei Auskunft erteilen.

Laut Experten ist anzunehmen, dass die Geheimdienste eine solche Direktive auch an andere US-Internetfirmen erteilt hätten. Allerdings ist dies bis dato nicht beweisbar. Google, Microsoft, Apple und andere IT-Konzerne haben in der Zwischenzeit dementiert, eine solche Anordnung erhalten zu haben. (red, 04.10.2016)

Update, 05.10., 11:40 Uhr: Google und andere IT-Konzerne haben mittlerweile den Erhalt einer gleichlautenden FISA-Direktive bestritten. Dies wurde im Artikel ergänzt.

  • Kurz nach dem Bekanntwerden eines riesigen Datenlecks steht Yahoo erneut in der Kritik.
    foto: reuters

    Kurz nach dem Bekanntwerden eines riesigen Datenlecks steht Yahoo erneut in der Kritik.

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