Ein Unschuldiger in der Warteschleife

5. Oktober 2016, 09:36
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Alessandro Schöpf, bei der EM in Frankreich wohl das einzige österreichische Highlight, möchte am Donnerstag gegen Wales mitkicken. Den 22-Jährigen zeichnet Geduld aus. Auch bei Schalke hat sich diese Tugend gelohnt

Wien – Alessandro Schöpf ist geduldig. Der 22-jährige Tiroler hat eine starke Fußball-EM gespielt, war am österreichischen Desaster zwar als Wechselspieler beteiligt, aber total unschuldig. Er hat beim 1:2 gegen Island das Tor erzielt. Teamchef Marcel Koller wurde vorgeworfen, es sei ein grober Fehler gewesen, Schöpf nicht in die Startelf gestellt zu haben, beide sagen dazu nichts mehr, irgendwann ist sogar die quälendste Aufarbeitung abgeschlossen. Schöpf wurde auch beim 2:1 zum Auftakt der WM-Quali in Georgien nur eingewechselt, er rettete auf der Linie und somit den Sieg.

Trotzdem hängt er in der Warteschleife. Am Donnerstag dürfte er im Happel-Stadion gegen Wales eher nicht beginnen. Diesen Zustand kennt er aus Schalke, in den ersten fünf Runden ist er nur Teilzeitkraft gewesen, war an den fünf Niederlagen zwar beteiligt, aber total unschuldig. Das 3:1 in der Europa League gegen Salzburg und das 4:0 am vergangenen Sonntag gegen Mönchengladbach durfte er voll genießen, Trainer Markus Weinzierl zeigte Gnade oder Einsicht. Schöpf zählte beide Male zu den Besten. "Man muss auf seine Chance warten und dann ein Ausrufezeichen setzen. Für Trainer ist es nicht einfach, die richtige Entscheidung zu treffen."

Problemlöser

Man müsse als Fußballer lernen, Rückschläge zu verkraften, das Negative auszublenden. "Ich habe bei Schalke wenig von der Krise mitbekommen, habe keine Zeitungen gelesen, nicht ins Internet geschaut. Das funktioniert." Schöpf löst die Probleme selbst, er meidet in noch so kritischen Situationen Psychologen – Gespräche mit Berater Mario Wöger, Telefonate mit den Eltern reichen vollauf. "Es ist eine Riesenfreude, Fußballer sein zu dürfen. Gesundheit ist das Wichtigste. Dass nicht immer alles schön ist, ist klar."

Fußball sei ein harter Konkurrenzkampf. "Die auf dem Platz stehen, müssen elf Freunde sein. Sie müssen gemeinsam verteidigen, gemeinsam Tore erzielen. Davor und danach muss ich nicht mit allen befreundet sein, da kann jeder sein Ding machen."

Koller betrachtet Schöpf als zentralen Offensivspieler, er sich selbst auch. Diesen Job übt aber Zlatko Junuzovic aus. Schalke verwendet Schöpf an der rechten Seite, diese Position ist im Nationalteam durch den Ausfall von Martin Harnik vakant. Marcel Sabitzer giert danach. Schöpf würde Schöpf präferieren. "Ich bin flexibel, aber wir haben im Kader große Qualität." Es gehe ihm darum, "einen Beitrag zu leisten. Egal, wie lange oder kurz der ist."

Die Vorbereitung ist diesmal sehr kompakt, alle 23 Spieler sind fit, nur Koller humpelt, sein Knie schmerzt. Schöpf: "Ich gebe Gas." In acht ÖFB-Einsätzen hat er zwei Tore geschossen, sein Debüt gab er heuer im März beim 2:1 gegen Albanien. Die aktuelle Leistungsstärke der Nationalmannschaft vermag er nicht zu beurteilen. "Fußball ist immer nur eine Momentaufnahme. Wir werden nach dem Spiel wissen, wo wir stehen."

Nach dem Spiel ist diesmal vor dem Spiel, am Sonntag wird die WM-Quali in Belgrad gegen Serbien fortgesetzt, "Danach wissen wir noch mehr." Schöpf bemüht Floskeln, die in all ihr Schlichtheit die Wahrheit treffen. "Man muss die Qualität auf dem Platz umsetzen." Oder: "Man soll nur von Spiel zu Spiel schauen." Also schaut er auf Wales. "Eine Supermannschaft, kompakt in der Defensive, gefährlich in der Offensive. Über Gareth Bale muss man nichts sagen." Alessandro Schöpf ist jedenfalls bereit. "Meine Geduld ist groß, die Chance naht." (Christian Hackl, 4.10. 2016)

  • Alessandro Schöpf blickt zuversichtlich in die Zukunft.
    foto: apa/hochmuth

    Alessandro Schöpf blickt zuversichtlich in die Zukunft.

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