Nächste Runde in Rennen um UN-Chefposten

5. Oktober 2016, 07:00
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Die Krise zwischen den USA und Russland überschattet die Wahl des neuen Generalsekretärs. Am Mittwoch könnte eine Vorentscheidung fallen

Genf / New York – Der amtierende Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, drückt aufs Tempo: "Ich hoffe ernsthaft, dass die Mitgliedstaaten meinen Nachfolger so bald wie möglich wählen", sagte Ban (72) Anfang der Woche in Genf. Die Mahnung hat einen Grund: Die eskalierende Krise in den Beziehungen zwischen den UN-Großmächten USA und Russland gefährdet den Wahlprozess für den nächsten Generalsekretär. Ohne eine Einigung der Russen und Amerikaner hinter den Kulissen, dürfte sich das monatelange Feilschen weiter in die Länge ziehen.

Zumindest könnte am Mittwoch im UN-Sicherheitsrat eine Vorentscheidung über den neunten Generalsekretär fallen, der ab 2017 der Weltorganisation ein Gesicht geben soll. Bans Nachfolger wird die Vereinten Nationen in schwierigem Fahrwasser übernehmen: Kriege, Terrorismus und Flüchtlingselend bestimmen das Leben von Millionen Menschen. Der schwerfällige UN-Apparat zeigt sich den vielen globalen Krisen kaum gewachsen.

Neue Kandidatin

Spät, aber noch rechtzeitig stieg die Vizepräsidentin der EU-Kommission, Kristalina Georgiewa, in das Rennen ein. Die Bulgarin Georgiewa, unterstützt von ihrer Regierung, ist jetzt eine von fünf Frauen unter den zehn Bewerbern für die Nachfolge des Südkoreaners Ban. Zwar drängen viele Staaten darauf, nach mehr als 70 Jahren den Topjob im New Yorker UN-Glaspalast einer Frau zu übertragen, doch ob die Männerherrschaft tatsächlich gebrochen wird, ist zumindest offen.

Als ein Favorit für den begehrten UN-Posten gilt António Guterres. Der frühere portugiesische Premierminister und ehemalige UN-Hochkommissar für Flüchtlinge gewann alle fünf bislang durchgeführten Probeabstimmungen im Sicherheitsrat – mit großem Vorsprung. Im letzten Durchgang sprachen sich zwölf Mitgliedsländer des Rates für ihn aus, zwei Länder empfahlen eine Beendigung seiner Kandidatur, und ein Staatenrepräsentant gab keine Meinung kund. Auf den zweiten Platz kam in dieser Abstimmung Serbiens früherer Außenminister Vuk Jeremic, der jedoch in Washington auf Ablehnung stößt. Den dritten Platz belegte der amtierende Außenminister der Slowakei, Miroslav Lajcák.

Doch ein Gesamtsieg des Portugiesen Guterres ist längst keine ausgemachte Sache. Denn es ist nicht klar, ob er auf das Wohlwollen aller fünf Vetomächte zählen kann. Russland pocht darauf, dass bei der Wahl zum nächsten Generalsekretär erstmals Osteuropa zum Zuge kommt: Im Feld der zehn Kandidaten befinden sich laut der aktuellen UN-Liste sieben Osteuropäer. Die Bulgarin Irina Bokowa steht in Moskau laut Diplomaten noch immer hoch im Kurs. Die Gunst ihrer Regierung in Sofia hat die Chefin der Kulturorganisation Unesco jedoch nach mäßigen Resultaten in den Probeabstimmungen verloren. Nach letztem Stand treten also zwei Bulgarinnen an: Irina Bokowa und Kristalina Georgiewa.

Farbe bekennen

Laut UN-Fahrplan sollen die fünf Vetomächte bei der nächsten Probeabstimmung am Mittwoch Farbe bekennen: Die Abstimmung unter den 15 Mitgliedern verläuft zwar weiterhin anonym, die Karten der ständigen Mitglieder USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien werden aber eine andere Couleur haben als jene der nichtständigen Mitglieder. "Falls eine Vetomacht sich gegen einen Kandidaten ausspricht, ist dessen Bewerbung faktisch erledigt", erklärt ein Diplomat. Ziel der Sicherheitsratsmitglieder ist es, sich im Konsens auf einen Kandidaten zu einigen. Der oder die Auserwählte wird dann der UN-Vollversammlung zur formalen Abstimmung vorgeschlagen. (Jan Dirk Herbermann, 5.10.2016)

  • Antonio Guterres, Expremier von Portugal, war von 2005 bis 2015 Uno-Flüchtlingskommissar und bestritt sein Hearing in Englisch, Französisch, Spanisch.
    foto: afp/betancur

    Antonio Guterres, Expremier von Portugal, war von 2005 bis 2015 Uno-Flüchtlingskommissar und bestritt sein Hearing in Englisch, Französisch, Spanisch.

  • Vuk Jeremic war Außenminister von Serbien. Er will sich vor allem der umfassenden Uno-Reform widmen.
    foto: afp/emmert

    Vuk Jeremic war Außenminister von Serbien. Er will sich vor allem der umfassenden Uno-Reform widmen.

  • Der slowakische Außenminister Miroslav Lajčák ist auch Vizepremier der zweiten Regierung unter Ministerpräsident Robert Fico. Diese Position hatte er bereits 2009 bis 2010 während der ersten Regierung Fico inne.
    foto: afp/klamar

    Der slowakische Außenminister Miroslav Lajčák ist auch Vizepremier der zweiten Regierung unter Ministerpräsident Robert Fico. Diese Position hatte er bereits 2009 bis 2010 während der ersten Regierung Fico inne.

  • Die Bulgarin und Vizepräsidentin der EU-Kommission Kristalina Georgiewa rechnet sich trotz ihrer späten Kandidatur Chancen aus.
Die 63-jährige Ökonomin war unter anderem als Vizepräsidentin der Weltbank und als EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe tätig. 2014 übernahm sie den Posten der EU-Haushaltskommissarin.
    foto: afp/reuter

    Die Bulgarin und Vizepräsidentin der EU-Kommission Kristalina Georgiewa rechnet sich trotz ihrer späten Kandidatur Chancen aus.

    Die 63-jährige Ökonomin war unter anderem als Vizepräsidentin der Weltbank und als EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe tätig. 2014 übernahm sie den Posten der EU-Haushaltskommissarin.

  • Die bulgarische Unesco-Generalsekretärin Irina Bokowa stellte die Menschenrechte ins Zentrum ihrer Kandidatur. Sie kandidiert, obwohl ihr Land ihr die Unterstützung entzogen hat.
    foto: epa/becker

    Die bulgarische Unesco-Generalsekretärin Irina Bokowa stellte die Menschenrechte ins Zentrum ihrer Kandidatur. Sie kandidiert, obwohl ihr Land ihr die Unterstützung entzogen hat.

  • Danilo Türk, ehemaliger Präsident von Slowenien, will ebenfalls die Kommunikation verbessern, allerdings vor allem nach außen.
    foto: reuters/kalnins

    Danilo Türk, ehemaliger Präsident von Slowenien, will ebenfalls die Kommunikation verbessern, allerdings vor allem nach außen.

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