Spanische Gewerkschaft kritisiert Zwang zu unbezahlten Überstunden

5. Oktober 2016, 07:00
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Die Arbeitsmarktreform der rechtskonservativen Regierung stößt bei der Gewerkschaft auf wenig Gegenliebe

"Die Arbeitsmarktreform von 2012 hat der Ausbeutung der Mitarbeiter Tür und Tor geöffnet", sagt Isabel Araque Lucena, Verbandssekretärin der spanischen sozialistischen Gewerkschaft Unión General de Trabajadores (UGT). Die Gewerkschafterin kritisiert, Mitarbeiter würden immer mehr gezwungen, schlechtere Anstellungsverhältnisse zu akzeptieren.

Der Druck, der auf ihnen laste, gekoppelt mit großen Ängsten, die Stelle zu verlieren, führe dazu, dass seit 2010 weit mehr unbezahlte Überstunden geleistet würden als früher. Durch diese Praxis hätten Mitarbeiter seitdem 12,5 Milliarden Euro weniger verdient. Die unbezahlte Mehrarbeit stieg im Vergleichszeitraum um 33,8 Prozent. Parallel gingen bezahlte Überstunden um fast 15 Prozent zurück.

"Jene Überstunden sind auch äquivalent mit 84.000 neuen Arbeitsplätzen", sagt Araque. Da Arbeitgeber nicht entlohnte Mehrarbeit der Sozialversicherung nicht abgelten, verlor diese gut 3,5 Milliarden Euro an Einnahmen.

Kritik am Arbeitsmarktpaket

Das von der rechtskonservativen Partido-Popular-Regierung (PP) als Meilenstein gefeierte Paket gegen die damals extreme und heute nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit ruft immer mehr Kritiker auf den Plan. Auch seitens des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) gab es zuletzt vernichtende Urteile. In einem Spruch hat der EuGH Madrid in puncto Aneinanderreihung befristeter Arbeitsverträge – Usus nicht nur in der Gastronomie und Hotellerie – in die Schranken gewiesen. Diese Praxis sei illegal. Dasselbe gelte für das Aneinanderreihen von Praktikumsverträgen – beliebte Praxis in Spaniens öffentlichem Dienst.

Die Gewerkschaft UGT fordert nun vehement ein neues Arbeitsmarktgesetz. Zudem macht sie in den aktuell laufenden Tarifverhandlungen Druck, damit ein sattes Gehaltsplus von vier Prozent herausschaut. Arbeitgeber wollen jedoch nicht mehr als ein Prozent geben. Sie verweisen darauf, dass andernfalls der Jobmotor wieder zu stottern begänne.

Wie aktuelle Statistiken belegen, ist die Arbeitslosigkeit zum Ausklang der Rekord-Sommertourismussaison im September um 22.800 Erwerbslose im Jahresabstand gestiegen. Mehr als 3,7 Millionen Spanier sind nach wie vor als arbeitslos gemeldet. Mehr als 60 Prozent davon haben seit über einem Jahr keinen Job.

Weinlese entschärft Situation

Doch saisonbereinigt zeigt sich ein bescheidenes Plus von 16.000 neuen Stellen. Auch die Zahl der bei der Sozialversicherung gemeldeten Beitragszahler ist nach 2014 zum zweiten Mal seit Krisenbeginn 2007 um mehr als 12.000 – saisonbereinigt um mehr als 44.700 – angewachsen. Das erklärt sich wiederum zu einem beachtlichen Teil mit dem Auftakt der Weinlese und Erntesaison.

Der Agrarsektor war der mit dem stärksten Beschäftigungszuwachs (plus 12.500), gefolgt von der Bauwirtschaft (plus 9.900). Jedoch waren neun von zehn der 1,9 Millionen registrierten Arbeitsverträge im September befristet – und mehr als ein Drittel Teilzeit.

Positiv ist die Entwicklung bei den sogenannten Ni-nis, das sind jene jungen Spanier (15 bis 29 Jahre), die weder einer Arbeit noch einer Ausbildung nachgehen. Ihre Zahl sinkt. (Jan Marot aus Granada, 5.10.2016)

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