"Der Schwierige": Wer einfach nur redet, überschätzt sich selbst

4. Oktober 2016, 16:01
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Hofmannsthals Stück hat am Donnerstag Josefstadt-Premiere: Ein Rat- als Stichwortgeber

Aristokratie Hugo von Hofmannsthals Der Schwierige (1921) spielt in den Wiener gehobenen Kreisen. Der Erste Weltkrieg hat aus Heimkehrern wie dem Grafen Hans Karl Bühl ("Kari") zögerliche Melancholiker gemacht. Standespersonen wie ihm ist jedes laute Wort, jede indiskrete Äußerung in der Seele zuwider. Es braucht fast zwei von drei Lustspielakten, um Kari zur Preisgabe seines sprachphilosophischen Credos zu bewegen: "Das Reden basiert auf einer indezenten Selbstüberschätzung."

Genre Damit ist nicht die Gattung des Lustspiels gemeint, die Hofmannsthal (1874-1929), das einstige Wunderkind, im Falle des Schwierigen sehr frei nach Molière gebraucht. "Genre" meint die soziale Rolle, die jemand in der feinen Gesellschaft nicht nur einnimmt, sondern sein ganzes Leben über beizubehalten hat. Karis törichter Neffe Stani nennt das im unnachahmlichen Jargon des Salons: "die tenue", also Haltung, bewahren.

Idiom Heutige Leser des Schwierigen bedürfen im Grunde eines Glossars, um die Nuancen all der verwendeten Französismen auch wirklich zu verstehen. "Au fond" – im Grunde – geht es darum, das jeweilige Gegenüber durch "odioses Perorieren" – gehässiges verbales Auftrumpfen – nicht etwa in Verlegenheit zu setzen.

Interesse Geredet wird unausgesetzt und geziert. "Au fond" bleibt der Gesprächsgegenstand im Schwierigen immer der nämliche: Männer, die der Zumutung enthoben sind, sich den Lebensunterhalt durch ihrer Hände Fleiß zu verdienen, versichern einander ihres lebhaften Interesses am anderen Geschlecht.

Komödie Die Fabel des Stücks verleitete den Kritiker Alfred Kerr zu dem Kurzschluss, von einem "Verlobungslustspiel aus der Komtessenschicht" zu schreiben. Hans Karl Bühl, wiewohl erst 39, läuft mit seiner notorischen Unentschlossenheit Gefahr, ein alter Hagestolz zu werden. Die Liaison mit Antoinette Hechingen beendet er in Freundschaft, da er ihren Gemahl als Kriegskameraden liebgewonnen hat. Er soll die Verlobung seines Neffen Stani mit Helene Altenwyl betreiben. Ganz wider Willen fädelt er jedoch seine eigene Hochzeit mit Helene ein. Beinahe droht das löbliche Projekt an seinen Skrupeln zu scheitern.

Lob Seine ganze Überzeugungskraft verwendet Hofmannsthal auf den Lobpreis des Ehestandes, den er in die Sphäre "höherer Notwendigkeit" entrückt. Das Unglück einer Figur wie z. B. der koketten Antoinette erwächst aus dem Flattersinn. In ihm und durch ihn manifestieren sich massive Bindungsängste. "Ich kann nur im Moment leben", zwitschert dieses nervöse Salongeschöpf. Hierin überschneidet sich Hofmannsthals Zeitkritik mit den Intuitionen seines Dichterfreundes Arthur Schnitzler. Der Mensch ist nur ein Bündel von Sinneswahrnehmungen. Keine Macht der Welt verbürgt ihm die Unwandelbarkeit seiner Existenz.

Manieren Allein ihretwegen fliegt die altösterreichische Gesellschaft in ihrer Gebrechlichkeit nicht auseinander. In Wahrheit sind Manieren, zumal die guten, ein Mittel, sich der Zudringlichkeit durch inferiore Mitmenschen zu erwehren. Der Vorteil dabei: Man muss nicht deutlicher werden als nötig.

Tradition Der Schwierige wird oft verteufelt und noch häufiger gespielt. Morgen, Donnerstag, hat das Lustspiel wieder einmal Josefstadt-Premiere: Es inszeniert Janusz Kica, Michael Dangl gibt den Kari Bühl. Weitere Mitwirkende: Ulli Maier, Alma Hasun und Matthias Franz Stein. (Ronald Pohl, 4.10.2016)

  • Grazil: Hugo von Hofmannsthal, am Schreibtisch lesend (um 1900).
    foto: sammlung rauch / interfoto

    Grazil: Hugo von Hofmannsthal, am Schreibtisch lesend (um 1900).

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