Zangenzeichen: Fliesen aus Vorarlberg

6. Oktober 2016, 16:35
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Raku, die traditionelle japanische Brenntechnik, und digitale Grafik können gut miteinander. Die Manufaktur Karak erzeugt zeitgenössische Fliesen in alter Handwerkskunst

Der herbe Geruch von Geräuchertem zieht über das Gelände. Es raucht und zischt vor der Werkstatt von Karak in Schlins. Ein Mann mit Schutzhelm und Schürze, eine Mischung aus Hochofenarbeiter und Fantasykrieger, holt mit einer langen Zange glühende Tonstücke aus einem Brennofen. Er legt das Objekt vorsichtig in eine Wanne mit unidentifizierbarem Inhalt. "Sägespäne, einfache Sägespäne sind das", erklärt Marta Rauch-Debevec, die Keramikerin. Quasi eingegraben wird das Werkstück im organischen Brennstoff. Eine kurze Flamme flackert auf. Was dann passiert, ist Chemie und Physik. Durch die luftdichte Lagerung im Späne-Asche-Gemisch wird dem Objekt Sauerstoff entzogen, Kohlenstoff entsteht. Die Glasur verfärbt sich, durch die Haarrisse dringt der Kohlenstoff ein, zeichnet zarte schwarze Linien.

Der Zangenmann gräbt das Objekt wieder aus, die Ornamente sind nun deutlich sichtbar. Die Fliese wird in eine Wasserwanne getaucht. Es zischt. Der Temperaturschock gibt der Oberfläche ihr Gesicht. Je nach Mix der Mineralmehle in der Glasur, das Rezept ist bei allen Keramikkünstlern Berufsgeheimnis, zeigt sich ein unterschiedliches Farbenspiel.

Lauter Unikate

Die Praktikantin ist am Zug. Sie befreit die Fliese mit Wasser und Seife liebevoll von Ruß und Rauch. "Nun wird das für Raku typische Krakelee sichtbar", zeigt Marta Rauch-Debevec auf das zarte Geflecht von Rissen und Linien. "Und hier", sie weist auf ein kleines Mal, "wo sich Zange und Fliese berührt haben, entstand ein Zeichen." In Japan, wo man Raku im 16. Jahrhundert erfand, stehe dieser Abdruck für Qualität, sagt die Keramikerin, "nur wenn das Zeichen sichtbar ist, gilt eine Keramik als Handarbeit". Jedes Stück, das aus der Manufaktur von Karak kommt, ist ein Unikat. Eine Tatsache, mit der das Team vor kurzem auch auf der "100 % Design" im Rahmen des London Design Festival aufhorchen ließ.

Die Idee zur Fliesenproduktion entstand vor acht Jahren zufällig. Als Martin Rauch, international bekannter Lehmbauer, das Haus für seine Familie plante, war für seine Frau klar: "Wir sind beide Keramiker, also muss in unser Haus auch was Keramisches." Das Rauch-Haus mit den ungewöhnlichen Fliesen in Bad und Küche landete in zahlreichen Architekturzeitschriften. Unverhofft kamen die ersten Aufträge.

Gemeinsame Manufaktur

Eigentlich gar nichts am Hut mit den elterlichen Werkstätten hatte Sebastian Rauch. Bis seine Mutter auf Grafiken, die der Druckvorstufentechniker auf seinem Computer hatte, aufmerksam wurde. "Ich war begeistert von den Mustern", erzählt Marta Rauch-Debevec. "Und dann hast du gefragt, wie man denn die Muster vom Computer auf die Fliese bringen könnte", ergänzt der Sohn. Bis zur gemeinsamen Manufaktur verging noch Zeit. Sebastian studierte Grafikdesign in Wien, begann nebenbei mit seiner Mutter Ornamente zu entwickeln. Muster, die entfernt an orientalische Keramik erinnern, jedoch über jeden Kitschverdacht erhaben sind.

Die digital entwickelten Ornamente, floral oder streng geometrisch, werden mit Siebdruck auf die Rohlinge aufgebracht. Manche der Muster wurden mit den Kunden entwickelt, oft in einem monatelangen Prozess. "Viele sind an klassische Muster angelehnt", sagt Sebastian Rauch und gibt sich als "Fan" von Dagobert Peche (Wiener Werkstätte) zu erkennen. "Er war mutig und propagierte ein lebendiges Ornament der Gegenwart." Auch Karak versuche "eindeutig zeitgenössisch" zu sein, "aber nicht im Sinne von schnell und modisch, sondern langlebig".

Das Bekenntnis zur Qualität beginnt bereits bei den Rohlingen, die in Handarbeit produziert werden. Basis ist die Lehmerde, die Lehmbauer Martin Rauch mit dem ihm eigenen Know-how mischt. Zur Lehmerde kommen Schamott und Quarzsand. Der Ton wird abgewogen und in die Metallformen einer Presse gefüllt. Ein Knopfdruck, 25 Tonnen pressen die Erde in die Form. Das Ergebnis, eine helle Fliese, die sich feucht anfühlt. Von Hand werden die Kanten mit einem Ledertuch gebrochen, die Oberflächen mit einem Holzstück fein gesäubert. Eine Woche trocknet der Rohling, dann landet er im ersten Brennofen. Mit Siebdruck wird das Ornament aufgetragen. Schließlich beginnt die beschriebene Prozedur des Rakubrands.

Arabische Ornamente

Zum Einsatz kommen die Fliesen vor allem bei Restaurierungen historischer Häuser, bei Neubauten von Architekten, die keine Scheu vor dem Ornament haben, oder bei Kunst-am-Bau-Projekten. Für jenes an der Schule Kopfholz in Adliswil (Schweiz) wurde eine dreidimensionale Fliese entworfen, die an Maschrabiyya, arabische Holzfenster, erinnert. Die besondere Fassade des Schulbaus von Boltshauser Architekten aus vertikal verarbeiteten grüngrauen Backsteinen habe sie zur Neuentwicklung inspiriert, sagen Marta und Sebastian Rauch, die auch gerade bei der Vienna Design Week Station machen.

Für die Umsetzung war viel Denkarbeit notwendig. Thomas Rösler, Product-Designer und -Engineer und der Dritte im Kernteam von Karak, entwickelte neue Pressformen und -techniken: "Es war nicht nur eine technische Herausforderung, das Produkt sollte auch leistbar sein." Nun wird an weiteren Optimierungen gefeilt. Karak-Fliesen sollen weiter Unikate sein, aber günstiger werden. Derzeit berappt man für den Quadratmeter zwischen 400 und 1.000 Euro. Nicht billig, aber einzigartig. (Jutta Berger, RONDO, 7.10.2016)

Weiterlesen:

>> Vienna Design Week: Auf die Plätze, fertig, Design!

Im Rahmen der Vienna Design Week (bis 9. 10.) macht die Fliesenmanufaktur Karak bis 8. 10. in Wien Station, und zwar in Form eines Ornamentlabors in der Rüdigergasse 8, 1050 Wien.

www.karak.at

viennadesignweek.at

  • Jenseits der Fliesencity: Sebastian Rauch (links im Bild), Marta Rauch-Debevec und Thomas Rösler sind das Kernteam der Fliesenmanufaktur Karak.
    foto: vincent ribbers

    Jenseits der Fliesencity: Sebastian Rauch (links im Bild), Marta Rauch-Debevec und Thomas Rösler sind das Kernteam der Fliesenmanufaktur Karak.

  • Heiße Sache: Eine dreidimensionale Fliese entsteht.
    foto: hanno mackowitz

    Heiße Sache: Eine dreidimensionale Fliese entsteht.

  • Artikelbild
    foto: hanno mackowitz
  • Zum Einsatz kommt sie  als Kunst am Bau wie im Falle der Schule Kopfholz.
    foto: beat bühler

    Zum Einsatz kommt sie als Kunst am Bau wie im Falle der Schule Kopfholz.

  • Mittels Siebdrucks kommen die Ornamente auf den Ton.
    foto: beat bühler

    Mittels Siebdrucks kommen die Ornamente auf den Ton.

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