Frankreich kauft Züge, die es nicht braucht

4. Oktober 2016, 14:37
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Mit dem Kauf von 15 Hochgeschwindigkeitszügen will die französische Regierung die Schließung eines Alstom-Werks verhindern

Paris – Mit dem Kauf von 15 TGV-Hochgeschwindigkeitszügen im Wert von rund 450 Millionen Euro will die französische Regierung die vom Hersteller Alstom geplante Schließung eines Werkes in Belfort verhindern. Damit soll der drohende Verlust von 400 Arbeitsplätzen in dem 1879 gegründeten Lokomotivenwerk abgewendet werden. "Dank des Eingreifens des Staates und des Engagements aller Beteiligten ist das Alstom-Werk in Belfort gerettet", verkündete Premierminister Manuel Valls am Dienstag auf Twitter.

Die Entscheidung sieben Monate vor der Präsidentenwahl ist die erste, mit der der Staat selbst Züge kauft, um Jobs zu erhalten. Präsident Francois Hollande hatte den Arbeitnehmern versprochen, er werde "alles dafür tun", dass das Werk in Belfort nicht geschlossen werde.

Die staatlich kontrollierte Bahngesellschaft SNCF hat bisher stets erklärt, sie habe keinen Bedarf an den Hochgeschwindigkeitszügen. Sie sollen nach den Vorstellungen von Hollandes Regierung "in Vorwegnahme des späteren Ausbaus" auf Strecken eingesetzt werden, auf denen nur normales Tempo gefahren werden kann. Die SNCF soll sie betreiben.

Bestandssicherung

Die Anschaffung der 15 TGV-Züge ist der wichtigste Teil eines Pakets, mit dem das Werk im ostfranzösischen Belfort zumindest bis zum Jahr 2020 gesichert werden soll. Im Budget ist diese Investition nicht vorgesehen. Alstom wollte das Werk ursprünglich bis 2018 fast völlig schließen.

Aus einer Mitteilung von Industriestaatssekretär Christophe Sirugue geht hervor, dass SNCF sich zudem so rasch wie möglich mit Alstom über den Preis der schon länger geplanten Anschaffung von sechs TGV-Zügen für eine Strecke zwischen Paris und Mailand einigen soll. In der Branche wird das Auftragsvolumen auf etwa 200 Millionen Euro geschätzt. Zudem wird SNCF 20 Diesellokomotiven bestellen, mit denen auch TGV-Züge abgeschleppt werden können. Alstom werde insgesamt bis 2020 rund 40 Millionen Euro in diverse Vorhaben in Belfort investieren, davon 30 Millionen Euro in eine neue Lokomotive.

Die Opposition kritisierte die Entscheidung. Senatspräsident Gerard Larcher von den gaullistischen Republikanern sprach von "wahltaktischem Flickwerk": "Die eigentliche Aufgabe der Regierung sollte es sein, für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen zu sorgen." Der konservative Ex-Premier Francois Fillon, der sich um eine Präsidentschaftskandidatur bemüht, sagte: "Wenn die SNCF diese Züge nicht braucht, dann wird sich ihre schon jetzt unbeherrschbare finanzielle Lage noch weiter verschlechtern." (APA, 4.10.2016)

  • Ein niegelnagelneuer TGV aus dem Alstom-Werk in Belfort.
    foto: reuters/jacky naegelen

    Ein niegelnagelneuer TGV aus dem Alstom-Werk in Belfort.

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