Ich bin so müde

Glosse5. Oktober 2016, 07:00
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Einige Touristen bringen jedes Jahr sich und ihre Familie in den Chronikteil der "Slobodna Dalmacija", wo sie dann aufgeblähte Wasserleichen sind

Diese Art Müdigkeit lässt sich schwer in Worte fassen, weil sie nichts mit Schweiß und Arbeit zu tun hat. Sondern mit Menschen. Mit dummen Menschen. Sie sind es, die mich so müde machen. Dabei bin ich selbst nicht der Klügsten einer. Eher Durchschnitt.

Der planlose Holländer

Wer absichtlich mit einem offenen Boot von 4,5 Meter Länge und einem Außenbordmotor, der sechs PS hat, von Trogir nach Sutivan fahren will, braucht dazu bei Windstille zwei bis drei Stunden. Am besten unternimmt man diese kleine Reise bei "bonaca", wie man hier die spiegelglatte Windstille in den frühen Morgenstunden nennt. Mit etwas Glück hält die bonaca bis zum Mittag, wenn pünktlich der Maestral einsetzt.

Aber heute kämpfen eine mittelheftige Bura und ein Jugo um die Herrschaft über die Wellen im Kanal von Brač. Diese nicht seltene Kombination nennen die alten Fischer Dalmatiens "Scheißwetter". So wie anderswo auch.

Längst sind alle Boote im Hafen, als oben beschriebenes im Windschatten der großen Mole von Sutivan ankommt wie ein von den Wellen hineingespülter Korken. An Bord ist eine vierköpfige Familie, im Boot schwappt Meereswasser, das Anlegemanöver, bei dem Papa und Sohn uneins sind, wer den Außenborder bedient, verläuft ungeschickt. Dann fragt mich der Mann auf Englisch, wo er denn sei. Ich sage: "Du bist in Sutivan ..." Sein Gesichtsausdruck, ein Fragezeichen. Ich sage: "Sutivan, Insel Brač ...", und füge sicherheitshalber hinzu: "Republik Kroatien."

Von Eseln und Maultieren

Der Mann gibt mir seine Navigationskarte, damit ich ihm zeige, wo er sich befindet. Es ist eine durchnässte, faltbare Karte der Radwege um Trogir. Oben links ist ein schwarzer Pfeil, der auf den Buchstaben "N" zeigt, die wenigen Inseln sind grüne Flächen, das Meer ist eine blaue Fläche, die Radwege sind gelb und führen von und zu roten Punkten. Rundherum sind kleine Fotos zu den Sehenswürdigkeiten, die man bei den roten Punkten findet. Ich zeige auf eine Stelle, die etwa 30 Zentimeter außerhalb dieser Karte liegt, und sage: "Du bist hier."

Der Mann bedankt sich und beginnt sein Boot zu wenden, um mit seiner durchnässten Familie zurück nach Trogir zu fahren. Mir wird klar, dass dieser Mann zu jenen Touristen gehört, die glauben, die Adria sei eine harmlose Badewanne. Einige dieser Touristen bringen so jedes Jahr sich und ihre Familie in den Chronikteil der "Slobodna Dalmacija", wo sie dann aufgeblähte Wasserleichen sind, die mit Hakenstangen an Bord von Polizeibooten geholt werden.

Und mir wird auch klar, dass, wenn dieser Tourist als Esel zu bezeichnen ist, der Eigner der Bootsvermietung, der ihm eine Radwegekarte als Navigationshilfe mitgibt, ein Maultier sein muss. Wie sehr beides wahr ist, erfahre ich etwas später.

Die Schiffbrüchigen

Es gelingt mir, den Mann zu überzeugen, mit seiner Familie in meinem Haus zu übernachten, am nächsten Morgen Benzin zu besorgen und erst dann, wenn die Adria aufhört, garstig zu sein, nach Trogir zu fahren. Nun sitzen Mama und Papa Holländer mit mir auf meiner Veranda, während die Kinder im Garten spielen.

Irgendwie scheint dieser Mann nicht zu begreifen, was er seiner Familie fast angetan hätte. Wenn ich ihm die hiesigen Meeres- und Windverhältnisse erkläre und vom Bootshaken des Polizeiboots erzähle, lächelt er nur immerzu wie ein höflicher Orientale, der kein Wort versteht, aber trotzdem lächelt, um den Gastgeber nicht zu beleidigen. Also lasse ich mir nun von ihm erzählen, wie er und seine Familie zu Schiffbrüchigen geworden sind.

Der Bootsvermieter – so die Erzählung – gibt Papa Holländer den Rat, nach zweieinhalb Stunden umzukehren, weil der Tank für etwa fünf Stunden Fahrt reicht. Doch der Holländer vergisst, auf seine Uhr zu sehen. Stattdessen verwechselt er die Insel Čiovo mit der Insel Brač und hält über vier Stunden, trotz Kreuzwellen und heftiger Böen, unbeirrt den Kurs, der ihn nach Sutivan spült. Er weiß nicht einmal, wie viel Treibstoff noch im Tank ist. Hätte er, wie gewollt, in Sutivan kehrtgemacht, so wäre ihm das Benzin irgendwo zwischen Split und Brač ausgegangen, und er hätte die Wellen nicht mehr mit Motorkraft "ausreiten" können. Selbst wenn er wüsste, dass das geht und wie man es macht. Ohne Motor wäre es nur eine Frage der Zeit, bis so viel Adria im Boot ist, dass es kentert.

Es wird offensichtlich, dass der Bootsvermieter nicht einmal einen Bootsführerschein vom Holländer sehen will. Was auch sinnlos wäre, denn Papa Holländer besitzt gar keinen. So wie die meisten derjenigen, die Jahr für Jahr hier ertrinken.

Der gute Mensch

Und dann löst er das Geheimnis um sein mildes Lächeln. Er sagt: "Ich habe schon aufgeblähte Wasserleichen gesehen, das ist schrecklich. Diese armen Menschen. Aber ich bin ein guter Mensch. Ich schlage meine Kinder nicht, ich arbeite in einem Sozialberuf, ich gebe Bettlern und bin ein hilfsbereiter Nachbar und gläubiger Protestant. Warum sollte mir Gott Böses widerfahren lassen? Hat er nicht auch dich geschickt, damit wir gerettet werden?"

Wer mich kennt, weiß, was jetzt in meinem benebelten Gehirn vorgeht: Ich werde sehr plötzlich sehr müde. Denn vor mir sitzt, selbstgefällig lächelnd, ein Idiot. Einer von der üblen Sorte, die das Wohlergehen der eigenen Kinder in die Hände des Glaubens legt, statt gesichertem Wissen oder wenigstens dem Verstand zu vertrauen. Dazu ist er auch noch ein Idiot, der sich weitervermehrt hat. Trost finde ich erst später, bei der Lektüre der "Darwin Awards" für besonders depperte Selbstentfernungen aus dem genetischen Pool der Menschheit. Kurz stelle ich mir den Holländer darin vor. Seine Familie blende ich aus, weil ich glauben möcht', dass hier noch Hoffnung ist.

Dann rufe ich Ciko den Hirten an, um ihn bei seiner Christenehre zu packen. "Man muss sich unter Christenmenschen helfen", sage ich nach einer kurzen Erklärung der Situation. Ciko meint nur, ich hätte Glück, weil er sowieso nach Supetar muss, um für seine Motorsäge Benzin zu holen. Scheinbar – so denke ich – mag Gott seinen Idioten wirklich. Gegen Mitternacht bringt Ciko der Hirte einen Kanister mit Treibstoff für das Boot des guten Menschen aus Holland.

Als er mir den Kanister reicht und ich ihm 100 Kuna gebe, murmelt er: "Das sind Protestanten ... keine richtigen Christen... hol sie alle der Teufel!"

Nun bin ich so richtig müde. (Bogumil Balkansky, 5.10.2016)

  • Längst sind alle Boote im Hafen, als oben beschriebenes im Windschatten der großen Mole von Sutivan ankommt wie ein von den Wellen hineingespülter Korken.
    foto: bogumil balkansky

    Längst sind alle Boote im Hafen, als oben beschriebenes im Windschatten der großen Mole von Sutivan ankommt wie ein von den Wellen hineingespülter Korken.

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