Zahl der Schüler mit Deutschproblemen ist massiv gestiegen

3. Oktober 2016, 17:31
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Wegen der Flüchtlingsbewegungen gibt es seit 2010 80 Prozent mehr außerordentliche Schülerinnen und Schüler

Wien – Die Zahl jener Pflichtschüler in Österreich, die der Unterrichtssprache Deutsch noch nicht folgen können, wird immer größer. Messbar wird dieser Anstieg am Status "außerordentlich": So können jene Kinder von Direktoren eingestuft werden, die vor allem mangelhafte Deutschkenntnisse haben oder aus anderen Gründen dem Unterricht noch nicht folgen können.

Der Vorteil dieser Maßnahme: Kinder werden durch spezielle Sprachkurse gefördert und nehmen am regulären Schulleben teil. In Fächern, in denen aufgrund der Deutschkenntnisse keine positive Benotung möglich ist, werden sie nicht benotet. Kinder können bis zu zwei Jahre als außerordentliche Schüler eingestuft werden. Spätestens dann sollte der Spracherwerb so gegeben sein, dass diese zu ordentlichen Schülern werden.

Anstieg von 80 Prozent seit 2010

Die Zahl der außerordentlichen Schülerinnen und Schüler in Österreich ist jedenfalls in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Im Schuljahr 2010/11 gab es 17.283 außerordentliche Schüler, 2015/16 waren es 31.118, hieß es auf Anfrage des STANDARD aus dem Büro von Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ). Das ist ein Anstieg von mehr als 80 Prozent in nur fünf Jahren. Die Gesamtzahl der Pflichtschüler in Österreich ist in diesem Zeitraum hingegen von rund 580.000 Schülern (2010/11) auf 563.000 Schüler (2015/16) gefallen.

Der signifikante Anstieg von Schülern mit großen Deutschdefiziten wird im Ministerium auch mit den jüngsten Flüchtlingsbewegungen erklärt. Aktuell dürften es also noch mehr außerordentliche Schülerinnen und Schüler geben, die Zahlen zum aktuellen Schuljahr sind aber noch nicht erhoben.

Zahl in Wien verdoppelt

Vor besonderen Herausforderungen in puncto Deutschförderung steht Wien: Hier hat sich die Zahl der außerordentlichen Schülerinnen und Schüler in Pflichtschulen innerhalb von fünf Jahren fast verdoppelt: von 7900 im Schuljahr 2010/11 auf "mehr als 15.000". Das sagte Stadtschulratspräsident Jürgen Czernohorszky dem STANDARD. Er sprach von einer "sehr hohen Zahl". Fast die Hälfte aller außerordentlichen Schüler in Österreich gibt es damit in Wien.

Von den aktuell rund 100.000 Pflichtschülern in Wien haben knapp mehr als 60.000 Schüler eine andere Erstsprache als Deutsch. Das bedeutet, dass fast jeder vierte Schüler mit Migrationshintergrund als "außerordentlich" geführt wird.

Mehr Sprachförderkurse gefordert

Czernohorszky bezeichnete eine Aufstockung der Sprachförderung für diese Kinder und Jugendlichen als "allerzentralste unserer Forderungen". Der Status "außerordentlich" erlaube, Schüler bis zu elf Unterrichtsstunden pro Woche aus der Klasse zu nehmen und intensiv Deutsch mit ihnen zu lernen. "Wir bräuchten alleine für dieses Schuljahr 110 Sprachlehrer mehr." Die Sprachförderkurse seien aber im Finanzausgleich gedeckelt – womit Wien benachteiligt werde.

Im Büro von Hammerschmid wird auf Zusatzmittel verwiesen, die aus dem Integrationstopf II an die Schulen fließen sollen. Als Kriterium für die Verteilung wird etwa der Anteil der Schüler mit einer anderen Erstsprache als Deutsch herangezogen – oder auch der Anteil der Schüler mit niedrig gebildeten Eltern.

Geldmittel nach sozialen Kriterien

Damit gibt es für Schulen erstmals eine Verteilung von Geld nach sozialen Kriterien und nicht hauptsächlich anhand von Schülerzahlen am Standort. 40 Millionen Euro sollen heuer österreichweit ausgeschüttet werden, 2017 sind es 80 Millionen Euro – DER STANDARD berichtete. Die Freigabe erfolgte laut Bildungsministerium vor rund drei Wochen durch das Finanzministerium.

In den Pflichtschulen sollen die Planstellen für Sprachförderkurse und Sprachstartgruppen von 442 auf 850 aufgestockt werden. Dazu kommen – neben anderen Maßnahmen – auch 85 Planstellen für Sozialarbeit oder 250 Intensivlehrer für begleitende pädagogische Integrationsmaßnahmen.

Gelder noch nicht angekommen

Laut Kathrin Liener, der Sprecherin von Hammerschmid, sind die 850 Planstellen für Sprachförderkurse "bereits im Stellplan berücksichtigt und großteils schon tätig". Dem widerspricht Czernohorszky: Noch seien die Gelder nicht angekommen. Fließen sie, sei das ein "großer Schritt".

Mit den "Einmalmaßnahmen" ließe sich aber nur "der größte Missstand beheben". Czernohorszky fordert weiter die Aufhebung der Deckelung für Sprachförderkurse durch den Bund, um diese Förderkurse durchgängig anbieten zu können. (David Krutzler, 3.10.2016)

  • Kinder können bis zu zwei Jahre als außerordentlicher Schüler eingestuft werden. Spätestens dann sollte der Spracherwerb so gegeben sein, dass diese zu ordentlichen Schülern werden.
    foto: apa / harald schneider

    Kinder können bis zu zwei Jahre als außerordentlicher Schüler eingestuft werden. Spätestens dann sollte der Spracherwerb so gegeben sein, dass diese zu ordentlichen Schülern werden.

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