Australiens Kulturkampf um das Windhunderennen

4. Oktober 2016, 11:00
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Im Bundesstaat New South Wales hat die Regierung die beliebten Windhunderennen verboten. Die Anklage: endemische Tierquälerei. Eine lukrative Industrie rüstet sich zum Kampf gegen den Entscheid.

Leone Bown ist im Dauerstress. "Putzen, desinfizieren, Klauen schneiden, die Zähne bürsten – das gehört zum Alltag im Rennstall", sagt die Züchterin und Trainerin von Windhunden. Man hat den Eindruck, die sogenannten "Greyhounds" seien für die Mittfünfzigerin ein Kinderersatz. In einem Laufgitter bewacht eine ebenso schlanke wie muskulöse Hündin vier kleine Welpen. Sogar das Kinderspielzeug fehlt nicht.

"Das Mädchen hat mir schon viel Freude gemacht – und Geld", sagt Bown, das Tier sei eine "hervorragende Rennerin". Eine gute halbe Million Euro habe sie in die Farm im Dorf Bungonia gesteckt, etwa zwei Stunden südlich von Sydney. "Und jetzt das", sagt Bown, "alles kaputt. Mein Sport, meine Pension, mein Lebensstil."

Mitte 2017 wird im Bundesstaat New South Wales das Züchten, Trainieren und Rennen von Windhunden verboten. Das haben Regierung und Parlament kompromisslos beschlossen. Die Härte des Entscheids ist selbst für die oft hemdsärmelige Politik Australiens radikal. "Mit gutem Grund", sagt Regierungschef Mike Baird.

Eine Untersuchungskommission war zum Schluss gekommen, in der Windhundeindustrie sei Tierquälerei so endemisch, dass sie nicht mehr reguliert werden könne. 20 Prozent aller Trainer würden statt einer Attrappe aus Kaninchenfell lebende Ködertiere verwenden, um ihre Hunde beim Training auf der Rennstrecke zur Höchstleistung anzutreiben. "Live Baiting" ist aber streng verboten.

Skandal im Fernsehen aufgedeckt

Ein TV-Sender hatte den Skandal ans Licht gebracht. Mit versteckter Kamera aufgenommene Filme zeigen schreiende Ferkel und Kaninchen, die auf der Bahn vor den Hunden entlanggezogen werden. Holen die Hunde die Köder ein, zerreißen sie diese bei lebendigem Leib. Ein weiteres Problem ist der chronische Tierüberschuss. Laut Untersuchung sollen seit 2004 72.000 Hunde getötet worden sein, weil es an Bedarf fehlte oder die Tiere für Rennen zu langsam waren. "Abfalltiere", so der Fachausdruck.

Für Züchter wie Bown, die "nie, absolut nie" lebende Köder verwendet habe, sind solche Berichte "übertrieben", die Verfehlungen seien "Ausnahmen". Hunde, die zu langsam waren, habe sie noch nie getötet.

Wetten und Glückspiel gehören für viele Australier zum Alltag. Seit den ersten Tagen der ehemaligen Sträflingskolonie ist "Gambling" eine nationale Besessenheit. Kein anderes Land auf der Welt spielt so gerne und so häufig: Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung setzen regelmäßig auf Hunde oder Pferde, Ziehen am Arm des einarmigen Banditen oder sitzen am Poker- oder Roulettetisch.

Jede Beschneidung der Wettmöglichkeiten hat in Australien in der Regel eine Wirkung, wie wenn der Papst im Petersdom das Beten verbieten würde. Die Windhundeindustrie appelliert in einer aggressiven Offensive an Patriotismus und Traditionen. Hunde seien "die Rennpferde des gewöhnlichen Volkes", heißt es in einer Kampagne, Wetten sei ein Spaß für die ganze Familie. Das Verbot sei unverantwortlich und würde bis zu 25.000 Beschäftigten den Job kosten, so ein Sprecher. Der Züchterverband verklagt die Regierung. Die Behauptung Blairs, die Industrie habe keine "soziale Lizenz" der Öffentlichkeit, habe juristisch kein Fundament.

Warnung vor einem Blutbad

In Blairs Regierungskoalition ist der Entscheid alles andere als unumstritten. Obwohl Wahlen erst für 2019 geplant sind, zittern vor allem ländliche Abgeordnete um ihren Posten. Die Industrie warnt derweil vor einem Blutbad im Hundezwinger: Zehntausende von Zucht- und Rennhunden würden in den kommenden Monaten ein Herrchen finden müssen, sonst drohe ihnen der Kopfschuss. Tierschutzverbände bereiten sich auf Massenkeulungen vor.

Leone Bown überlegt sich, in einen anderen Bundesstaat zu ziehen. Doch ob sie und ihre Tiere dort sicher wären, weiß sie nicht. Andere Regierungen haben bereits angekündigt, dem Beispiel von New South Wales folgen zu wollen. (Urs Wälterlin aus Bungonia, 4.10.2016)

  • "Live Baiting", also lebende Köder verwenden, sollen 20 Prozent aller australischen Trainer für Windhunde exerzieren. Dies hat zu einem Verbot im Bundesstaat New South Wales geführt.
    foto: apa/epa/boglarka bodnar

    "Live Baiting", also lebende Köder verwenden, sollen 20 Prozent aller australischen Trainer für Windhunde exerzieren. Dies hat zu einem Verbot im Bundesstaat New South Wales geführt.

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