Pflegende Angehörige beantragen selten Geld für Auszeit

4. Oktober 2016, 05:30
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Nur jeder 33. sucht um Unterstützung bei Urlaub oder Krankheit an – Therapeutin warnt vor psychischen Folgen

Wien – Die Haupturlaubszeit ist vorbei, doch für viele pflegende Angehörige brachte sie wohl kaum Zeit durchzuatmen. Diesen Schluss legen aktuelle Zahlen aus einer Beantwortung des Sozialministeriums auf eine Anfrage der Grünen nahe. Im Vorjahr bezogen rund 455.000 Menschen in Österreich Pflegegeld, rund 80 Prozent wurden laut Caritas von Verwandten betreut. Die Zahl jener, die 2015 auch um Geld für Ersatzpflege ansuchten, da sie krank waren oder in den Urlaub fuhren, ist vergleichsweise gering.

foto: dpa/grafik: standard, quellen: bmask, statistik austria

Im Vorjahr gingen beim Unterstützungsfonds für Menschen mit Behinderungen für eine ersatzweise organisierte Pflege 11.128 Anträge ein – also von etwa jedem 33. Pflegenden eines Angehörigen. 9791 Anträge wurden bewilligt – die Tendenz steigt. In drei Viertel der Fälle handelt es sich um die Bezahlung privat organisierter Ersatzpflege, bei einem Viertel von professioneller Pflege. Der Bund gab dafür im Vorjahr rund elf Millionen Euro aus, 2014 etwas mehr, zuvor war die Zahl stets gestiegen.

Vier Anträge Minderjähriger

Die Anfragebeantwortung gibt auch darüber Aufschluss, wer eine Pflegevertretung beantragt: meist Frauen, im Schnitt 56 Jahre alt, 94 Prozent haben ein Einkommen zwischen null und 2000 Euro – es gelten Einkommenshöchstgrenzen (siehe Wissensbox unter dem Artikel). Auch vier Minderjährige waren im Vorjahr erstmals unter den Antragstellern (Durchschnittsalter: 17 Jahre).

Der Großteil der Anträge wird für einen Urlaub gestellt, doch fast drei von zehn Pflegenden ersuchen aus Krankheitsgründen um Unterstützung, die für maximal vier Wochen gewährt wird. Der Höchstbetrag für die Ersatzpflege Minderjähriger oder Demenzkranker wird ab 2017 um 300 Euro angehoben. Die Maximalbezüge liegen derzeit – je nach Pflegestufe – bei 1300 bis 2200 Euro.

Grünen-Sozialsprecherin Judith Schwentner fordert eine Erhöhung für alle Pflegestufen und einen Rechtsanspruch auf finanzielle Unterstützung. Aus dem Büro von Sozialminister Alois Stöger (SPÖ) heißt es dazu, weitere Erhöhungen seien nicht vorgesehen und de facto bestehe bereits ein Rechtsanspruch, da die Unterstützung bei Erfüllung aller Bedingungen immer gewährt werde.

Sieben Tage Mindestdauer

Außerdem fordern die Grünen Ersatzpflege auch für kürzere Zeiträume. Sie ist für mindestens sieben Tage am Stück zu beantragen – nur bei der Pflege Demenzkranker sind Anträge ab vier Tagen möglich. Es sei keine Verkürzung der Mindestbezugsdauer geplant, heißt es von Stöger – unter anderem, "um einen nachhaltigen Erholungseffekt zu erzielen". Bei dem Vorwurf, es gebe zu wenig Bewerbung der Angebote, verwies der Minister auf Broschüren für pflegende Angehörige und regionale Info-Veranstaltungen.

Sich als Pflegender vertreten zu lassen fällt Angehörigen nicht nur wegen finanzieller Fragen schwer, sagt Christine Maieron-Coloni von der psychosozialen Angehörigenberatung der Caritas: Oft verhindere schlechtes Gewissen oder die Trauer um nicht mehr mögliche gemeinsame Aktivitäten den Entschluss für eine Auszeit. "Viele Menschen isolieren sich in Pflegesituationen zunehmend", erläutert die Psychotherapeutin. Insbesondere bei der Umsorgung Demenzkranker bestehe diese Gefahr, da der Betreuungsbedarf schleichend zunehme.

Depressive Entwicklungen

Betreuungs- und Pflegesituationen bergen Maieron-Coloni zufolge das Risiko depressiver Entwicklungen. Psychische und körperliche Schäden pflegender Angehöriger seien nicht auszuschließen.

Gemeinsame Urlaubsangebote für Pflegebedürftige und Betreuende könnten den Teufelskreis durchbrechen. Die Caritas hat Ende Juni zwei neue Angebote dafür eröffnet – in Magdas Hotel in Wien und im Obenauf in Unternalb bei Retz. Die Unterbringungskosten sind dort für alle Gäste – mit oder ohne Pflegebedarf – gleich, Leistungen für die Pflege werden zusätzlich auf Privatzahlerbasis verrechnet. Das Problem: Reguläre Förderungen der Pflege sind auf das Bundesland des Wohnsitzes beschränkt. Wer über die Landesgrenze fährt, hat keinen Anspruch auf die Förderung dort in Anspruch genommener Pflegeleistungen.

Die neuen Urlaubsangebote würden noch wenig angenommen, hieß es bei der Caritas Wien. Man müsse noch mehr darüber informieren. Dass der Bedarf bestehe, davon ist man überzeugt. (Gudrun Springer, 4.10.2016)

WISSEN: Wer Hilfe bekommt

Wer Angehörige pflegt, kann für Ersatzpflege Geld beantragen, so der Pflegebedürftige Pflegegeld der Stufe drei bis sieben erhält. Ab Pflegestufe eins geht das auch bei einem nahen Angehörigen, der dement oder minderjährig ist. Man muss die Person mindestens seit einem Jahr überwiegend pflegen. Die Einkommensgrenze liegt bis Stufe fünf bei 2000, ab Stufe sechs bei 2500 Euro. (spri)

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