"Yes, but is it performable?": Die allmähliche Verfertigung der Ausstellung beim Sehen

4. Oktober 2016, 06:00
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Im Grazer Künstlerhaus wird eine Schau inszeniert, die wächst und mit Zeugnissen von unwiederholbaren "Ereignissen" beeindruckt. In der Mediengesellschaft ist die Inszenierung oberstes Prinzip

Graz – Eine Ausstellung, die wächst. Yes, but is it performable? im Grazer Künstlerhaus führt in Kooperation mit dem Steirischen Herbst "Untersuchungen des performativen Paradoxes" durch. Die Vermehrung der Exponate hält bis zum 12. Oktober an, erst dann ist die Schau vollständig und noch bis 20. November zu sehen.

Was ist ein "performatives Paradox"? Im Sinn der "Yes, but ..."-Kuratierung von Christian Egger etwa der Widerspruch zwischen der Künstlichkeit einer Performance und der Tatsache, dass sie sich wirklich ereignet. Eine Frage, die alle betrifft, die in einer Mediengesellschaft leben, in der Inszenierung oberstes Prinzip ist.

Am Anfang von Yes, but is it performable? am 24. September standen die Installation Mirror Pieces (1969–2000) von Joan Jonas und das Konzeptblatt für Valie Exports Aktion I am beaten von 1973. Zwei sehr unterschiedliche Arbeiten, die gemein haben, dass sie unwiederbringliche Ereignisse belegen.

Wechselwirkungen

Die Mirror Pieces zeigen auf den ersten Blick die Inszenierung des Videomitschnitts einer "mirror performance" der New Yorker Künstlerin Joan Jonas (80) von 1969. Bei näherem Hinsehen wird klar, dass die Installation aus Spiegeln, einem nur über diese zu verfolgenden Video, einem Steinkreis, mit Spiegeln besetzten Kleidungsstücken, einem Foto und einem Eisenring auf mehrere Arbeiten hinweist. Und mehr: Mirror Pieces macht auf die Wechselwirkungen zwischen dem Objekt Spiegel und spiegelhaften Medien wie Fotografie und Film aufmerksam – und zieht die Betrachter in ihre Bildhaftigkeit mit hinein. Dadurch wird die Installation selbst zur Performance.

Valie Exports Konzeptpapier ist gerahmt, mit einem Passepartout versehen und hinter Glas wie ein "klassisches" Bild fürs Wohnzimmer. Von diesem ironischen Zitat sollte man sich nicht täuschen lassen. Denn Export zeigt hier den genauen Plan für ihre Videoaktion – oder wie sie es nennt: "Körper Interaktion" – I am beaten von 1973. Sorgfältig komponiert mit Transparent- auf Millimeterpapier, handgeschriebenen Textstellen, Fotos und Zeichnung. Auch hier sind Spiegel und Video mit im Spiel. Die Arbeit triggert die Imaginationskraft der Besucher. Über das Lesen des Plans entstehen Vorstellungen darüber, wie die Aktion abgelaufen sein könnte.

Performances folgen

Zur Eröffnung wurde in Yes, but is it performable? eine Performance von Sarah Mendelsohn und Fred Schmid-Areales gezeigt: Borders, Bowels. Und vergangenen Mittwoch brachte das Künstlerduo Karl Karner und Linda Samaraweerová Würfeln – Fell mit Ball ins Künstlerhaus. An diesem Tag wurden der Ausstellung auch Werke von Renate Bertlmann und Stuart Brisley hinzugefügt. Dabei gewinnt die kuratorische Arbeit eine Ebene dazu: die der Dramaturgie. Das verändert den Charakter der Ausstellung als solche, die hier keine fixierte "Installation" ist, sondern zum Prozess der Bespielung eines Raumes wird.

Nun stehen noch Performances von Nezaket Ekici und Marie Karlberg bevor. Zu den der Schau noch hinzuzufügenden Positionen gehören Werke unter anderem von Katalin Ladik und Stefanie Seibold. (Helmut Ploebst, 4.10.2016)

  • Schauwerte durch den Prozess der Raumbespielung: die Performance "Würfeln – Fell mit Ball"  (vom 28. September) von Karl Karner und Linda Samaraweerová im Grazer Künstlerhaus.
    foto: karner und samaraweerová

    Schauwerte durch den Prozess der Raumbespielung: die Performance "Würfeln – Fell mit Ball" (vom 28. September) von Karl Karner und Linda Samaraweerová im Grazer Künstlerhaus.

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