"Die Damen warten": In der Vorhölle Schönheitstempel

3. Oktober 2016, 16:35
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Im Innsbrucker Kellertheater kommt beim Gespräch allerlei Böswilliges zutage

Innsbruck – In Videointerviews, die zu Beginn auf dem weißen Bühnenvorhang projiziert werden, skizzieren vier Damen fortgeschrittenen Alters ihre jeweilige Lebenssituation: Die pensionierte Pathologin Frau Grau (Eleonore Bürcher) ist alleinstehend, kinderlos und hat allem Erotischen abgeschworen. Hingegen schätzt es Frau Merz-Dulschmann (Ute Heidorn), glücklich verheiratet zu sein und als finanziell versorgte Hausfrau für Mann und Söhne waschen und putzen zu dürfen.

Die alleinerziehende Frau Luhmann (Bernadette Heidegger) hat zwischen aufreibendem Job und pubertierendem Sohn längst resigniert. Und die tussige Frau Töss (Nevena Lukic), Angestellte einer Anwaltskanzlei, nimmt die alltäglichen sexuellen Belästigungen der männlichen Kollegen als gegeben hin. Mit einer Gratisbehandlung in einem Wellness-Tempel – anlässlich des Weltfrauentags! – wurden sie nun von der Regierung beschenkt. Was dann am Innsbrucker Kellertheater in sterilem zuckerlrosa Ambiente bei Algenbad und Schokowickel abgeht, grenzt an Höchstleistung.

Männliche Klischees

Mit schonungsloser und entwaffnender Ehrlichkeit, Bösartigkeit, Bissigkeit und Selbsthass führt Autorin Sibylle Berg ihre verwitternden Protagonistinnen in Die Damen warten in eine Vorhölle namens Schönheitstempel. Doch eines verbindet die Damen: die Unbill, die sie mit dem männlichen Geschlecht zu erleiden haben.

foto: kellertheater
Horst (Benjamin Lang) ist das männliche Feindbild für die vier Damen.

Dieses verkörpert der Hair-Make-up-Artist und Hormonexperte Horst (Benjamin Lang). Er bündelt sämtliche männlichen Klischees in Bezug auf Sexismus, Arroganz und Frauenfeindlichkeit.

Manfred Schild (Inszenierung) trifft mit einem ausgezeichneten Ensemble – auch musikalisch – den richtigen Ton. Ein absolut sehenswerter Abend! (Dorothea Nikolussi-Salzer, 4.10.2016)

  • Bernadette Heidegger, Ute Heidorn, Eleonore Bürcher und Nevena Lukic (v. li.) warten auf ihre Schokowickel und haben dabei einiges zu besprechen.
    foto: kellertheater

    Bernadette Heidegger, Ute Heidorn, Eleonore Bürcher und Nevena Lukic (v. li.) warten auf ihre Schokowickel und haben dabei einiges zu besprechen.

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